{"id":12369,"date":"2020-12-18T12:00:13","date_gmt":"2020-12-18T11:00:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ag-rh-w-lepidopterologen.de\/?p=12369"},"modified":"2020-12-31T20:26:15","modified_gmt":"2020-12-31T19:26:15","slug":"insektenschwund-was-macht-deutschland-so-speziell","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ag-rh-w-lepidopterologen.de\/_mGala-16_Thea\/2020\/12\/18\/insektenschwund-was-macht-deutschland-so-speziell\/","title":{"rendered":"Insektenschwund \u2013 Was macht Deutschland so speziell?"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_12372\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.ag-rh-w-lepidopterologen.de\/_mGala-16_Thea\/wp-content\/uploads\/12_Wald-eutrophiert_200601.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-12372\" data-attachment-id=\"12372\" data-permalink=\"https:\/\/www.ag-rh-w-lepidopterologen.de\/_mGala-16_Thea\/2020\/12\/18\/insektenschwund-was-macht-deutschland-so-speziell\/12_wald-eutrophiert_200601\/\" data-orig-file=\"https:\/\/www.ag-rh-w-lepidopterologen.de\/_mGala-16_Thea\/wp-content\/uploads\/12_Wald-eutrophiert_200601.jpg\" data-orig-size=\"2560,1536\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;2.6&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;SM-G357FZ&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1589456874&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;3.54&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;50&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.0064935064935065&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}\" data-image-title=\"W\u00e4lder\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"&lt;p&gt;Abb. 1: Wenn die W\u00e4lder so aussehen, k\u00f6nnen wir Satyrium ilicis selbstverst\u00e4ndlich vergessen. Eichen-Buchen-Mischwald bei Grevenbroich am 01.06.2020. Foto: A. Kaltenberg.&lt;\/p&gt;\n\" data-large-file=\"https:\/\/www.ag-rh-w-lepidopterologen.de\/_mGala-16_Thea\/wp-content\/uploads\/12_Wald-eutrophiert_200601-1801x1081.jpg\" class=\"wp-image-12372 size-thumbnail\" src=\"http:\/\/www.ag-rh-w-lepidopterologen.de\/_mGala-16_Thea\/wp-content\/uploads\/12_Wald-eutrophiert_200601-300x180.jpg\" alt=\"Buchen-Mischwald bei Grevenbroich\" width=\"300\" height=\"180\" srcset=\"https:\/\/www.ag-rh-w-lepidopterologen.de\/_mGala-16_Thea\/wp-content\/uploads\/12_Wald-eutrophiert_200601-300x180.jpg 300w, https:\/\/www.ag-rh-w-lepidopterologen.de\/_mGala-16_Thea\/wp-content\/uploads\/12_Wald-eutrophiert_200601-600x360.jpg 600w, https:\/\/www.ag-rh-w-lepidopterologen.de\/_mGala-16_Thea\/wp-content\/uploads\/12_Wald-eutrophiert_200601-1801x1081.jpg 1801w, https:\/\/www.ag-rh-w-lepidopterologen.de\/_mGala-16_Thea\/wp-content\/uploads\/12_Wald-eutrophiert_200601-1536x922.jpg 1536w, https:\/\/www.ag-rh-w-lepidopterologen.de\/_mGala-16_Thea\/wp-content\/uploads\/12_Wald-eutrophiert_200601-2048x1229.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-12372\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 1: Wenn die W\u00e4lder so aussehen, k\u00f6nnen wir <em>Satyrium ilicis<\/em> selbstverst\u00e4ndlich vergessen. Eichen-Buchen-Mischwald bei Grevenbroich am 1. Juni 2020. Foto: A. Kaltenberg.