Rhyacia lucipeta und Xestia ashworthii – Steinbruchraritäten aus dem Hochsauerland

Steinbrüche beherbergen oft eine spezialisierte und reichhaltige Insektenfauna. Neben der besonderen Biotopstruktur und dem engen Nebeneinander diverser Lebensräume hat dies auch klimatische Ursachen: Gerade im kühlfeuchten Mittelgebirgsklima sind Steinbrüche regelrechte Wärmeinseln. Dies trifft im Besonderen für das Sauerland als dem nordwestlichsten deutschen Mittelgebirge zu.

Steinbruch bei Winterberg, 15. Juli 2018, Foto: Frank Rosenbauer

Im Hochsauerland wird in der weiteren Umgebung von Winterberg in einigen großen Steinbrüchen Diabas abgebaut, wodurch als besonders interessante Elemente steile Hanglagen geschaffen wurden, die an alpine Schutthalden erinnern. Leider dürfen diese Steinbrüche in der Regel nicht betreten werden, und so kann man deren Insektenreichtum zumeist nur von außen her erfassen. Dies haben wir im Rahmen eines Lichtfangs am 21. Juni 2020 am Rande eines großen Steinbruchs bei Winterberg getan und freuten uns über eine für das Sauerland ungewöhnlich lange Nachweisliste mit über 135 Großschmetterlingsarten inklusiver einiger Raritäten.

Eine davon ist die imposante Große Bodeneule Rhyacia lucipeta ([DENIS & SCHIFFERMÜLLER], 1775), die wie der deutsche Name sagt, mit bis zu knapp 6 cm Spannweite ein regelrechter Riese unten den heimischen Eulenfaltern ist. Aktuell, also nach dem Jahr 2000, kennen wir in NRW nur noch drei Vorkommen dieser Art, alle in Steinbrüchen des Hochsauerlands. Die xeromontane Rhyacia lucipeta, deren primärer Lebensraum (z.B. in den Alpen) spärlich bewachsene Steilhänge sind, findet in den Steinbrüchen ideale Entwicklungsmöglichkeiten vor. Die Raupen leben polyphag an krautigen Pflanzen an Stellen, wo in den Hängen das Gestein locker und in ständiger Hangabwärtsbewegung ist. Die nachtaktiven Raupen scheinen diese Struktur zu benötigen, damit sie sich tagsüber eingraben und verstecken können. Arno Bergmann (1954) bezeichnete Rhyacia lucipeta deshalb sehr treffend als Leitart für „rollende Erde“. Die Falter schlüpfen im Juni, übersommern anschließend und erscheinen dann wieder im August. Rhyacia lucipeta war neu für diesen Steinbruch.

Rhyacia lucipeta

Rhyacia lucipeta, Steinbruch bei Winterberg, 21. Juni 2020, Foto: Jochen Kostewitz

Ein weiterer Spezialist von Steinbrüchen und steinigen Trockenrasen, der uns am besagten Abend in zwei Exemplaren an die Lampe flog, ist die Aschgraue Bodeneule Xestia ashworthii (DOUBLEDAY, 1855). Auch diese Art ist in NRW gegenwärtig nur noch von zwei Steinbrüchen aus dem Hochsauerland bekannt. Früher kam sie, teilweise wohl häufig, auch auf den Trockenrasen des Diemeltals vor, scheint von dort jedoch verschwunden zu sein. Eventuell hat dies klimatische Ursachen. Xestia ashworthii konnten wir bereits im letzten Jahr neu für diesen Steinbruch nachweisen und die weiteren Funde in diesem Jahr deuten auf eine stabile Population hin.

Xestia ashworthii,

Xestia ashworthii, Steinbruch bei Winterberg, 21.06.2020, Foto: Jochen Kostewitz.

In den kommenden Jahren wollen wir die Untersuchung der Steinbruchschmetterlingsfauna des Hochsauerlands weiter vertiefen. Im Rahmen von möglichen Betretungsbefugnissen der Steinbrüche sollen dabei besonders die Raupen der genannten Steinbruchspezialisten im Fokus stehen. Hoffen wir mal, dass uns die Betreiber der Steinbrüche da keine „Steine in den Weg legen“.

Literatur

BERGMANN, A. (1954): Die Großschmetterlinge Mitteldeutschlands. Band 4/1, 4/2. Eulen. — Jena (Urania)

 

Veröffentlicht unter Ökologie, Seltene Arten | Kommentare deaktiviert für Rhyacia lucipeta und Xestia ashworthii – Steinbruchraritäten aus dem Hochsauerland

Mosel-Arbeitstreffen in Zeiten von Corona

Panorama-Blick vom Frühstücksraum auf den Annaberg bei Schweich.

Die diesjährige Mosel-Exkursion fand unter erschwerten Bedingungen statt, wegen der Virenseuche nur als kleines Arbeitstreffen, und bei nicht gerade optimalen Wetterbedingungen. Spaß gemacht hat es trotzdem, und gute Ergebnisse gab´s allemal.

Freitagsmorgens vor der Anreise zur diesjährigen Mosel-Exkursion war der Garten noch leicht bereift, die vergangenen Nächte waren alle eiskalt gewesen, die Nachtfalter an den Lampen konnte man an einer Hand abzählen. Aber mit dem festen Vorsatz, sich weder von der Corona-Pandemie noch vom scharfen Ostwind abhalten zu lassen, starteten wir in Richtung Schweich. Tagfalter waren dort offenbar Mangelware, Kleiner Heufalter, Mauerfuchs, ein paar Weißlinge: Das Jahr 2020 brachte uns den sogenannten “Juni-Dip” – das Flugzeitloch zwischen den Überwinterern und den Sommerfaltern – schon Mitte Mai.

