Blattminierer an Schlangenknöterich – Antispilina ludwigi

Antispilina ludwigi, Schweiz, Berner Jura, 1000 m ü.M., Hochmoor, 2. August 2017, Minen in Blättern von Polygonum bistorta. (Foto: Ruedi Bryner)

Der Schlangenknöterich Bistorta officinalis (Syn. Polygonium bistorta) ist Nahrungspflanze für eine Reihe seltener Schmetterlinge, insbesondere in nährstoffarmen und feuchten Graslandschaften in mitteleuropäischen Bergregionen.

Über den Blauschillernden Feuerfalter Lycaena helle und den Randring-Perlmutterfalter Boloria eunomia ist viel bekannt. Jedoch leben auch höchst interessante Kleinschmetterlinge am Schlangenknöterich. So wurde beispielsweise der Knöterich-Erzglanzfalter Antispilina ludwigi kürzlich in den Ardennen in Belgien, in Frankreich (Zentralmassif und Jura) und der Schweiz (Alpen und Jura) neu entdeckt (Nieukerken et al. 2021).

Locus typicus der von HERING (1941: 19) nach einem einzigen ♂ beschriebenen Art ist das NSG Feuerheck bei Waldaubach, im Lahn-Dill-Kreis (Hessen). Nach den aktuellen Neufunden in den Ardennen ist es jedoch wahrscheinlich, dass A. ludwigi neben dem Hessischen Bergland auch in der Eifel gefunden werden kann.

Antispilina ludwigi ist als Imago ein echter „Mikro“, das zu den Heliozelidae (Erzglanzfalter) zählende Falterchen gehört mit einer Vorderflügellänge von 2,5 mm zu den kleinsten einheimischen Schmetterlingen. Die Fundorte in den Ardennen liegen zwischen 460-640m NN. in Bütgenbach und Rocherath, direkt hinter der Grenze in der deutschsprachigen Region in Belgien. Aber auch weiter südlich in der Wallonie, in der belgischen Provinz Luxemburg gab es frische Nachweise.

Antispilina ludwigi, Schweiz, Berner Jura, 1000 m ü.M., Hochmoor, 2. August 2017, Minen in Blättern von Polygonum bistorta. (Foto: Ruedi Bryner)

Minen und Larven findet man (hoffentlich!) je nach Höhenlage zwischen Juni und September, oft mehrere auf einem Blatt, in braunen Fleckminen entlang der Mittelrippe. Die Falter fliegen von April bis Juni. Beobachtungen sowie einige Fotos von Minen finden sich auch im belgischen Online-Portal unter https://waarnemingen.be/species/180542/

Da in nächster Zeit im Rahmen des „Life-Projekts helle Eifeltäler“ viele Schlangenknöterich-Wiesen unter die Lupe genommen werden, finden sich bei der Gelegenheit eventuell auch die typischen Minen von A. ludwigi.


Literatur

Erik J. van Nieukerken, Steve Wullaert, Bong-Woo Lee, Rudolf Bryner (2021): Antispilina ludwigi Hering, 1941 (Lepidoptera, Heliozelidae) a rare but overlooked European leaf miner of Bistorta officinalis (Polygonaceae): new records, redescription, biology and conservation. Nota lepidopterologica 44: 99-121.
Download: https://nl.pensoft.net/article/63848/

HERING, E. M. (1941): Minenstudien 16. — Deutsche Entomologische Zeitschrift 1941 (1-2): 10-23. Berlin
Download: PDF auf zobodat.at.

LUDWIG, A. (1952): Die Blattminen des Siegerlandes und der angrenzenden Gebiete. Abh. Landesmus. Naturkd. Münster 15 (2): 1-48, Münster
Download: https://www.lwl.org/wmfn-download/Abhandlungen/Abh_15(2)1952.pdf

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Vom Notizbuch zum Mottenscanner – Vollautomatische Ermittlung der Artenvielfalt bei Nachtfaltern

Nachtfalterbeobachtung am Leuchtturm.

Die Digitalisierung schreitet in allen Bereichen der Wirtschaft und Wissenschaft rasch voran, und auch die Erfassungsmethoden in der Entomologie wandeln sich. DNA-Barcoding hat sich als Methode zur Artenbestimmung etabliert, und wird zusammen mit morphologischen Merkmalen zur „Turbo-Taxonomie“. Handy-Apps bestimmen Digitalbilder von Tieren und Pflanzen mit hoher Trefferquote und ersetzen das Notizbuch. Ein neues ambitioniertes Projekt mit dem Namen AMMOD  (Automated Multisensor Stations for Monitoring of BioDiversity) versucht sich nun an der vollautomatischen Erfassung der Artenvielfalt bei Nachtfaltern mit Hilfe eines „Mottenscanners“.  Wer möchte kann das Projekt mit eigenen Digitalbildern unterstützen.