<\/p><\/div>\n<p><strong>Sp\u00e4testens seit 2017 wissen es alle: Wir haben im letzten Vierteljahrhundert Dreiviertel unserer Insekten verloren, und das in Schutzgebieten [1]<\/strong>.<\/p>\n<p>Man braucht die Windschutzscheibe nicht mehr zu reinigen, und kann an warmen Sommerabenden ungehemmt die Fenster der hell erleuchteten Zimmer offenlassen. Aber auch sonst f\u00e4llt es jedem aufmerksamen Spazierg\u00e4nger auf: \u00dcber die Feldwege rennen keine Laufk\u00e4fer mehr. <em>Pterostichus<\/em> und <em>Amara<\/em> sind weg.<\/p>\n<p>Aber wie weit l\u00e4sst sich dieses erschreckende Geschehen verallgemeinern? Betrifft es alle Insektengruppen? Auch die Wespen? Verschwinden die Insekten gleicherma\u00dfen auf Feld, Wiese und Wald, am Land und im Wasser? Ist die ganze Welt vom Insektenr\u00fcckgang betroffen?<\/p>\n<p>Hierzu erschienen in den letzten beiden Jahren mehrere aufschlussreiche Artikel, und das sogar in \u201eNature\u201c und \u201eScience\u201c. Die Aussage verbl\u00fcfft schon etwas: Der Insektenschwund ist offenbar nirgends so drastisch wie in Deutschland. Waren wir nicht immer der Meinung, dass die Amerikaner oder die Asiaten in Feld und Garten noch mehr Gifte einsetzen als wir in Deutschland?<\/p>\n<p>\u201eNature ecology &amp; evolution\u201c berichtet in 2020 von der Erfassung hunderter von Arten aus den meisten herk\u00f6mmlichen Insektenordnungen in 68 verschiedenen naturnahen und gemanagted Habitaten in den U.S.A. \u00fcber einen Zeitraum von 4 \u2013 36 Jahren bis 2019 [2]. Selbstverst\u00e4ndlich fanden die Autoren bei den verschiedenen Taxa und an den verschiedenen Orten Schwankungen in den Artenzahlen und Individuenmengen. Aber die Netto-Bilanz der Biodiversit\u00e4t und Abundanz der Insekten in den letzten Jahrzehnten lag bei null. In den U.S.A. konnte kein generelles \u201eInsektensterben\u201c nachgewiesen werden. Die Gewinner haben die Verlierer ausgeglichen. Das \u00fcberrascht.<\/p>\n<p><!--more-->In \u201eScience\u201c findet man in 2020 eine Bilanz zur Entwicklung der weltweiten Insektenbest\u00e4nde zwischen 1960 und 2005. Die H\u00e4ufigkeit und Biomasse der Insekten wurden in 41 L\u00e4ndern an 1676 Orten in unterschiedlichen Klimazonen gemessen [3]. Zwar wurde (wie wir erwarten) im Mittel eine (allerdings leichte) weltweite Abnahme der terrestrischen Insekten ermittelt, aber es gibt einen bemerkenswerten Unterschied zwischen Nord-Amerika und Europa: w\u00e4hrend die Insekten in Nord-Amerika seit 2000 nicht mehr weiter abgenommen haben (\u201eno longer negative since 2000\u201c), verzeichnet Mitteleuropa seit 2005 einen besonders starken R\u00fcckgang. Das betrifft allerdings nur die terrestrischen Arten. Die Tendenz der aquatischen Insekten ist in Nord-Amerika und Europa schon seit 1960 positiv und hat in den letzten Jahrzehnten nicht abgenommen.<\/p>\n<p>Auch Gro\u00dfbritannien scheint schon vor dem vollzogenen Brexit aus Europa ausgeschieden zu sein. In \u201eNature ecology &amp; evolution\u201c wird in einem Langzeit-Monitoring nachgewiesen, dass die Biomasse an Noctuiden nach einem deutlichen Anstieg zwischen 1967 und 1982 dann zwar bis 2017 wieder leicht abgenommen hat, jedoch am Ende (2017) immer noch signifikant \u00fcber den Werten von 1970 liegt [4]. Eine Korrelation zu den Niederschlagsmengen, der Temperatur, der urbanen Beleuchtung oder der Intensit\u00e4t landwirtschaftlicher Eingriffe in die Natur konnte nicht nachgewiesen werden.