{"id":12108,"date":"2020-08-13T16:40:22","date_gmt":"2020-08-13T14:40:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ag-rh-w-lepidopterologen.de\/?p=12108"},"modified":"2020-08-20T15:49:24","modified_gmt":"2020-08-20T13:49:24","slug":"die-helle-pfeifengras-grasbueschel-eule-und-das-sommerloch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ag-rh-w-lepidopterologen.de\/_mGala-16_Thea\/2020\/08\/13\/die-helle-pfeifengras-grasbueschel-eule-und-das-sommerloch\/","title":{"rendered":"Die Helle Pfeifengras-Grasb\u00fcschel-Eule und das Sommerloch"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Nicht alles was in der Zeitung steht muss stimmen! Im Fall von <em>Pabulatrix pabulatricula<\/em> h\u00e4tte ein bisschen mehr Recherche gut getan.<\/strong><\/p>\r\n<p>Eine kleine faunistische Sensation treibt die Kollegen in Bayern um: in einem Wald bei Wiesentheid in Unterfranken \u00f6stlich von W\u00fcrzburg ist <em>Pabulatrix pabulatricula<\/em> aufgetaucht, die &#8222;Helle Pfeifengras-Grasb\u00fcscheleule&#8220;. Die Kollegen von der Uni W\u00fcrzburg, die dort die Fauna erfassen, diktierten der Deutschen Presseagentur (dpa)\u00a0 in den Block:<\/p>\r\n<p data-canvas-width=\"535.8466666666666\"><em>&#8222;in einem Eichenwald in Unterfranken haben Wissenschaftler einen als <strong>in Mitteleuropa ausgestorben geltenden Nachtfalter<\/strong> entdeckt. [&#8230;.]\u00a0 Der Nachtfalter verschwand demnach vor 100 bis 150 Jahren aus den mitteleurop\u00e4ischen W\u00e4lder [&#8230;] Der erste \u00fcberraschende Fund eines Exemplars gelang den Angaben zufolge im Juli 2019, inzwischen seien bei gezielten Suchaktionen im Sommer 2020 gleich mehrere Exemplare des seltenen Falters nachgewiesen worden.&#8220;<\/em><\/p>\r\n<p data-canvas-width=\"535.8466666666666\">Der Sensationsfund wurde landauf landab in den Zeitungen abgedruckt, und schaffte es sogar auf die <a href=\"https:\/\/www.br.de\/nachrichten\/bayern\/ausgestorben-geglaubter-nachtfalter-in-unterfranken-gesichtet,S7Hd9ZZ\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Webseiten des Bayerischen Rundfunks<\/a> und von seri\u00f6sen Medien wie <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunknova.de\/nachrichten\/doch-nicht-ausgestorben-seltene-nachtfalter-art-wiederentdeckt\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Deutschlandfunk Nova.<\/a> Insekten die aussterben und wieder auferstehen, und das auch noch ausgerechnet in Bayern, das ist ein toller F\u00fcllstoff f\u00fcr das Sommerloch!<\/p>\r\n<p data-canvas-width=\"535.8466666666666\">Was nun die angeblich ausgestorbene Eulenfalter-Art angeht, so ist die Aussage definitiv falsch: <strong><em>Pabulatris pabulatricula<\/em> war in Deutschland keineswegs ausgestorben<\/strong>!<!--more--><\/p>\r\n<p data-canvas-width=\"535.8466666666666\">Schon ein vorsichtiger Blick in die beiden Standardwerke zur Lepidopterenfauna Deutschlands h\u00e4tte gereicht, um die f\u00fcr eine Uni wie W\u00fcrzburg ziemlich peinliche Pressemitteilung richtigzustellen: In GAEDIKE et al. (2017) wird die Art als rezent in Niedersachsen [NI] und Sachsen-Anhalt [ST] angegeben. Und in STEINER et al. (2014: 565) lesen wir:<em> &#8222;Die Art war fr\u00fcher aus allen Bundesl\u00e4ndern bekannt, ist aber selten geworden und mit Ausnahme von NI und ST (Einzelfund) wohl \u00fcberall ausgestorben.