Der erste Leuchtplatz am Oberhang des Fellerbaches südlich von Longuich war wunderschön, tatsächlich endete aber der Lichtfang in einer eiskalten Nacht, bei 6°C brachen wir um ca. 1.00 Uhr ab. Magere 40 Großschmetterlingsarten standen da auf dem Zettel, darunter als moseltypische Arten unter anderem zahlreiche Heide-Streifenspanner – Perconia strigillaria, Holzrindeneule – Egira conspicillaris und Kleiner Gabelschwanz – Furcula bifida. Der erste Tag endete mit einer kleinen Wildschweinfamilie mit einem halben Dutzend Frischlingen, die unseren Weg querten. Im Tal unten war es eiskalt, knapp am Bodenfrost.

Priesner # 11

Samstagmorgens bot sich dann aus der Unterkunft in Longuich ein fantastischer Blick auf die Weinberge, mit der Aussicht auf einen warmen Sonnentag. Nach dem Frühstück zog es uns an den Annaberg bei Schweich, an dessen Oberhang sich kilometerlang Weinbergsbrachen entlangziehen. Wenn nichts fliegt, dann muss man sich etwas einfallen lassen: Zum Glück hatte Armin Radtke zu Hause noch in die Gefriertruhe gegriffen und ein echtes Schätzchen mitgebracht: Ein Pheromonpräparat, das jetzt schon mehr als 30 Jahre auf dem Gummistöpsel hat: Ernst Priesner hatte in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine Menge verschiedener Präparate an Kollegen verschickt, um die Wirkung der Pheromone auf verschiedene Arten zu testen. Eines davon, Priesner Nummer 11, lag seit über 25 Jahren unbenutzt auf Eis, bis zum Mai 2020.

Manchmal wird man sogar als kleiner Hobbyfaunist von Demut gepackt! Keine 20 Meter schaffte die Tagesexkursion, schon besserte sich die Stimmung: Rote Ampfer-Glasflügler (Pyropteron chrysidiformis (ESPER, [1782]) folgten der Duftspur des Präparates und umschwirrten uns, beziehungsweise den uralten, verheißungsvollen Gummistöpsel aus dem Max-Planck-Institut in Seewiesen, wo Ernst Priesner arbeitete: Die Präparate von damals wirken unverändert, jedes ein kleines Denkmal für den Forscher, der im Juli 1994 in den Alpen bei Garmisch-Partenkirchen seine Lockstofffallen kontrollieren wollte und seitdem verschollen ist.

Ampferglasflügler auf der Spur von Priesner Nr 11. Foto: Armin Dahl

Moselufer bei der Staustufe Detzem (Foto: Armin Dahl)

Uli Retzlaff und Armin Radtke (Foto: Armin Dahl)

Einmal angestachelt, brachten wir an verschiedenen Stellen weitere Pheromonfallen aus, die mit “modernen” Präparaten der Pherobank in den Niederlanden bestückt waren. Der abendliche Leuchtplatz wurde ausgekundschaftet, auf dem Rückweg dann die nächste Überraschung: Synanthedon conopiformis. Der Alteichen-Glasflügler gilt als besonders wärmeliebend, im Arbeitsgebiet der R.-W. Lepidopterologen sind nur wenige Flugstellen an Rhein, Mosel und Sieg bekannt.
Und weil die Sache schon mal so schön in Fahrt war, förderte der Nachmittag einen weiteren Vertreter der Sesien zu Tage: Eselswolfsmilch-Glasflügler leben im Überflutungsbereich der Mosel an der namenstiftenden Pflanze (Euphorbia esula). Mit ein wenig Übung lassen sich die winzigen Falterchen von den zahlreichen Wespen und Schwebfliegen unterscheiden, die in den blühenden Wolfsmilchbeständen entlang der Moselufer herumsurren.

Eselswolfsmilch mit Ch. tenthrediniformis (Foto: Armin Dahl)

Eselswolfsmilch mit Ch. tenthrediniformis (Foto: Armin Dahl)

Nach kurzer Verschnaufpause in einem Gartenlokal in Ensch an der Mosel kam am Abend dann endlich der Lichtfang am Annaberg in Schweich. Aber vorher noch einmal kurz ein Rückblick auf die Randbedingungen: Die gesamte Moselregion, normalerweise rappelvoll mit Touristen, war während der drei Tage dauernden Exkursion mehr oder weniger ausgestorben, die Bewohner warteten sehnsüchtig auf das Ende des “Corona-Lockdowns”, Übernachtung und Verköstigung waren nur unter strengen Auflagen möglich. In einem Hotelbetrieb mit 40 Betten zu zweit alleine im Frühstücksraum zu sitzen, bedient von der mit Mundschutz bewaffneten Chefin, das ist schon sehr speziell. Die Moselaner nahmen es allerdings erstaunlich gelassen, unser Übernachtungsörtchen Longuich ist mindestens seit dem 1. Jahrhundert nach Christus besiedelt (“Longus Vicus” = Langes Dorf), an der Römischen Weinstraße sind die Bewohner fast so entspannt wie in der Toskana.

Zurück zum Annaberg: In der späten Dämmerung waren alle Lampen aufgebaut, da stellte sich noch Besuch ein: Die OrganisatorInnen der “Woche der Artenvielfalt“, bewaffnet mit einer Kiste Gläser und – das gabs noch nie – leckeren Spezialitäten aus der Region, zum Beispiel der exzellenten Weinlage “Trittenheimer Apotheke”. Bei so viel aromatischen Stoffen ließen auch die Nachtfalter nicht auf sich warten, und so ging der Abend flott herum. Am Ende standen 80 Großschmetterlingsarten auf den Listen, bei klarem Himmel und niedrigen Temperaturen konnten wir zufrieden sein. Wir erinnern uns noch deutlich an den Leuchtabend vom vergangenen Jahr, damals  hatten wir am Annaberg keine 60 Arten zusammenbekommen, und ausserdem versank die Truppe im Dauerregen.