<\/p>\n<p>Doch was ist jetzt mit Deutschland? In \u201eNature\u201c wird 2019 gezeigt, dass in drei Regionen Deutschlands zwischen 2008 und 2017 mehr als eine Million Arthropoden-Individuen in ca. 300 verschiedenen Habitaten an Artenzahl und Biomasse um 34 \u2013 78% abgenommen haben [5]. Davon sind besonders die landwirtschaftlich genutzten Offenlandschaften, aber auch die nicht landwirtschaftlich genutzten Grasl\u00e4nder betroffen (150 Orte untersucht). Aber auch die W\u00e4lder zeigten in diesem Zeitraum zwar einen geringeren, aber immer noch 36 \u2013 41%igen Schwund an Arten und Biomasse.<\/p>\n<p>Was macht Deutschland so speziell? Es ist unwahrscheinlich, dass Deutschland von den Giften und vom Klimawandel st\u00e4rker betroffen ist als die anderen L\u00e4nder. M\u00f6glicherweise wirkt sich in Deutschland wegen der hohen Qualit\u00e4t der B\u00f6den und dem g\u00fcnstigen Klima die Eutrophierung st\u00e4rker aus als in anderen L\u00e4ndern. Die Stickstoff-D\u00fcngung durch die Atmosph\u00e4re f\u00fchrt in Deutschland anscheinend \u00fcberall zur \u00dcberwucherung der B\u00f6den mit dichter hoher Vegetation (Abb. 1).<\/p>\n<div id=\"attachment_12373\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.ag-rh-w-lepidopterologen.de\/_mGala-16_Thea\/wp-content\/uploads\/Unbenannt_01.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-12373\" data-attachment-id=\"12373\" data-permalink=\"https:\/\/www.ag-rh-w-lepidopterologen.de\/_mGala-16_Thea\/2020\/12\/18\/insektenschwund-was-macht-deutschland-so-speziell\/unbenannt_01\/\" data-orig-file=\"https:\/\/www.ag-rh-w-lepidopterologen.de\/_mGala-16_Thea\/wp-content\/uploads\/Unbenannt_01.jpg\" data-orig-size=\"1022,681\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}\" data-image-title=\"Unbenannt_01\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"&lt;p&gt;Abb. 2: Deutschlands Landschaft ist aufger\u00e4umt, auch in abseitigen Winkeln. Hier ist es einmal anders: ein Schutthaufen am Rande eines Geb\u00fcschs nahe den Braukohleabgrabungsfl\u00e4chen bei J\u00fcchen. Auf diesem Steinhaufen waren in diesem Sommer bis zu 25 Tagfalterarten zu beobachten. Hier Schwalbenschwanz und Mauerfuchs am 12. September 2020. Fotos: Werner Kunz.&lt;\/p&gt;\n\" data-large-file=\"https:\/\/www.ag-rh-w-lepidopterologen.de\/_mGala-16_Thea\/wp-content\/uploads\/Unbenannt_01.jpg\" class=\"wp-image-12373 size-thumbnail\" src=\"http:\/\/www.ag-rh-w-lepidopterologen.de\/_mGala-16_Thea\/wp-content\/uploads\/Unbenannt_01-300x200.jpg\" alt=\"Schutthaufen\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.ag-rh-w-lepidopterologen.de\/_mGala-16_Thea\/wp-content\/uploads\/Unbenannt_01-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.ag-rh-w-lepidopterologen.de\/_mGala-16_Thea\/wp-content\/uploads\/Unbenannt_01-600x400.jpg 600w, https:\/\/www.ag-rh-w-lepidopterologen.de\/_mGala-16_Thea\/wp-content\/uploads\/Unbenannt_01.jpg 1022w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-12373\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 2: Deutschlands Landschaft ist aufger\u00e4umt, auch in abseitigen Winkeln. Hier ist es einmal anders: ein Schutthaufen am Rande eines Geb\u00fcschs nahe den Braukohleabgrabungsfl\u00e4chen bei J\u00fcchen. Auf diesem Steinhaufen waren in diesem Sommer bis zu 25 Tagfalterarten zu beobachten. Hier Schwalbenschwanz und Mauerfuchs am 12. September 2020. Fotos: Werner Kunz.