Raupenfrühling und die Lehre vom richtigen Zeitpunkt

Nicht nur bei den Faltern hat der Frühling losgelegt, sondern auch bei den Raupen. So war ich Anfang April 2020 auch wieder in meinen beiden Düsseldorfer Gebieten kartieren, und habe fleißig v.a. an blühenden Schlehen geklopft und Kätzchen von Weiden und Pappeln gesammelt.

Teils durch Aufsammeln vom Boden, teils durch Klopfen von Gebüsch und krautigen Pflanzen, teils aber auch durch Klopfen an dem kätzchentragenden Gehölz selbst und weil viele Weidenkätzchen erst gerade angingen zu blühen und also noch nicht „reif“ zum Klopfen waren auch durch „pflücken“. An dem Tag selber habe ich kaum Raupen zu sehen bekommen, aber ich habe ja in diversen Plastiktüten jede Menge Proben mit nach Hause genommen, und da kamen dann in den folgenden Tagen hunderte Raupen heraus, die am Sammeltag wohl noch winzig kleine L1 in den Kätzchen oder zwischen den Schlehenblüten gewesen sein dürften: Cosmia trapezina, Amphipyra pyramidea und A. berbera, Colotois pennaria, Agriopis spec., Erannis defoliaria, Apocheima pilosaria waren u.a. schon dabei!

Interessant war, dass es blühphänologisch doch recht deutliche Unterschiede gab zwischen den Gebieten: Während auf dem Golfplatz Hubbelrath die meisten Schlehen in prächtiger Vollblüte standen und ich an der üblichen Stelle (siehe Bild 1) wieder so einige vermeintliche Rhinoprora chloerata-Raupen finden konnte, waren die Schlehen im UG Eller Forst schon durch und dort gab es dann diesmal auch leider keine Raupen dieser Gattung. Eine dieser Raupen sah ich schon gleich nach dem Klopfen im Schirm und diese hat sich auch gleich am nächsten Tag schon den Kokon gebaut, zwei weitere tauchten erst am 7.4. beim Durchwühlen der Probe auf, eine am 8.4., zwei am 9.4. und eine am 10.4. Allerdings habe ich den Verdacht, dass es sich bei den später aufgetauchten auch um die ähnliche und viel häufigere, aber normal phänologisch spätere R. rectangulata handeln könnte, deren Raupe tendenziell etwas schlanker ist (siehe dazu auch Bild 2). Zur Sicherheit werden natürlich alle gezüchtet.

Auch bei der Esche hatte ich Pech: In Hubbelrath gingen bei den beklopfbaren Eschen gerade erst die Blüten auf, im Eller Forst waren sie jedoch schon abgeblüht. Vor ein paar Jahren war es noch anders, denn da konnte ich in beiden Gebieten genau zur Eschenvollblüte daran klopfen (10.4.2015 im Eller Forst, 15.4. in Hubbelrath) und hatte an jeder Esche zahllose winzige Raupen von Agrochola circellaris im Schirm!

Was die Weiden und Pappeln angeht,  war ich zuvor schon ein bisschen in Aachen aktiv gewesen: Am 3.3. nahm ich ein paar blühende Zweige einer großen männlichen Salweide mit, welche von einem Sturm dahingerafft worden war und stellte sie in Wasser. Bis zum 25.3. stand das dann alles nur rum bis ich mal Zeit hatte danach zu schauen und fand dann beim abmachen der schon arg trocken gewordenen Kätzchen gleich mal eine ausgewachsene X. icteritia Raupe sowie eine X. togata in vorletzter Haut und eine leider tote Eulenraupe im Wasserglas. Nachdem ich die Kätzchen etwas angefeuchtet hatte tauchten dann am 29.3. beim Wühlen darin noch eine Puppe von Eupithecia tenuiata auf sowie eine weitere Raupe von X. togata und insgesamt vier A. circellaris in verschiedenen Stadien und am 8.4. schließlich noch eine L3 von Operophtera brumata! Nicht schlecht für nur ca. 4 oder 5 Zweige mit 24g Kätzchen!