Der Sonntag war dann wieder ein strahlender Sommertag, den wir zur Sondage ins Ruwertal nutzten, in dem es ebenfalls tolle südexponierte Weinbergsbrachen und Hecken gibt, und verwunschene Dörfchen wie Sommerau, mit Burg, Weinbergen und immerhin 75 Einwohnern.

Zum Abschluss noch ein paar Falter- und Landschaftsbilder. Im kommenden Jahr werden wir einen erneuten Anlauf wagen, dann hoffentlich mit mehr Teilnehmern und besserem Wetter.

Veröffentlicht unter Bärenjagd, Exkursionen, Seltene Arten | Kommentare deaktiviert für Mosel-Arbeitstreffen in Zeiten von Corona

Raupenfrühling und die Lehre vom richtigen Zeitpunkt

Nicht nur bei den Faltern hat der Frühling losgelegt, sondern auch bei den Raupen. So war ich Anfang April 2020 auch wieder in meinen beiden Düsseldorfer Gebieten kartieren, und habe fleißig v.a. an blühenden Schlehen geklopft und Kätzchen von Weiden und Pappeln gesammelt.

Teils durch Aufsammeln vom Boden, teils durch Klopfen von Gebüsch und krautigen Pflanzen, teils aber auch durch Klopfen an dem kätzchentragenden Gehölz selbst und weil viele Weidenkätzchen erst gerade angingen zu blühen und also noch nicht „reif“ zum Klopfen waren auch durch „pflücken“. An dem Tag selber habe ich kaum Raupen zu sehen bekommen, aber ich habe ja in diversen Plastiktüten jede Menge Proben mit nach Hause genommen, und da kamen dann in den folgenden Tagen hunderte Raupen heraus, die am Sammeltag wohl noch winzig kleine L1 in den Kätzchen oder zwischen den Schlehenblüten gewesen sein dürften: Cosmia trapezina, Amphipyra pyramidea und A. berbera, Colotois pennaria, Agriopis spec., Erannis defoliaria, Apocheima pilosaria waren u.a. schon dabei!

Interessant war, dass es blühphänologisch doch recht deutliche Unterschiede gab zwischen den Gebieten: Während auf dem Golfplatz Hubbelrath die meisten Schlehen in prächtiger Vollblüte standen und ich an der üblichen Stelle (siehe Bild 1) wieder so einige vermeintliche Rhinoprora chloerata-Raupen finden konnte, waren die Schlehen im UG Eller Forst schon durch und dort gab es dann diesmal auch leider keine Raupen dieser Gattung. Eine dieser Raupen sah ich schon gleich nach dem Klopfen im Schirm und diese hat sich auch gleich am nächsten Tag schon den Kokon gebaut, zwei weitere tauchten erst am 7.4. beim Durchwühlen der Probe auf, eine am 8.4., zwei am 9.4. und eine am 10.4. Allerdings habe ich den Verdacht, dass es sich bei den später aufgetauchten auch um die ähnliche und viel häufigere, aber normal phänologisch spätere R. rectangulata handeln könnte, deren Raupe tendenziell etwas schlanker ist (siehe dazu auch Bild 2). Zur Sicherheit werden natürlich alle gezüchtet.

Auch bei der Esche hatte ich Pech: In Hubbelrath gingen bei den beklopfbaren Eschen gerade erst die Blüten auf, im Eller Forst waren sie jedoch schon abgeblüht. Vor ein paar Jahren war es noch anders, denn da konnte ich in beiden Gebieten genau zur Eschenvollblüte daran klopfen (10.4.2015 im Eller Forst, 15.4. in Hubbelrath) und hatte an jeder Esche zahllose winzige Raupen von Agrochola circellaris im Schirm!

Weiterlesen

Veröffentlicht unter Bestimmungshilfe, Ökologie, Phänologie / Klimawandel, Seltene Arten | 1 Kommentar

Trifurcula immundella (ZELLER 1839)  – ein Minenfund aus dem Bergischen Land

Schon mehrfach wurde hier über Blattminierer berichtet – und dadurch bei vielen Interessierten die Suche danach angeregt. Über die Zwergminiermotten – Nepticulidae hatte Dieter Robrecht uns eine private systematische Zusammenstellung gezeigt – und uns praktischerweise mitgeteilt, was wann woran zu suchen ist.

Das ließen sich mein Mann Hajo und ich nicht zweimal sagen – und nahmen die Ginsterbüsche, die hier an einem warmen Hang des Siegtals zwischen licht stehenden Eichen und Birken mit Heidekraut eingestreut sind, buchstäblich unter die Lupe. Bis Ende März sollten jedenfalls die Raupen von Trifurcula immundella (ZELLER 1839) in den Zweigen des Besenginsters Cytisus scoparius minieren.

Wir hatten Glück, schon nach kurzer Zeit fanden wir eine schwarze Mine im Haupttrieb eines kleinen Ginsterbusches, die uns vielversprechend aussah. Zu Hause wurde der Zweig dann eingehend betrachtet und fotografiert. In der geöffneten Mine fand sich auch reichlich Kot, die Raupe hatte aber die Mine wohl schon verlassen.