<\/p><\/div>\n<p>Aber es gibt noch einen anderen Faktor, der beim Thema Artenschwund nur selten beim Namen genannt wird, weil es dagegen keine ethisch vertretbare Abhilfe gibt: In Deutschland leben auf einem Quadratkilometer im Durchschnitt 233 Menschen, in Gro\u00dfbritannien nur 67 und in den USA rund 36. Man sollte aber auch nicht vergessen, dass wir mehr als andere (auch europ\u00e4ische) L\u00e4nder jeden letzten Winkel unseres Landes sorgf\u00e4ltig in Ordnung bringen und nutzen: Zwickel in der Agrarlandschaft, Unkrautecken, Schlamm- und Schuttfl\u00e4chen, br\u00f6ckelndes Gem\u00e4uer, Gruben und Abbruchkanten, Stein-, Sand- und Abfallhaufen (Abb. 2), br\u00fcchige Schuppen und Scheunen werden beseitigt.<\/p>\n<p>Wir haben nicht mehr die \u201eEh-da-Fl\u00e4chen\u201c, die fr\u00fcher ohnehin vorhanden waren \u2013 eben eh da \u2013 und die in unseren Nachbarl\u00e4ndern zum Teil noch vorhanden sind [6].<\/p>\n<p>[1] Hallmann, C. A.; Sorg, M.; Jongejans, E.; Siepel, H.; Hofland, N.; Schwan, H. et al. (2017): More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas. In: <em>PLoS ONE <\/em>12 (10). DOI: 10.1371\/journal.<\/p>\n<p>[2] Crossley, Michael S.; Meier, Amanda R.; Baldwin, Emily M.; Berry, Lauren L.; Crenshaw, Leah C.; Hartman, Glen L. et al. (2020): No net insect abundance and diversity declines across US Long Term Ecological Research sites. In: <em>Nature ecology &amp; evolution <\/em>4 (10), S. 1368\u20131376. DOI: 10.1038\/s41559-020-1269-4.<\/p>\n<p>[3] van Klink, Roel; Bowler, Diana E.; Gongalsky, Konstantin B.; Swengel, Ann B.; Gentile, Alessandro; Chase, Jonathan M. (2020): Meta-analysis reveals declines in terrestrial but increases in freshwater insect abundances. In: <em>Science (New York, N.Y.) <\/em>368 (6489), S. 417\u2013420. DOI: 10.1126\/science.aax9931.<\/p>\n<p>[4] Macgregor, Callum J.; Williams, Jonathan H.; Bell, James R.; Thomas, Chris D. (2019): Moth biomass increases and decreases over 50 years in Britain. In: <em>Nat Ecol Evol <\/em>3 (12), S. 1645\u20131649. DOI: 10.1038\/s41559-019-1028-6.<\/p>\n<p>[5] Seibold, Sebastian; Gossner, Martin M.; Simons, Nadja K.; Bl\u00fcthgen, Nico; M\u00fcller, J\u00f6rg; Ambarl\u0131, Didem et al. (2019): Arthropod decline in grasslands and forests is associated with landscape-level drivers. In: <em>Nature <\/em>574 (7780), S. 671\u2013674. DOI: 10.1038\/s41586-019-1684-3.<\/p>\n<p>[6] K\u00fcnast, C.; Deubert, M.; K\u00fcnast, R.; Trapp, M. (2019): Die Eh da-Initiative. In: <em>Biologie in unserer Zeit <\/em>49 (1), S. 28\u201338.<\/p>\n<hr \/>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sp\u00e4testens seit 2017 wissen es alle: Wir haben im letzten Vierteljahrhundert Dreiviertel unserer Insekten verloren, und das in Schutzgebieten [1]. 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