Rhyacia lucipeta und Xestia ashworthii – Steinbruchraritäten aus dem Hochsauerland

Steinbrüche beherbergen oft eine spezialisierte und reichhaltige Insektenfauna. Neben der besonderen Biotopstruktur und dem engen Nebeneinander diverser Lebensräume hat dies auch klimatische Ursachen: Gerade im kühlfeuchten Mittelgebirgsklima sind Steinbrüche regelrechte Wärmeinseln. Dies trifft im Besonderen für das Sauerland als dem nordwestlichsten deutschen Mittelgebirge zu.

Steinbruch bei Winterberg, 15. Juli 2018, Foto: Frank Rosenbauer

Im Hochsauerland wird in der weiteren Umgebung von Winterberg in einigen großen Steinbrüchen Diabas abgebaut, wodurch als besonders interessante Elemente steile Hanglagen geschaffen wurden, die an alpine Schutthalden erinnern. Leider dürfen diese Steinbrüche in der Regel nicht betreten werden, und so kann man deren Insektenreichtum zumeist nur von außen her erfassen. Dies haben wir im Rahmen eines Lichtfangs am 21. Juni 2020 am Rande eines großen Steinbruchs bei Winterberg getan und freuten uns über eine für das Sauerland ungewöhnlich lange Nachweisliste mit über 135 Großschmetterlingsarten inklusiver einiger Raritäten.

Eine davon ist die imposante Große Bodeneule Rhyacia lucipeta ([DENIS & SCHIFFERMÜLLER], 1775), die wie der deutsche Name sagt, mit bis zu knapp 6 cm Spannweite ein regelrechter Riese unten den heimischen Eulenfaltern ist. Aktuell, also nach dem Jahr 2000, kennen wir in NRW nur noch drei Vorkommen dieser Art, alle in Steinbrüchen des Hochsauerlands. Die xeromontane Rhyacia lucipeta, deren primärer Lebensraum (z.B. in den Alpen) spärlich bewachsene Steilhänge sind, findet in den Steinbrüchen ideale Entwicklungsmöglichkeiten vor. Die Raupen leben polyphag an krautigen Pflanzen an Stellen, wo in den Hängen das Gestein locker und in ständiger Hangabwärtsbewegung ist. Die nachtaktiven Raupen scheinen diese Struktur zu benötigen, damit sie sich tagsüber eingraben und verstecken können. Arno Bergmann (1954) bezeichnete Rhyacia lucipeta deshalb sehr treffend als Leitart für „rollende Erde“. Die Falter schlüpfen im Juni, übersommern anschließend und erscheinen dann wieder im August. Rhyacia lucipeta war neu für diesen Steinbruch.

Rhyacia lucipeta

Rhyacia lucipeta, Steinbruch bei Winterberg, 21. Juni 2020, Foto: Jochen Kostewitz

Ein weiterer Spezialist von Steinbrüchen und steinigen Trockenrasen, der uns am besagten Abend in zwei Exemplaren an die Lampe flog, ist die Aschgraue Bodeneule Xestia ashworthii (DOUBLEDAY, 1855). Auch diese Art ist in NRW gegenwärtig nur noch von zwei Steinbrüchen aus dem Hochsauerland bekannt. Früher kam sie, teilweise wohl häufig, auch auf den Trockenrasen des Diemeltals vor, scheint von dort jedoch verschwunden zu sein. Eventuell hat dies klimatische Ursachen. Xestia ashworthii konnten wir bereits im letzten Jahr neu für diesen Steinbruch nachweisen und die weiteren Funde in diesem Jahr deuten auf eine stabile Population hin.

Xestia ashworthii,

Xestia ashworthii, Steinbruch bei Winterberg, 21.06.2020, Foto: Jochen Kostewitz.

In den kommenden Jahren wollen wir die Untersuchung der Steinbruchschmetterlingsfauna des Hochsauerlands weiter vertiefen. Im Rahmen von möglichen Betretungsbefugnissen der Steinbrüche sollen dabei besonders die Raupen der genannten Steinbruchspezialisten im Fokus stehen. Hoffen wir mal, dass uns die Betreiber der Steinbrüche da keine „Steine in den Weg legen“.

Literatur

BERGMANN, A. (1954): Die Großschmetterlinge Mitteldeutschlands. Band 4/1, 4/2. Eulen. — Jena (Urania)

 

Dieser Beitrag wurde unter Ökologie, Seltene Arten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.