Immerhin fanden wir den Fund so überzeugend, dass ich bei Dieter Robrecht mit einigen Fotos anfragte. Er hat die Mine nochmals genau analysiert und seine Analyse festgehalten (Mitteilung per E-mail):

  • „Der Fraßgang verläuft zunächst nach unten, das spricht für immundella.
  • Der Gang sollte gerade sein, auch am Anfang. Das ist er weitgehend: das spricht für immundella.
  • Am Beginn des Fraßganges sollte die Eischale noch haften: Das ist hier nicht der Fall oder auf dem Foto nicht gut erkennbar. Die Eischale dürfte auch nur mit einer 15-fach-Lupe sichtbar sein!
  • Die Raupe ändert dann die Richtung, und der Gang verläuft gerade nach oben: das passt auch zu immundella.
  • Am Ende des Ganges sieht man eine helle Stelle, die Austrittsöffnung der Raupe.
  • Mein Fazit: es sollte T. immundella sein, wobei ich mich bei der Diagnose auf die Literaturangaben beziehe.“

Um ganz sicher zu gehen, hat Dieter dann die Fotos dem niederländischen Experten Erik van Nieukerken vorgelegt, der die Bestimmung bestätigt hat.

Erst nach der Freude über den Fund haben wir überhaupt realisiert, wie selten die Art bisher nachgewiesen wurde. Außer durch Minen ist die Art durch Genitaluntersuchung zu bestimmen, wenn während der Flugzeit von Juni bis August Tiere ans Licht kommen. In der Literatur findet sich wiederholt der Hinweis, dass die Art vermutlich weiter verbreitet ist, als die Fundorte vermuten lassen.

Eine deutschlandweite Gesamtübersicht über die Funde der Gattung Trifurcula gaben Erik J. van Nieukerken, Willy Biesenbaum und Wolfgang Wittland in der Melanargia 2010: „Innerhalb der Nepticulidae ist von den Arten der Gattung Trifurcula am wenigsten bekannt“ heißt es dort, und es wird auf die vielen „Weißen Flecken“ und die „faunistischen Wissenslücken“ hingewiesen. Dort werden von Trifurcula immundella aus Nordrhein-Westfalen nur sechs Funde aufgeführt. Dabei gehörte diese Art noch zu den Arten der Gattung, von der bundesweit relativ viele Fundorte in der Veröffentlichung aufgeführt werden konnten.

Ab 2010 wurden die weißen Flecken auch nur teilweise gefüllt. Einige Beobachtungen hat Rudi Seliger, teils mit Kollegen und dabei vor allem Armin Duchatsch, an verschiedenen Stellen der Eifel gemacht, mitunter in denselben Gebieten auch über mehrere Jahre, vgl. die Online-Datenbank des Vereins. Wie wenige es jedoch trotzdem auch bundesweit noch sind, zeigt etwa die Verbreitungskarte des Portals „Schmetterlinge Deutschlands“. Dort weist das Saarland mit sieben besetzten Meßtischblättern die größte regionale Dichte auf, alles Funde von Andreas Werno. In den angrenzenden Ländern wie Belgien oder sogar den im Mikrobereich in der Regel gut untersuchten Niederlanden sieht es nicht viel besser aus, man vergleiche etwa die Seiten von observation.org bzw. waarneming.nl und waarnemingen.be.

Nach diesen Daten dürfte unser Fund der erste Nachweis aus dem Bergischen Land seit 74 Jahren sein. 1946 fand Albert Grabe die Art im MTB 4610/2 bei Albringhausen, aus dem Norden des Bergischen Landes, während wir im Süden fündig wurden. Zu wünschen ist jedenfalls, dass dieser Art mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird und es nicht bei dieser einen gefundenen Mine bleibt – damit die weißen Flecken weniger werden!

Bedanken möchte ich mich bei Dieter Robrecht für die Anregung zur Suche sowie die genaue Analyse der Mine und bei Erik van Nieukerken für die Bestätigung der Bestimmung.

Literatur:

Nieukerken, E. J. van, Biesenbaum, W., Wittland, W. (2010): Die Gattung Trifurcula ZELLER 1848 in Deutschland mit zwei Erstnachweisen für die deutsche Fauna – Melanargia 22 (1): 1 – 26, Leverkusen

Internet:

Arbeitsgemeinschaft Rheinisch-Westfälischer Lepidopterologen: Datenbank http://nrw.schmetterlinge-bw.de/MapServerClient/Map.aspx

Trifurcula immundella im Portal Schmetterlinge Deutschlands:
https://www.schmetterlinge-d.de/Lepi/EvidenceMap.aspx?Id=432219

Observation weltweit: https://observation.org/soort/info/25472

Veröffentlicht unter Literatur, Seltene Arten | 2 Kommentare

Dramatischer Rückgang des Moselapollos Parnassius apollo vinningensis

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Entgegen den sonstigen Gewohnheiten haben wir uns entschlossen, den soeben erschienenen Artikel über den Stand der  Apollofalter-Population bereits heute im Volltext zu veröffentlichen (siehe unten), damit auch die Schmetterlingsfreunde, Naturschutzaktivisten, Wissenschaftler und Behördenmitarbeiter außerhalb unseres Vereins darauf aufmerksam werden.

Damit verbunden ist die große Bitte in Zukunft JEDE Apollofalter-Sichtung an der Untermosel zu dokumentieren und mitzuteilen, am besten mit genauen Beobachtungsdaten / Fotos über die üblichen Portale (observation.org, naturgucker.de, artenfinder-rlp.de) oder auch über das Kontaktformular der Arbeitsgemeinschaft.

Zusammenfassung
Recht zahlreich wurde der Moselapollo Parnassius apollo vinningensis STICHEL, 1899 zum letzten Mal in 2011 beobachtet. Ein Jahr später kam es zu einer deutlichen Verringerung der Individuenzahlen an allen bekannten Vorkommen, wovon sich die Art im Folgenden kaum mehr erholte. In 2019 zeigten sich dann nur noch einzelne Exemplare, sodass ein unmittelbares Aussterben des Moselapollos zu befürchten ist. Derzeit kann über die Ursache für die negative Bestandsentwicklung nur spekuliert
werden. Die fortschreitende Verbuschung der Lebensräume sowie der Verkehrstod vieler Falter in trockenen Jahren dürften den Schmetterling zwar stellenweise, aber nicht überall gefährden. So lässt sich mutmaßen, dass ein globales Problem, wie die Klimaerwärmung, den besorgniserregenden Trend bedingt. Um die genaue Ursache für den Rückgang des Moselapollos herauszufinden, werden zielgerichtete Forschungen unerlässlich sein.