Faunistisch interessanter war aber das Ergebnis des Pappelkätzchen-Sammelns. Nachdem ich die letzten Jahre immer den Fall der Pappelkätzchen irgendwie verpasst hatte, habe ich diesmal etwas genauer hingeschaut und bei mir zuhause um die Ecke mitgekriegt, dass die Reihe von ca. 10 Bäumen Pyramidenpappeln (Populus nigra „Italica“, s. Bild 3) am 21.3. schon die meisten ihrer männlichen Kätzchen geworfen hatte, aber auch noch welche am Baum hingen. Die am Boden liegenden Kätzchen waren bei 5°C und sonnig-trockenem Wetter zwar nicht mehr frisch, aber auch noch nicht völlig bröselig, so dass ich am Standort Peliserkerstraße mit einem Kehrbleck in kurzer Zeit satte 1895 g sammeln konnte, vornehmlich aus der „Gosse“, wo sie sich gut gesammelt hatten (Bild 4). An zwei Stellen im Stadtpark mit einer bzw. vier Pappeln derselben Art musste ich allerdings mühsam mit den Fingern vom Boden aufsammeln, so dass dort nicht ganz so viel zusammenkam ebenso wie bei einer auch schon so erstaunlich früh blühenden Bastardpappel (= Populus x canadensis) in der Nähe meiner Wohnung.

Und wie war nun das Ergebnis? Am 22.3. zeigte sich zunächst nur eine O. brumata, am 24.3. dann eine A. circellaris und ab dem 25.3. bis zum 29.3. dann viele weitere Herbsteulenraupen in zumeist sehr kleinen Häutungsstadien: insgesamt bargen diese Proben am Ende 7 A. circellaris, 10 X. gilvago c.f. (Bild 5) und 4 X. ocellaris c.f. (Bild 6) sowie eine vor der Bestimmbarkeit verstorbene X. am gilvago/ocellaris agg..

Die Unterscheidung der beiden letzteren Arten, von denen nun bis auf eine 16.4. alle in der Erde sind, ist nicht einfach, aber man kann schon recht gut einige Unterschiede sehen, die auch zu gewissen Literaturangaben passen. Offenbar hat X. gilvago v.a. eine hellere und mehr ins gelbliche gehende stärker konstrastierende Seitenlinie sowie etwas deutlichere Rückenzeichnungen. Bisher dachte ich immer, dass die X. gilvago vielleicht doch nur an Ulme geht, aber nun habe ich bei Überprüfung älterer Funde von mir doch festgestellt, dass ich die X. gilvago auch vorher schon öfter sogar zusammen mit X. ocellaris in Pappelkätzchen eingetragen hatte – so z.B. am 10.4.1999, an dem von einer Bastardpappel in einem Aachener Industriegebiet Kätzchen gesammelt worden waren mit Raupen, aus denen drei eindeutige X. ocellaris Falter geschlüpft waren, aber auch ein ganz leicht krüppeliger Falter mit X. gilvago-Habitus, den ich damals partout nicht als solchen wahrhaben wollte!

Auch im Düsseldorfer Eller Forst gibt es beide Arten: So ergab der aus einer der beiden 2017 dort gefundenen Raupen gezogene Falter eine sichere X. ocellaris, die 2015 dort gefundene Raupe habe ich damals trotz des eigentlich klaren X. gilvago-Falters, der daraus schlüpfte, jedoch zunächst wieder fälschlich als X. ocellaris deklariert. Dieses Jahr konnte ich nun trotz fleißigen Sammelns von Pappelkätzchen dort nur zwei Raupen finden, bei denen es sich definitiv um X. gilvago oder X. ocellaris handelt, welche aber momentan noch zu klein sind um sie artgenau zuzuordnen.