&#8220;<\/em><\/p>\r\n<p data-canvas-width=\"535.8466666666666\">Und weil Eigenwerbung ja nicht so besonders beliebt ist, sei nur an Rande darauf verwiesen, dass es \u00fcber das Vorkommen von<em> P. pabulatricula<\/em> s\u00fcd\u00f6stlich von L\u00fcneburg in Niedersachsen eine ausf\u00fchrliche Publikation von Hartmut Wegner gibt, in der <a href=\"http:\/\/www.ag-rh-w-lepidopterologen.de\/_mGala-16_Thea\/wp-content\/uploads\/Melanargia-26H2-compressed.pdf\">Melanargia, 26 (2): 45-98<\/a>. Dort beschreibt der Autor das Vorkommen von <em>pabulatricula<\/em> im <b>Staatsforst G\u00f6hrde<\/b>, dem gr\u00f6\u00dften zusammenh\u00e4ngenden Mischwaldgebiet Norddeutschlands in den Landkreisen L\u00fcchow-Dannenberg und L\u00fcneburg. Dort sind auch zahlreiche genaue Einzeldaten aufgef\u00fchrt, der letzte von 2009.<\/p>\r\n<p data-canvas-width=\"535.8466666666666\">Laut <a href=\"https:\/\/www.bfn.de\/themen\/rote-liste\/veroeffentlichungen.html#c102264\">Roter Liste der BRD<\/a> werden Vorkommen vor 2000 als ausgestorben\/verschollen definiert. Der bisher letzte publizierte Nachweis von <em>pabulatricula<\/em> erfolgte 2009. Diese Art gilt demnach noch nicht als verschollen, auch wenn WEGNER 2012 keine Falter mehr nachweisen konnte. In der Methodik der Roten Listen (LUDWIG et al. 2009) hei\u00dft es <em>\u201eDie Mindestzeit, ab der eine Art bei vergeblicher Nachsuche als verschollen gilt, ist nicht f\u00fcr alle Organismen gleich. Entsprechend der bisherigen Praxis wird f\u00fcr Pflanzen und Pilze ein Mindestzeitraum von 40 Jahren, f\u00fcr wirbellose Tiere von 20 Jahren und f\u00fcr Wirbeltiere von 10 Jahren empfohlen.\u201c <\/em><strong>So war\u00b4s also nichts mit ausgestorben!<\/strong><\/p>\r\n<div id=\"attachment_12129\" style=\"width: 753px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-12129\" data-attachment-id=\"12129\" data-permalink=\"https:\/\/www.ag-rh-w-lepidopterologen.de\/_mGala-16_Thea\/2020\/08\/13\/die-helle-pfeifengras-grasbueschel-eule-und-das-sommerloch\/rorelistenull\/\" data-orig-file=\"https:\/\/www.ag-rh-w-lepidopterologen.de\/_mGala-16_Thea\/wp-content\/uploads\/rorelistenull.jpg\" data-orig-size=\"743,553\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;credit&quot;:&quot;Dahl, Armin&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1597401064&quot;}\" data-image-title=\"rorelistenull\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"&lt;p&gt;Kriterium &amp;#8222;Ausgestorben&amp;#8220; aus BINOT-HAFKE et. al (2014)&lt;\/p&gt;\n\" data-large-file=\"https:\/\/www.ag-rh-w-lepidopterologen.de\/_mGala-16_Thea\/wp-content\/uploads\/rorelistenull.jpg\" class=\"size-full wp-image-12129\" src=\"http:\/\/www.ag-rh-w-lepidopterologen.de\/_mGala-16_Thea\/wp-content\/uploads\/rorelistenull.jpg\" alt=\"\" width=\"743\" height=\"553\" srcset=\"https:\/\/www.ag-rh-w-lepidopterologen.de\/_mGala-16_Thea\/wp-content\/uploads\/rorelistenull.jpg 743w, https:\/\/www.ag-rh-w-lepidopterologen.de\/_mGala-16_Thea\/wp-content\/uploads\/rorelistenull-537x400.jpg 537w, https:\/\/www.ag-rh-w-lepidopterologen.de\/_mGala-16_Thea\/wp-content\/uploads\/rorelistenull-269x200.jpg 269w\" sizes=\"auto, (max-width: 743px) 100vw, 743px\" \/><p id=\"caption-attachment-12129\" class=\"wp-caption-text\">Kriterium &#8222;Ausgestorben&#8220; aus LUDWIG et al. (2009)<\/p><\/div>\r\n<p data-canvas-width=\"535.8466666666666\">Und was lernen wir daraus? Nun, es gibt es Kenner der Materie, die behaupten, dass Nordost-Niedersachsen nicht wirklich zu Mitteleuropa geh\u00f6rt. Aber das ist auf den ersten Blick als Satire zu erkennen. Also Spa\u00df beiseite!