Volltext zum Download:

Dramatischer Rückgang des Moselapollos Parnassius apollo vinningensis
Apollofalter: Anschreiben an die Landesregierung RLP vom 6. Februar 2020

Abstract
Dramatic decline of the Moselle-Apollo Parnassius apollo vinningensis STICHEL, 1899
Quite a number of the Moselle-Apollo Parnassius apollo vinningensis STICHEL, 1899 were observed for the last time in May 2011. One year later there was a significant decline in the number of individuals of all known occurrences and subsequently the species hardly recovered. In 2019 only single speciments appeared so that extinction of the Moselle-Apollo seems to be imminent. At present the cause of the negative development of the population can only be speculated upon. The advancing shrub encroachment of habitats as well as the traffic death of many imagines in dry years may partially endanger this butterfly, but not everywhere. Thus, it can be conjectured that a global problem, such as climate warming, causes this alarming trend. In order to discover the exact cause for the decline of the Moselle-Apollo targeted research will be essential.

 

Veröffentlicht unter Naturschutz, Phänologie / Klimawandel, Seltene Arten | 10 Kommentare

Schönheit an der Weide: Adela cuprella

Kleinschmetterlinge im Gelände zu fotografieren, freihand, ohne Blitz und Stativ, ist eine Kunst, die nur wenige beherrschen. Zur Motivation für alle diejenigen, die stundenlang auf den Knien durchs Gelände rutschen, auf der Suche nach dem perfekten Bild, hier eines vom Naturfotografen Thorsten Klumb, der vor allem im Raum Aachen tätig ist.

Adela cuprella ♂  – NRW – Aldenhoven, NSG Bergsenkungsgebiet Bettendorfer Fließ © Thorsten Klumb

Die Frühe Langhornmotte Adela cuprella (Denis & Schiffermueller, 1775) ist wahrscheinlich viel häufiger, als es die Nachweis-Karten der Arbeitsgemeinschaft zeigen. Die Art fliegt früh im Jahr, an blühenden Weidenkätzchen, meist Salweide (Salix caprea). Die goldglänzenden Männchen haben lange Fühler und eine schwarze Kopfbehaarung, die “Frisur” der Weibchen ist etwas kürzer und gelbbraun, die Fühler kürzer.

Die webseite microlepidoptera.nl vermerkt zu Erkennung und Lebensraum: “instabiler Flug über blühende, kleinblättrige Weiden (z. B. kriechende Weiden), sofern eine Streuschicht vorhanden ist. An sonnigen und offenen Orten in der Nähe von Heiden, Torfmooren und Feldern“. In unseren Nachbarländern Holland und Belgien ist Adela cuprella flächendeckend verbreitet, in Deutschland kann die Datenlage sicher noch bedeutend verbessert werden.


Link:

Beobachtung von Adela cuprella bei observation.org

http://naturfotografie-aachen.de/

Veröffentlicht unter Bestimmungshilfe, Seltene Arten | Kommentare deaktiviert für Schönheit an der Weide: Adela cuprella

Echte Motten von den Eulen

Das zeitige Frühjahr kann gut genutzt werden, um Vogelnester, Pilze oder auch Eulen-Gewölle zu suchen.  Bekanntlich kommen im Gewölle einiger Eulenarten verschiedene Tineinae (Echte Motten) zur Entwicklung. Meine bisherige Erfahrung zeigt, dass der Zeitaufwand fast durchgehend von Erfolg gekrönt ist.

GAEDIKE (2019) führt dazu aus, dass die Raupen von Tinea steueri im Gewölle der Schleiereulen leben. Er zitiert weiterhin BENGTSON (2017), der von Raupenfunden im Gewölle des Wald- und Habichtskauzes berichtet. Weiterhin führt Reinhard Gaedike aus, dass die Annahme, dass Larven in den Nestern von Hymenopteren leben (PETERSEN 1966a), nicht bestätigt werden konnte.

Auch SOBCZYK et. al. (2018) berichten, dass Leutsch die Falter aus Gewöllen von Schleiereulen zog. Daraus kann abgeleitet werden, dass das wesentliche, wenn nicht einzige Substrat für die Raupennahrung von T. steueri trockene Gewölle von Schleiereulen (Tyto alba), Habichtskauz (Strix uralensis) und Waldkauz (Strix aluco) zu sein scheinen.

Tinea steueri lässt sich habituell einwandfrei bestimmen. Ein Umstand, der zumindest denjenigen Lepidopterologen entgegen kommt, die eine Genitaluntersuchung nicht beherrschen. Bei Betrachtung der „Glaszellen” in den Vorderflügeln (je ein länglich-ovales durchsichtiges „Glasfeld“ nahe der Basis) ist eine Bestimmung möglich.

Tinea steueri G. PETERSEN, 1966. Deutschland, Nordrhein-Westfalen, Stukenbrock, 110 m, Schleiereulen-Gewölle am 6. Februar 2020 ins Haus geholt, Schlupf 21. März 2020 (leg., det. durch GU & Fotos Dieter Robrecht)

Heinz Schumacher konnte am 14. Mai 2018 in einem ehemaligen Basalt-Steinbruch bei Eulenberg (Rhein-Sieg-Kreis) diese Art erstmals für Nordrhein-Westfalen belegen, indem ein Falter zum Licht flog. Wie er mir schrieb, kommen dort (wohl) keine Schleiereulen vor, wohl aber Uhus, die dort regelmäßig brüten. Es ergibt sich aber auch die Frage, ob im Gewölle der Uhus die Raupen ebenfalls zur Entwicklung kommen. Um das zu klären, sollten Gewölle im Herbst gesammelt werden, damit diese nicht zu lange dem Verwitterungsprozess ausgesetzt sind.