Am 15.4. habe ich dann endlich die letzten Proben vom 6.4. entsorgt, obwohl auch an diesem Tag noch einige Raupen darin aufgetaucht waren, wie z.B. eine X. togata in einer schon ziemlich stinkenden Probe von männlichen Grauweidenkätzchen und eine A. circellaris in einer Pappelkätzchenprobe. Das Gesamtresultat ist wieder höchst interessant: So wurden alleine im Eller Forst diesmal 10 X. icteritia in diversen Weidenkätzchen nachgewiesen, nachdem die Art dort 2019 überhaupt erst zum allerersten Mal als Art aufgetaucht war! Ist die Art nun als Raupe phänologisch so früh, dass sie deswegen in den Vorjahren übersehen worden war? Oder ist das Ganze eine Folge des Klimawandels? Und warum gab es dieses Jahr so wenige A. circellaris: nur 15 Raupen im Eller Forst, wo es 2017 noch 81 gegeben hatte? Dabei wurden diesmal ganz besonders viele Weiden- und Pappelkätzchen gesammelt und in den Vorjahren eigentlich nur wenige!

Zu guter Letzt noch ein paar Hinweise für Interessierte, die die Methoden selber mal ausprobieren wollen:

  • Fleißig mitnehmen – viele Arten findet man kaum vor Ort, sondern nur, wenn man das entsprechende Substrat mit nachhause nimmt und die Raupen sich ein paar Tage lang entwickeln lässt.
  • Masse macht die Klasse: am besten da sammeln, wo man in kurzer Zeit eine Menge Kätzchen oder was auch immer zusammen hat: Also Bordstein, Fußgängerweg etc.! Alles, wo man ein Kehrblech einsetzen kann, ist zu bevorzugen gegenüber solchen „natürlichen“ Stellen mit viel Brombeeren und Brennesseln, wie z.B. in Hubbelrath (s. Bild 7)
  • Je frischer, desto besser: Das gilt v.a. für Pappelkätzchen, die sich wenn die Sonne drauf scheint in kürzester Zeit in Brösel verwandeln, der keine Raupen mehr beherbergt. In Düsseldorf hatte ich so ca. 4 bis 5 Pappelkätzchen pro Stunde auf dem Autodach, was mir sagte, dass die Zeit zum Sammeln wohl richtig war bzw. viele Kätzchen noch frisch genug.
  • Richtige Aufbewahrung: Die Kätzchen sollten nicht in zig Zentimeter dicken Lagen liegen, weil die unten liegenden sonst schnell gären. Die Herbsteulen bleiben zwar meist in bzw zwischen den Kätzchen, aber als ich meine Aachener Proben weil es vorher zu feucht darin wurde einfach offen in Wasschüsseln stehen hatte, habe ich dann doch die meisten Xanthia-Raupen so halb rausgekrabbelt an den Wänden der Schüsseln entdeckt und eine den Proben nicht mehr zuordnebare Raupe sogar in der Badewanne! Pappkartons sind wohl bezüglich Feuchtigkeit günstig, aber da können natürlich kleine Raupen durch Ritzen leicht entweichen!
  • Nicht zu früh die Flinte ins Korn werfen. Im Nachhinein habe ich mich geärgert, dass ich die Kätzchen von der Aachener Bastardpappel nach einer Woche ohne Raupen gefunden zu haben weggeworfen hatte – wer weiß, ob nicht doch noch was rausgekommen wäre…. Und selbst wenn es feucht und stinkig ist, können sich da wundersamerweise noch Raupen drin entwickeln – darüber staune ich jedesmal wieder!

 

 

 

 

 

 

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1 Antwort zu Raupenfrühling und die Lehre vom richtigen Zeitpunkt

  1. Siegfried Winkler sagt:

    Grossartiger Bericht.
    Danke.
    Ich habe das Aufsammeln von Kätzchenblüten schon vor 55 Jahren praktiziert und war immer wieder von dem Ergebnis überrascht!
    Grüsse aus dem Odenwald

    Siegfried Winkler
    Hauptstr. 125
    69509 Mörlenbach

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