Dr. Paul Bodesheim arbeitet am Lehrstuhl Digitale Bildverarbeitung der Friedrich-Schiller-Universität Jena im Bereich „Computer Vision and Machine Learning“ und bittet darum, für die automatisierte Erkennung von Nachtfalterarten entsprechende Fotos zur Verfügung zu stellen. Viele von uns nutzen bereits „ObsMapp“ und „iObs“ zur Datenerfassung und eine automische Arterkennung mit Hilfe von Handyfotos ist bereits eingebaut. Wenn sich die Algorithmen noch verbessern lassen, kann das nur in unserem Sinne sein.

Ihr könnt Eure Fotos über Upload- oder Download-links zur Verfügung stellen. Es wäre aber auch möglich, dass ihr einfach den Beteiligten meldet, dass Eure bereits vorhandenen Bilder z.B. auf observation.org oder bei naturgucker.de für diesen Zweck verwendet werden dürfen. Die Fotos werden ausschließlich zur Optimierung der Bilderkennung verwendet, nicht weitergegeben oder ohne Eure ausdrückliche Zustimmung veröffentlicht. Alles Weitere dazu findet Ihr in dem Aufruf unten (siehe „Übermittlung der Daten“).

Wie soll die Sache funktionieren? Hierzu teilte mit Herr Dr. Bodesheim mit, dass mit klassischen Leuchtanlagen (UV-LED) gearbeitet werden soll. Die Falter, die sich auf der beleuchteten Fläche niederlassen, werden in regelmäßigen Abständen automatisch fotografiert und die Arten mit Bilderkennung identifiziert. Die Fallen sollen so arbeiten, dass das Licht deutlich vor Beginn der Dämmerung ausgeschaltet ist, so dass die Falter eine Chance zur Flucht haben, bevor Vögel die stationären Anlagen allmorgendlich abräumen. Dies ist sicher ein wichtiger Punkt, gerade in sensibelen Biotopen.

Hier der Aufruf des AMMODKonsortiums:

„Liebe Lepidopterologinnen und Lepidopterologen,
der Schutz der Insekten steht endlich seit der „Krefelder Studie“ (gelegentlich) im Fokus der Politik, und auch einige Forschungsinstitute wollen vermehrt Ressourcen in das Monitoring von Insekten investieren. Mehrere dieser Institute haben sich zusammengeschlossen, um eine „Wetterstation für Artenvielfalt“ zu bauen. Diese von der Bundesregierung geförderten „AMMOD-Stationen“ nehmen aus der Umwelt biologische Signale wie Tierstimmen und Pflanzendüfte auf, DNA aus Fluginsekten und Pollen wird gewonnen, und es werden Fotos gemacht, die per Funk übertragen und automatisiert ausgewertet werden. Eine automatisierte Lichtfalle wird derzeit als „Mottenscanner“ entwickelt. Das wird es uns künftig ermöglichen, an sehr vielen Orten gleichzeitig und das ganze Jahr über Daten zu sammeln, was mit traditionellen Personaleinsätzen so nicht realisierbar wäre.

Es geht vorerst um den Nachweis der Präsenz der Arten für sehr viele Spezies und in hoher zeitlicher Auflösung. Für die biologische Deutung der Befunde werden auch künftig Artenkenner benötigt, und wir rechnen mit steigendem Bedarf, wenn wir mehr über Umwelttrends lernen. Hoffentlich werden dann auch Faunistik und Artenkenntnis wieder vermehrt an den Hochschulen gelehrt. Eine Schlüsseltechnik für die AMMOD-Sensoren sind Algorithmen der künstlichen Intelligenz, die mit Beispielbildern trainiert werden müssen. Die Leistungsfähigkeit moderner Bestimmungs-Apps ist bekannt, die bisher existierenden Algorithmen haben aber noch Probleme, wenn die Beleuchtung variiert, die Entfernung größer ist, Blickwinkel sich ändern, oder nur Teile der Tiere zu sehen sind. Daher arbeiten wir im AMMOD Konsortium an Verbesserungen der Algorithmen, die letztlich allen Anwendern zu Gute kommen werden. Dazu kooperieren wir mit den niederländischen Entwicklern von observation.org, deren Portal und App sich bereits jetzt bewährt haben.