Artspezifisches Merkmal: Das „Glasfeld“ bei Tinea steueri. Foto: Dieter Robrecht

Am 6. Februar 2020 hatte ich Gewölle aus einem Schleiereulenkasten entnommen, der seit Jahrzehnten im Giebel eines benachbarten Bauernhauses hängt und regelmäßig von Schleiereulen als Brutplatz genutzt wird. Der Hofeigentümer hatte bislang stets nach der Brut den Kasten gesäubert und das Gewölle im Mülleimer entsorgt. Mein Wunsch, das Gewölle nach der letztjährigen Brut im Kasten zu belassen, hatte Erfolg! Das Gewölle hatte ich sofort ins warme Zimmer geholt, der erste Falter schlüpfte am 21.m März 2020. Dieser „Zucht“-Erfolg belegt, dass die Raupen bereits im frischen Gewölle leben.

Monopis laevigella ([DENIS & SCHIFFERMÜLLER], 1775); Stukenbrock, aus Schleiereulen-Gewölle, Schlupf am 21. März 2020 (Foto: Dieter Robrecht)

 

Am selben Tag schlüpfte zudem ein Falter von Monopis laevigella. Auch ROMMEL &  PLATT (2005) berichten über die Zucht aus Eulengewölle, und führen für Nordwestthüringen die Arten Nemapogon granella und Monopis laevigella auf. Dieser sehr lesenswerte Artikel gibt hervorragende Hinweise zur Lebensweise und erfolgreichen Zuchten verschiedener Tineidae.

Genitalpräparat von Tinea steueri G. PETERSEN, 1966. Stukenbrock, Schlupf am 21. März 2020 (leg., det. & Foto:  Dieter Robrecht)


Nachtrag vom 13. April 2020

Trichophaga tapetzella (LINNAEUS, 1758) – Tapetenmotte

“Aus dem Gewölle sind seit vorgestern (11. April 2020) mittlerweile vier Falter der obigen Art geschlüpft. Zumindest ist mir ein Foto gelungen, das den Falter auf dem Gewölle mit Puppenhülle zeigt. Das ist sicher nicht alltäglich (!) und hat in Summe etwa 45 Minuten Zeit erfordert bis ein brauchbares Foto entstanden ist.”

Trichophaga tapetzella (LINNAEUS, 1758) – Tapetenmotte, auf einen Schleiereulen-Gewölle. (Foto: Dieter Robrecht)

Exuvie von Trichophaga tapetzella (LINNAEUS, 1758) – Tapetenmotte (Foto: Dieter Robrecht)

Literatur:

BENGTSSON, B.Å. (2017): Anmärkningsvärda fynd av Småfjärilar (Microlepidoptera) i Sverige 2016. — Entomologisk Tidskrift, 138 (1): 1-24.

BUCHNER, P. (2006): Tinea steueri (Tineidae) und Hypsotropa unipunctella (Pyralidae) neu für Österreich (Lepidoptera). — Beiträge zur Entomofaunistik7: 149-151

GAEDIKE, R. (2019): Tineidae II (Myrmecozelinae, Perissomasticinae, Tineinae, Hieroxestinae, Teichobiinae and Stathmopolitinae). — In: KARSHOLT, O., MUTANEN, M. & M. NUSS (2019): Microlepidopteraof Europe 9: I-XXIII, 1-248. Leiden – Boston (Brill).

ROMMEL, R.-P. & H. PLATT (2005): Die Kleinschmetterlingsfauna Nordwestthüringens (Lepidoptera). 2. Beitrag: Familie Tineidae (Echte Motten). — Thüringer Faunistische Abhandlungen 10: 265-283   >> .pdf auf zobodat.at

SOBCZYK, T., STÖCKEL, D., GRAF, F., JORNITZ, H., KARISCH, T. & S. WAUER (2018): Die Schmetterlingsfauna (Lepidoptera) der Oberlausitz. Teil 5: Kleinschmetterlinge (Microlepidoptera) 1. Teil.  – Beiträge zur Insektenfauna Sachsens Band 20. — Entomologische Nachrichten und Berichte (Dresden), Beiheft 22

Web:

Lepiforum vom 20. März 2020: 00681 Tinea steueri: Falter aus Schleiereulengewölle

Kleine Vlinders: Bestimmunsgschlüssel für Tineiden

Veröffentlicht unter Bestimmungshilfe, Literatur, Seltene Arten | Kommentare deaktiviert für Echte Motten von den Eulen

Volle Fahrt voraus auf der Datenautobahn

Stigmella aurella/splendidissimella-Mine an Brombeere, Dormagen, 21. Februar 2020.
Bestimmt mit iObs für Apple/Iphone/Ipad (Foto: Armin Dahl)

 

Nichts bleibt wie es ist, auch nicht in der Insektenkunde. Neue Techniken halten Einzug, und die Arbeitsweise verändert sich. Wer sich gegen die Entwicklung stellt, landet wortwörtlich in der Mottenkiste. Ein Zwischenstand aus dem Frühjahr 2020.

Den 5. Juli 2015 werde ich in meinem Leben nicht vergessen. Im bayerischen Kitzingen wurden an diesem Tag 40,3°C gemessen, ein neuer Hitzerekord in Deutschland. Wir waren an diesem Termin auf Tagfalterexkursion am Mittelrhein unterwegs. Nachmittags um 15.00 Uhr hatte sich die Dörscheider Heide oberhalb von Kaub in einen Backofen verwandelt, die Zunge klebte am Gaumen, Falter wurden keine registriert – viel zu heiß!