<\/p>\r\n<p data-canvas-width=\"535.8466666666666\">Zum einen lernen wir, da\u00df die Datenlage in Niedersachsen bescheiden ist. Verglichen mit anderen Bundesl\u00e4ndern sind kaum \u00e4ltere Feldbeobachtungen in digitaler Form verf\u00fcgbar. Die Experten sitzen zwar auf Bergen von Karteien und Protokollen, leider ist kaum etwas davon in Datenbanken erfasst. Es nutzt jedoch niemandem, wenn man seine Daten mit ins Grab nimmt! Ob sich jemals eine Institution oder ein Personenkreis findet der das Vers\u00e4umte nachholt, darf stark bezweifelt werden. Aggregations-Portale wie die <a href=\"http:\/\/www.schmetterlinge-d.de\">Webseite Schmetterlinge Deutschlands<\/a> sind nur so gut wie die Daten die von den Regionen zugeliefert werden.<\/p>\r\n<p data-canvas-width=\"535.8466666666666\">Zum anderen kann man nur hoffen da\u00df die StudentInnen in den Zoologie-Lehrst\u00fchlen das wissenschaftliche Recherchieren beigebracht bekommen, und nicht nur mit &#8222;Pareys Insektenf\u00fchrer&#8220; durch die W\u00e4lder ziehen. Wenigstens einen Blick in die Standardliteratur zur Artengruppe k\u00f6nnte man erwarten, bevor man &#8211; unbestritten sehr wertvolle! &#8211; Wiederfunde an die gro\u00dfe Glocke h\u00e4ngt.<\/p>\r\n<p data-canvas-width=\"535.8466666666666\">Der Presseagentur kann man keinen gro\u00dfen Vorwurf machen, dort ist keinerlei Expertenwissen vorhanden. <strong>Der Vorfall zeigt einmal mehr, wie wichtig es ist, Funde und Daten zu publizieren oder zumindest einer Datenbank zur Verf\u00fcgung zu stellen.<\/strong><\/p>\r\n<p data-canvas-width=\"535.8466666666666\">Text: Heinz Schumacher und Armin Dahl<\/p>\r\n<p data-canvas-width=\"535.8466666666666\"><strong>Literatur<\/strong><\/p>\r\n<p>BINOT-HAFKE, M., S. BALZER, N. BECKER, H. GRUTTKE, H. HAUPT, N. HOFBAUER, G. LUDWIG, G. MATZKE-HAJEK &amp; M. STRAUCH (RED.) (2011): Rote Liste gef\u00e4hrdeter Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands Band 3: Wirbellose Tiere (Teil 1) Naturschutz und Biologische Vielfalt 70 (3). Bonn<\/p>\r\n<p>GAEDIKE, R., NUSS, M., STEINER, A. &amp; TRUSCH, R. (Hrsg.) (2017): Verzeichnis der Schmetterlinge Deutschlands (Lepidoptera). 2. \u00fcberarbeitete Auflage. \u2013 Entomologische Nachrichten und Berichte (Dresden), Beiheft 21: 1-362.<\/p>\r\n<p>LUDWIG, G.; HAUPT, H.; GRUTTKE, H. &amp; BINOT-HAFKE, M. (2009): Methodik der Gef\u00e4hrdungsanalyse f\u00fcr Rote Listen. \u2013 In: Haupt, H.; Ludwig, G.; Gruttke, H.; Binot-Hafke, M.; Otto, C. &amp; Pauly, A. (Bearb.): Rote Liste gef\u00e4hrdeter Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands. Band 1: Wirbeltiere. \u2013 M\u00fcnster (Landwirtschaftsverlag). \u2013 Naturschutz und Biologische Vielfalt 70 (1): 19-71.<\/p>\r\n<p>STEINER, A., RATZEL; U.,\u00a0 TOP-JENSEN, M. &amp; FIBINGER, M. (2014): Die Nachtfalter Deutschlands &#8211; Ein Feldf\u00fchrer. &#8211; Ostermarie (Bugbook Publishing). 878 S. 76 Farbtafeln<\/p>\r\n<p>WEGNER, H. (2014):<em> Eremobina pabulatricula<\/em> (BRAHM, 1791), <em>Diarsia dahlii<\/em> (H\u00dcBNER, 1813) und weitere bemerkenswerte Eulenfalter in den W\u00e4ldern Nordost-Niedersachsens \u2013 Beobachtungen zur Habitatpr\u00e4ferenz (Lep., Noctuidae). \u00a0<a href=\"http:\/\/www.ag-rh-w-lepidopterologen.de\/_mGala-16_Thea\/wp-content\/uploads\/Melanargia-26H2-compressed.pdf\">zum Download<\/a><\/p>\r\n<div data-canvas-width=\"544.2799999999997\">\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht alles was in der Zeitung steht muss stimmen! Im Fall von Pabulatrix pabulatricula h\u00e4tte ein bisschen mehr Recherche gut getan. 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