Übermittlung der Daten:

Um den angestrebten Quantensprung der biologischen Umweltbeobachtung zu erreichen, brauchen wir die Hilfe von Experten. Aktuell geht es um Referenzbilder von Arten, insbesondere für Nachtfalter. Können Sie uns helfen? Ihre Fotos werden dabei ausschließlich zum Trainieren der KI-Algorithmen verwendet und es werden darüber hinaus keine Bild- und Nutzungsrechte verletzt. Wir werden keine Fotos veröffentlichen oder weitergeben, es sei denn, Sie stimmen dem ausdrücklich zu. Um uns die Bilder zu übermitteln, haben Sie mehrere Möglichkeiten. Nutzen Sie gerne die Option, die für Sie am angenehmsten bzw. unkompliziertesten ist. Sie können uns entweder einen Download Link zu einem von Ihnen genutzten Service (ftp-Server, own-cloud, dropbox o.ä.) per E-Mail an Dimitri Korsch (dimitri.korsch@uni-jena.de) senden oder Sie nutzen die Möglichkeit über einen Upload-Link. Für die letztgenannte Variante wenden Sie sich bitte ebenfalls an Dimitri Korsch (dimitri.korsch@uni-jena.de), um Link und Passwort zu erhalten. Mehrere Bilder können gerne als Verzeichnisse oder Archive (zip, rar, tar o.ä.) bereitgestellt werden, wir sind aber auch für Einzelbilder sehr dankbar.

Art der Bilder:

In erster Linie benötigen wir Bilder von Nachtfaltern in der Form, wie wir die Tiere auch bei der Verwendung der Lichtfallen aufnehmen (beleuchtete weiße Fläche, auf der sich die Falter niederlassen): idealerweise aber nicht notwendigerweise mit ausgebreiteten Flügeln, der Hintergrund/Untergrund kann jedoch beliebig sein. Je größer die Falter im Bild zu sehen sind, desto besser. Wir untersuchen derzeit, wie sich die Bildauflösung auf die Erkennungsleistung auswirkt. Daher sind auch niedrig aufgelöste Bilder interessant und relevant.

Artnamen und Metadaten:

Sie können selbst entscheiden, wie Sie uns die zugehörigen Artennamen zu den Bildern übermitteln. Hier einige Beispiele: in den Metadaten der Bilddateien, als Ordnernamen, direkt im Dateinamen der Bilder, als Excel-Tabellen bzw. Listen mit Dateinamen und zugehörigen Artennamen. Geben Sie bitte bei der Übermittlung der Bilder an Dimitri Korsch (dimitri.korsch@uni-jena.de) an, mit welcher Variante Sie die Artennamen zu den Bildern zur Verfügung stellen.

Haben Sie noch weitere Fragen, dann melden Sie sich gerne bei uns.
Bei allgemeinen Fragen zum AMMOD-Projekt wenden Sie sich bitte an Wolfgang Wägele (W.Waegele@zfmk.de) und Fragen zur Entwicklung der KI-Algorithmen und der Verwendung Ihrer Bilder richten Sie bitte an Paul Bodesheim (paul.bodesheim@uni-jena.de) oder Dimitri Korsch (dimitri.korsch@uni-jena.de).

Herzlichen Dank für Ihre Unterstützung und mit freundlichen Grüßen,

Wolfgang Wägele (Projektkoordinator), Paul Bodesheim und Dimitri Korsch im Namen des gesamten AMMOD-Konsortiums“

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Wildbestäuber nehmen rund um Bienenkästen ab

Einflusssphäre von Nutzbienen auf Wildbestäuber. Quelle: EIS Kenniscentrum Insecten

Konkurrenz zwischen Honigbienen und den übrigen auf Pollen und Nektar angewiesenen Wirbellosengruppen ist seit langem Thema im Naturschutz! Allerdings war die Datengrundlage dazu bisher eher schwach. Neue Studien aus den Niederlanden sorgen hier für Abhilfe, und es gibt konkrete Empfehlungen für die Nutzung von Heide-Gebieten durch Imkerei.

Wildbienen scheinen in den Niederlanden eine der am stärksten vom Insektensterben betroffenen Gruppen zu sein, 55% aller betrachteten Arten stehen auf der Roten Liste (Reemer 2018). Für Schmetterlinge deuten die Studien ebenfalls auf einen starken Rückgang hin: Seit 1992 registrierten die Niederländer einen Rückgang der Gesamtzahl um 48% (Van Swaay 2018).

Vor diesem Hintergrund hat die Immobilienverwaltung der Zentralregierung (Rijksvastgoedbedrijf, in Deutschland wäre das die
Bundesanstalt für Immobilienaufgaben – BIMA) eine Studie in Auftrag gegeben, die den Einfluss von Honigbienen-Ständen auf Wildbestäuber in verschiedenen Truppenübungsplätzen in den Niederlanden untersucht hat. Dazu wurden 50×50 Meter große Flächen in verschiedenen Abständen von den Honigbienenkästen nach Bestäubern abgesucht. Ergebnis: In der Umgebung aufgestellter Bienenstöcke ist die Zahl der übrigen Bestäuber-Insekten deutlich reduziert, und zwar statistisch abgesichert. Zudem nimmt der Konkurrenzdruck stark mit der Zahl der aufgestellten Bienenvölker zu, der Einfluss reicht über vier Kilometer Entfernung in den Umkreis der Bienenstände.