Kaum vier Jahre hielt der Rekord.  Am 25. Juli 2019 wurde in Lingen im Nordwesten unseres Arbeitsgebiets ein neuer Rekord in Deutschland aufgestellt, die Messstation registrierte unfassbare 42,6 Grad Celsius. An diesem Tag wurden übrigens an weiteren 14 Messstationen Rekordtemperaturen gemessen, die über dem bisherigen Rekord in Kitzingen im Juli/August 2015 lagen. In meinem Garten waren es gemessene 41°,  bei solchen Temperaturen geht der Lichtfang erst um Mitternacht so richtig los, vorher ist es selbst den Motten zu warm.

Entomologisch betrachtet sind das extrem spannende Zeiten, wird doch der allgemeine, unter anderem durch Agrargifte und -methoden, Nutzungsaufgabe und “falschen” Waldbau hervorgerufene Artenrückgang, zusammengefasst “Insektensterben”, in Teilen vom Klimawandel hinterrücks eingeholt: Einflüge von südlich verbreiteten Arten häufen sich, Arealgrenzen verschieben sich nach Norden, verschollen geglaubte Arten tauchen wieder auf.

Auf meinen Hausgarten im Niederbergischen zwischen Düsseldorf und Wuppertal bezogen bedeutet das: Alleine in den vergangenen zehn Jahren sind vier neue Tagfalterarten hinzugekommen (Cupido argiades, Aricia agestis, Argynnis paphia, Pieris mannii) die sich dort regelmäßig beobachten lassen, und die in der Region offensichtlich etabliert sind. Das ist viel bei insgesamt unter 30 Tagfalter-Arten! In den Sommernächten fliegen hier plötzlich Nachtfalter-Arten wie Spanische Flagge, Labkrautschwärmer und das tropisch-bunte Eulchen Eublemma purpurina an – vor zehn Jahren noch unvorstellbar.

Jeden Tag neue Daten! Selbst im Winter, zumal wenn es keinen Frost gibt wie in der Saison 2019/20. Wintereulen fliegen fast bei jedem Wetter, zudem gibt es Blattminierer, die keine Jahreszeit scheuen, und alles muss festgehalten werden. Blöckchen, Kugelschreiber und Digitalkamera kommen bei der Dokumentation der Tiere immer seltener zum Einsatz, Belegbilder macht jetzt das Smartphone, das gleichzeitig die Falterzahlen registriert, Funde verortet und beim Bestimmen hilft.

Und bevor jetzt jemand aufschreit: Ja, man kann Tag- und Nachtfalter mit dem Handy bestimmen! Die Technik, mit der man eineinhalb Milliarden Chinesen beim überqueren einer Straßenkreuzung voneinander unterscheiden kann, ist auch in der Lage, ein paar hundert Eulenfalter, Graszünsler- und Wicklerarten mehr oder weniger sicher auseinanderzuhalten. Das alles hat mit künstlicher Intelligenz nichts zu tun, ist ein Produkt aus Mustererkennung und Erfahrung, und muss natürlich gelernt werden. Genau wie sich unsereiner die Falter vom Experten beibringen lässt, oder aus dem Bestimmungsbuch oder Lepiforum abschaut, lernen die Maschinen und Algorithmen an vom Menschen vorbestimmten Digitalfotos, und sie lernen fix!

Mal ganz abgesehen davon ist das alles völlig kostenfrei zu haben, man muss sich nur einmal online registrieren, und kann dann die Bestimmungs- und Kartierapps nutzen. Im Auslandsurlaub wie zu Hause, 24 Stunden rund um die Uhr, auch mitten im Wald im Funkloch, mit Smartphone, Tablet oder PC.

Das alles erscheint mir ähnlich revolutionär wie vor wenigen Jahren die neue Möglichkeit, mittels Genomanalyse die Verwandschaftsverhältnisse von Arten, Gattungen und Schmetterlingsfamilien aufzuklären. Auch wenn ich als braver Faunist die High-Tec-Methoden beim Barcoding, Analyse der Mitochondrien-DNA usw. nicht mehr komplett verstehe: Die Methoden sind etabliert, auseinandersetzen muss ich mich  damit, spätestens wenn es mal wieder systematische Umgruppierungen gibt. Jüngstes Opfer der Methode sind die Dickkopffalter, bei denen eine Reihe von Arten der Gattung Carcharodus zukünftig unter Muschampia zu laufen haben, in unserem Arbeitsgebiet zum Beispiel der Loreley-Dickkopffalter Muschampia lavatherae.

Ausschnitt aus ZHANG et al. 2020. Quelle: Zootaxa

Wo stehen wir nun im Frühjahr 2020 als Verein, mit einem etwas angestaubt wirkenden Hobby, in Zeiten von Insektensterben und Klimawandel? Nach meinem Eindruck sind wir vergleichsweise gut aufgestellt! Der EDV-erfasste Datenbestand der Arbeitsgemeinschaft in der Insectis©-Datenbank hat sich in sechs Jahren mehr als vervierfacht, angefeuert von unermüdlichen Mitgliedern in den verschiedenen Landesteilen, die jeder Jahr für Jahr mehrere tausend Einzelbeobachtungen beisteuern. Wir sitzen auf einem riesigen Datenberg, in Deutschland haben nach meiner Einschätzung nur die Kollegen aus dem Karlsruher Museum Zugriff auf ähnliche Mengen an Schmetterlingsdaten von Tag- und Nachtfaltern.

