Schwarze Löcher, weiße Kugeln: Winterliche Eiersuche nach Thecla betulae

Der Nierenfleck-Zipfelfalter Thecla betulae (LINNAEUS, 1758) ist als Ei viel leichter denn als Falter nachzuweisen. Das können etliche Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft aus eigener Erfahrung bestätigen, auch wenn in der Vereinsdatenbank den „schwarzen Löchern“ nicht anzusehen ist, ob sich hinter den Einträgen von Eierfunde oder aber Faltersichtungen verbergen.

Thecla betulae: „Schwarze Löcher“ auf den Nachweiskarten der Vereinsdatenbank zeigen den aktuellen Kenntnisstand.

Was jedoch bereits in der Färbung der Quadranten erkennbar ist, sind die bevorzugten „Suchgebiete“, die – durchaus nicht zufällig – um die Wohnorte einiger Suchender gruppiert sind. Und wenn man mit dem Cursor online über die Verbreitungskarte fährt, fällt auch auf, wie viele Funde gerade in 2016 und 2017 hinzugekommen sind. Und mit den Dateneinspeisungen für 2018 wird es wieder viele „Farbwechsel“ geben, das steht jetzt schon fest!

Denn mindestens drei Vereinsmitglieder sind nachgerade süchtig nach der Eiersuche und haben teils ihre Ehefrauen bzw. – männer auch infiziert. Wobei sie das Glück haben, dass im direkten Umfeld – wie bei uns sogar im eigenen Garten, jahrzehntelang unbemerkt?! – Thecla betulae vorkommt.

 

Ei von Thecla betulae. (Foto: Hubertus Trilling)

Das Ei von Thecla betulae sieht aus wie ein winziges Seeigel-Innenskelett. Hat man sich erst einmal „eingesehen“, sind die Eier plötzlich fast überall zu finden. (Foto: Hubertus Trilling)

Dabei ist die Eiersuche keineswegs aufwendig. Wenn man ohnehin Ausflüge und Wanderungen unternimmt, man dabei an einem Schlehengebüsch vorbeikommt, dauert die eigentliche Suche oft nur ein paar Minuten. Für den Nachweis reicht das, aber man kann dann natürlich weitersuchen und findet oft noch mehr. Manchmal ist sogar ersichtlich, wo ein Weibchen entlanggeflogen und wo es abgebogen ist. Die Eier sind wirklich leicht zu finden und bescheren schöne Erfolgserlebnisse.

Irgendwann wird man dann die Wanderungen gezielter planen und zuvor, wenn man die Gegend nicht so gut kennt, auf Satellitenkarten nach kleinräumig strukturierten Offenlandgebieten mit vielen Hecken oder auch Waldrändern Ausschau halten. Und ein Schelm, wer Böses dabei denkt, wenn man dabei auch noch im Blick hat, in welchem Meßtischblatt-Quadranten die Gegend liegt … .

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Im Rhein-Sieg-Kreis etwa, wo Thecla betulae auf der Roten Liste von 2011 in Kategorie 3 eingestuft ist, konnten mein Mann Hajo und ich bisher an fast jeder größeren Schlehenhecke die schönen weißen Eier nachweisen. Hauptsächlich, aber nicht nur, wurden die Funde an Schlehenhecken und Gebüschen sonnig-warmer Standorte gemacht, auch wenn die Eier selbst dann oft im Halbschatten waren. Die Fundorte sind meist ganz unspektakulär, zum Beispiel fanden wir die Eier häufig einfach an Wegrändern, an „Straßenbegleitgrün“ von Kreis- bis Schnellstraße, an der gebüschreichen Umzäunung von Sendemasten, Klärwerken oder Wasserbehältern, an Bahndämmen, sogar innerhalb von Dörfern und Städten.
Wie das auch in der Literatur beschrieben wird, werden die Eier meist einzeln, teils auch paarweise oder selten zu dritt abgelegt. Junge, noch nicht deutlich von Flechten bewachsene Zweige von Prunus spinosa werden auch nach unserer Erfahrung bevorzugt. Wir schauen von etwa Kniehöhe so hoch, wie es bequem möglich ist. Bei bedecktem Himmel sieht man sie leichter als bei Sonnenschein – und die Belegfotos werden besser. Häufig sind die jungen Ausläufer von am Rand immer wieder geschnittenen Gebüschen besonders beliebt, nicht so sehr alte vergreiste Bereiche der Gebüsche. Die Eier finden wir meist in den Astgabeln kleiner Nebenzweige oder Dornen, ausnahmsweise auch einfach am Zweig selbst. Es lohnt sich übrigens, auch an Pflaumen- oder Zwetschgenbäumen (Prunus domestica) nachzuschauen, wenn man die Äste erreichen kann – ein paar der Funde haben wir an Pflaumen gemacht.

