Prozessionsspinner oder doch nicht?

Trotz der breiten Diskussion um das Insektensterben ist der Umgang der Behörden mit der Giftspritze immer noch sehr locker. Die Begründungen für solche Gifteinsätze sollten immer kritisch überprüft werden.

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So wurden laut einem Pressebericht Mitte Mai 2018 im nördlichen Kreis Düren 5000 Straßen- und Parkbäume prophylaktisch mit einem Insektizid behandelt, da ein Befall mit dem Eichen-Prozessionsspinner befürchtet wird. Tatsächlich sieht man derzeit im betroffenen Raum zahlreiche kahle Straßenbäume mit kugeligen Gespinsten, die von mittelgroßen, haarigen Raupen verursacht werden. Jedoch handelt sich dabei gar nicht um einen Befall mit Prozessionsspinnern, sondern dies wird durch den sogenannten „Goldafter“ Euproctis chrysorrhoea (LINNAEUS, 1758)  verursacht, eine Nachtfalterart, die in der Region bisher nicht so gut bekannt ist.

Der Kreis Düren weist im Internet selbst zu Recht darauf hin, dass z.B. Gespinstmotten keinen Anlass zur Sorge bieten. Eine Unterscheidung dieser Gespinste von denen der Prozessionsspinner sei schon auf Distanz gut möglich. Beim Goldafter muss man jedoch genauer hinschauen. Deshalb darf bezweifelt werden, dass der aktuelle Gift-Einsatz gerechtfertigt ist. Maßnahmen sollten allenfalls dort erfolgen, wo tatsächlich Prozessionsspinner einwandfrei identifiziert werden und diese eine Gefahr für Menschen (nicht für Bäume!) darstellen. Eine bloße prophylaktische Aktion trägt nur wieder zum in diesem Fall unnötigen Insektensterben bei.

Eine sachgerechte Reaktion auf den konkreten Befall mit Prozessionsspinnern ist zudem nur ein Absaugen der Nester einschließlich der Nessel-Haare. Eine Behandlung mit Gift ist im Befallsfall ohnehin nicht mehr wirksam, weil die Haare dabei nicht beseitigt werden.

Bei den befallenen Bäumen war zu beobachten, dass Stare in Schwärmen die Raupen des Goldafters als Nahrungsquelle nutzten. Es werden somit auch Vögel durch diesse Giftaktionen gefährdet und zumindest ihrer Nahrung beraubt. Giftaktionen treffen zudem immer auch die sonstigen natürlichen Gegenspieler von „Schad“-Insekten (z.B. deren Parasiten, meist ebenfalls Insekten wie Schlupfwespen ect.). Insofern fördern Giftaktionen solche Massenvermehrungen auf Dauer sogar indirekt. Es ist daher dringend geboten, dass die Gründe für solche Gifteinsätze kritischer überprüft werden.

Ulrich Haese, für den NABU Düren

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Ein Kommentar zu Prozessionsspinner oder doch nicht?

  1. Karl-Heinz Jelinek sagt:

    Super! Wenn ich es schaffe, mache ich nach meiner Heimkehr eine Pressemitteilung dazu. Grüße aus der Provence, Karl-Heinz

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