Datenstand der Vereinsdatenbank, Exportdatensätze, Stand 7. März 2020

Das gibt uns gute Möglichkeiten, größere Auswertungen vorzunehmen, der Aufwand dafür ist zwar erheblich, das Ergebnis kann sich dann aber auch sehen lassen. Siehe zum Beispiel die neueste Publikation von Rudi Pähler, der keine Mühen und Kosten gescheut hat um aus dem Konvolut von Beobachtungen 37 häufiger Arten ein lesbares Buch zu erstellen – leider sind die Ergebnisse und Aussichten dabei eher düster. Dass wir mit der Melanargia unter Schriftleiter Günter Swoboda zudem eine solide Publikationsmöglichkeit haben, die in diesem Jahr ihren 32 Jahrgang erlebt, davon träumen andere Vereine und ganze Bundesländer nur!

Die Mitgliederzahl des Vereins ist mit über 300 stabil bis steigend, das ist eine sehr gute Nachricht. Das Interesse an Insekten ist insgesamt in der Bevölkerung stark gestiegen, hier mal nur ein Beispiel als Vergleich: Beim oft gescholtenen Netzwerk Facebook sind alleine in der Gruppe “Einheimische Schmetterlinge” mehr als 3000! registrierte Nutzer unterwegs, darunter viele professionelle Fotografen mit phantastischen Bildern von seltenen Arten. Naturschutzbegeisterte Laien mit viel Freizeit und Reiselust findet man dort zuhauf, wer regionalen Anschluss braucht, der muss nicht lange suchen. Etliche dieser Nutzer konnten wir in den vergangenen Jahren als Vereinsmitglieder rekrutieren, sei es über Hilfe bei der Bestimmung, Exkursionen oder Veranstaltungen und Vorträge. Selbst die Facebook-Gruppe “Buchsbaumzünsler” (über 500 Mitglieder, die meisten davon keine echten Insektenfans!) liefert noch wertvolle Informationen, zum Beispiel Hinweise auf Sekundärliteratur wie“Buchsbaumzünsler – Die Natur schlägt zurück”.

Insgesamt gesehen nimmt der Umgang mit dem Internet einen immer breiteren Raum ein, niemand kann z.B. heutzutage über Eifel-Falter publizieren, ohne einen (neidischen) Blick in die observation-Datenbanken der westlichen Nachbarländer zu werfen. Das hat uns natürlich keine Ruhe gelassen, und seit wenigen Wochen haben wir jetzt die Möglichkeit, Daten von observation “per Knopfdruck” (jedenfalls fast) in unsere Insectis-Anwendung zu übertragen. Das gleiche gilt für alle, die ihre Daten und Digitalbilder unter naturgucker.de aufbewahren. Dank geht hier vor allen an das “Konvertiten”-Team Uli Retzlaff, Brigitte & Hajo Schmälter sowie Jörg Siemers.

Beobachtungsstatistik aus observation.org: Es gibt ja nicht nur Schmetterlinge!

Wo der Vorteil dieser Online-Datenbanken liegt, das muss jeder für sich selbst ausprobieren. Nutzerfreundlich, schnell, und zudem viel genauer als die Datenerhebungen aus der Vergangenheit sind sie allemal. Als Nutzer hat man einen tagesgenauen Überblick über das, was die Kollegen so machen, Fotos werden bei den Beobachtungen abgelegt und angezeigt, Statistiken und Verbreitungskarten angeboten. Technisch ist das ziemlich ausgereift, auch was die immens wichtige Qualitätskontrolle angeht. Wer wie ich (und übrigens auch Heinz Schumacher!) seit 10 Jahren Tipp- und Eingabefehler aus Excel- oder Access-Tabellen heraussucht, sagt schon jetzt Danke!

Nur ein Beispiel, an dem man erkennt, wie das Hobby zur Last werden kann: Die Erstellung der Roten Listen frisst momentan bei einigen Mitgliedern erhebliche Zeit, die man/frau auch gerne für andere Dinge verwenden würde. Den Schwarzen Peter als Koordinator hat dabei Heinz (-Peter) Schumacher, der sich mit endlosen Excel-Listen aus verschiedensten Naturräumen herumschlagen darf, alles für die Ehre natürlich. Das schreit förmlich nach einer vernünftigen EDV-Lösung, bei der man mit verschiedenen Menschen parallel an einem Projekt arbeiten kann. Den Internet-Datenbanken gehört dabei meines Erachtens die Zukunft!

Schnelle Übersicht: Nachweise von Zimmermannia liebwerdella aus NRW, Stand 5. März 2020, Quelle: nrw.observation.org

 

 

Das alles bedeutet übrigens keineswegs, dass wir vom Klassiker Insectis als Vereinsdatenbank abrücken. Es gibt Euch jedoch die Möglichkeit, Daten auch in die modernen Online-Systeme abzulegen. Einarbeiten und eingewöhnen muss man sich allerdings überall. Ich selbst habe ein komplettes Jahr auf beiden Systemen meine Funde eingegeben. Ich möchte die online-Versionen nicht mehr missen, werde 2020 meine Daten ausschließlich dort eingeben und von dort nach Insectis exportieren. Wer mithelfen will, zum Beispiel die Vorbestimmungen bei den “Mikros” zu überprüfen, der möge sich gerne melden, es werden noch Administratoren gesucht.

Á propos melden: Bitte teilt mir oder irgend jemand anderem aus dem Melanargia-Vorstand alle Termine, Vorträge, Exkursionen rund um das Thema Schmetterlinge rechtzeitig mit, wir übernehmen diese dann in den Terminkalender der Webseite.

Die Mitgliederversammlung der Arbeitsgemeinschaft musste in diesem Frühjahr leider wegen der allgemeinen Coronavirus-Verunsicherung ausfallen. Sie wird irgendwann im Sommer nachgeholt, eventuell in Verbindung mit einer Exkursion. Der Termin steht noch nicht fest, Vorschläge erbeten! Bis dahin allen eine falterreiche Saison 2020!

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Daten, Insektensterben, Phänologie / Klimawandel, Systematisches | Kommentare deaktiviert für Volle Fahrt voraus auf der Datenautobahn