Wie weit drei der Suchenden mit dieser Methode schon gekommen sind, ist immer aktuell der Verbreitungskarte von Thecla betulae in naturgucker zu entnehmen, vgl. https://naturgucker.de. Denn Michael Benteler, Hubertus Trilling und ich notieren unsere Funde stets zeitnah und komplett dort. So haben wir in den ersten beiden Monaten 2017 allein in Nordrhein-Westfalen insgesamt über 80 Thecla-betulae-Eier gefunden, und seit September bis Jahresende 2017 sogar 120. Viele davon liegen in „neuen“ Quadranten.

Übrigens stehen in naturgucker den bisher für NRW in 2017 gemeldeten insgesamt, wenn ich richtig gezählt habe, 224 Eiern nur 8 Faltersichtungen gegenüber. Man kann die Falter durchaus entdecken – doch braucht es dazu Geduld und Zeit, wobei vor allem letztere während der Sommermonate lieber in andere Beobachtungen investiert wird.
Und es gibt es immer wieder einmal interessante „Beifänge“. Relativ häufig findet man die ebenfalls weißen, aber anders geformten Eier des Milchweißen Bindenspanners Plemyria rubiginata (DENIS & SCHIFFERMÜLLER, 1775). Nach der kleinen Fundstatistik von meinem Mann und mir seit Januar 2016 kam bei uns ungefähr ein Ei von Plemyria rubiginata auf fünf Eier von Thecla betulae. Die Weißdorn-Eule Allophyes oxyacanthae (LINNAEUS, 1758) ist als Falter nicht selten am Licht oder Köder, Eier haben wir allerdings bisher nur 4 im Arbeitsgebiet gefunden. Und wenn man schon unterwegs ist, kann man natürlich auch nach den Ausfluglöchern des Hornissen-Glasflüglers Sesia apiformis (CLERCK, 1759) in Pappeln schauen, die bei uns ebenfalls leicht zu finden sind.

Absolut begeisternd finde ich jedoch die wirklich seltenen Überraschungen. Dazu zähle ich die Eier des Pflaumen-Zipfelfalters Satyrium pruni (LINNAEUS, 1758), die sowohl vom Michael Benteler als auch von meinem Mann und mir 2017 gefunden wurden, insgesamt vier Stück. Zudem wollte hier im Rhein-Sieg-Kreis augenscheinlich eine Raupe des Eichenspinners Lasiocampa quercus (LINNAEUS, 1758), in unserer Region Rote Liste 2, auf einem Schlehenzweig überwintern. Wollte man die Schlehen ausschließlich nach diesen Arten absuchen, wäre das ein ziemlich frustrierendes Unterfangen. Doch soviel Glück wie Hubertus Trilling, der in seiner Gegend auch Eier von Satyrium spini (DENIS & SCHIFFERMÜLLER, 1775) an Kreuzdorn gefunden hat, kann nicht jeder haben – schließlich ist der Kreuzdorn-Zipfelfalter nur sehr lokal verbreitet.

Wir sind gespannt, wie viele Nachweise von Thecla betulae in dieser winterlichen Suchsaison noch zusammenkommen, schließlich ist sie noch lang – und es spornt durchaus an zu sehen, wie aktiv die anderen sind und was sie gefunden haben. Wir werden dann zu gegebener Zeit darüber berichten.

Wobei das wissenschaftliche Interesse an den Nachweisen sehr schöne Nebenwirkungen hat – es motiviert, auch bei schlechtem Wetter rauszugehen, fördert die Gesundheit, dient dem bessern Kennenlernen der näheren und weiteren Wohnumgebung, regt an, neue Wanderwege auszuprobieren, und hilft, den Blick für die Gebüsche am Wegesrand zu schärfen. Kenntnis von schönen Schlehenbeständen ist schließlich auch für andere lepidopterologische Zwecke nützlich – wenn man etwa im Frühjahr in eher älteren Gebüschen nach Theria primaria (HAWORTH, 1809) oder Theria rupicapraria (DENIS & SCHIFFERMÜLLER, 1775) Ausschau halten will. Also nichts wie raus!

Buch- und sonstige Empfehlungen:
HERMANN, G. (2007): Tagfalter suchen im Winter – Searching for Butterflies in Winter. – 224 Seiten, Norderstedt (Books on Demand GmbH)

http://www.schmetterling-raupe.de
Hinweise zur winterlichen Suche nach Eiern

http://www.orchids.de/haynold/tkq/KoordinatenErmittler.php
Karten oder Satellitenbilder mit zuschaltbarer MTB-Einteilung

Dieser Beitrag wurde unter Daten, Seltene Arten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.