Quelle: Heideterrasse.net

Nach Meinung der Autoren und auf der Grundlage des Vorsorgeprinzips sollte der Anteil der Fläche, auf der Wettbewerbsdruck durch Honigbienen akzeptiert wird, für Naturschutzgebiete maximal 25 Prozent betragen. Höchst interessant ist ein von den Autoren entwickelter „Konkurrenzdruck-Rechner„, mit dessen Hilfe in Abhängigkeit von Größe des Gebietes, der blühenden Heideflächen und Zahl der Bienenstöcke errechnet werden kann, wie stark die Beeinflussung der Wildbestäuber ist. Folgt man den Empfehlungen, dürften kleinere Heidegebiete, zum Beispiel auf der rechtsrheinischen Heideterrasse, automatisch aus der Imker-Nutzung herausfallen.

Die bereits erwähnte BIMA, die ihrerseits einen ökologischen Zertifizierungsprozess der von ihr bewirtschafteten Liegenschaften anstrebt, könnte sich am kleinen Nachbarland ein Beispiel nehmen. Aber auch viele Städte wie zum Beispiel Solingen, die ihre Naturschutzgebiete mit zahlreichen Bienenvölkern regelrecht umstellen, sollten die Studie aufmerksam lesen: Honigbienennutzung schadet der Artenvielfalt, vor allem in kleinen Gebieten!

John T. Smit, Theo Zeegers & Linde Slikboer: Richtlijn plaatsing honingbijkasten op heideterreinen van defensie wurde erstellt vom höchst seriösen Kenntniscentrum Leiden, das sich der Wirbellosen-Forschung verschreiben hat. Die komplette Studie findet sich hier zum Download

Literatur

Reemer, M. 2018. Basisrapport voor de Rode Lijst Bijen. – EIS Kenniscentrum Insecten, Leiden.
Van Swaay, C. 2018. Achteruitgang van vlinders en andere insecten-meetnet vlinders. Vlinders, 33(1), 11-11.

 

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Achtung update Synchronzählung an Himmelfahrt – ausgebucht..

Lycaena helle Ende Mai 1995 Nonnenbachtal (Eifel). Foto: Tim Laussmann

 

 

 

Achtung, das hier stehende Anschreiben/Aufruf  zur Mitarbeit wurde auf Bitte der Biostation wieder entfernt.

Im Januar ist LIFE helle Eifeltäler gestartet. Das Projekt konzentriert sich auf die Erhaltung und Förderung der beiden bedrohten Arten Blauschillernder Feuerfalter (Lycaena helle) und Goldener Scheckenfalter (Euphydryas aurinia) in der Nordeifel im Kreis Euskirchen. Für beide Arten sollen Habitate optimiert und vernetzt werden. Für aurinia ist eine Reetablierung im Projektgebiet geplant.
Im Anhang (ProjectCharacteristics) sind die Kerndaten des Projektes zusammengefasst und die Projektkulisse dargestellt.

Leider wurde die Biostation innerhalb einer Stunde von einer Flut von Anfragen überrollt, was sich organisatorisch von dem kleinen Projektteam nicht bewältigen lässt.

Wir werden versuchen Euch regelmäßig an dieser Stelle über den Fortgang desa Projektes zu informieren.

 

 

 

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Lost and found: eine Bilanz von 160 Jahren Tag- und Nachtfalterbeobachtungen im Raum Wuppertal und Hilden

Auswahl von Schmetterlingsarten, die im Untersuchungsraum Hilden, Haan, Erkrath, Wuppertal, Solingen und Remscheid als verschollen gelten. Für eine größere Ansicht: rechte Maustaste – Grafik anzeigen.

Vor 175 Jahren, am 9.4.1846, gründete Johann Carl Fuhlrott den „Naturwissenschaftlichen Verein von Elberfeld und Barmen“. Heute würde man diese Leute wahrscheinlich als „Bürgerwissenschaftler“ oder „Citizen Scientists“ bezeichnen. Damals nannte man sie im englischsprachigen Raum „gentlemen scientists“. In der Tat gehörte seinerzeit die Beschäftigung mit der Natur, angefeuert durch die Erkenntnisse von Berühmtheiten wie Charles Darwin und Alexander von Humboldt, zum guten Ton. Bald schon stieß Gustav Weymer zu den interessierten Naturkundlern und veröffentlichte ab 1863 seine Beobachtungen zu Tag- und Nachtfaltern im Raum Wuppertal und Hilden unter anderem in den Jahresberichten des Vereins.

Unsere Erkenntnisse zu den Schmetterlingspopulationen im Bergischen Land im 20. Jahrhundert verdanken wir in erster Linie den zusammenfassenden Darstellungen von uns wohl bekannten Persönlichkeiten: Helmut Kinkler, Friedhelm Nippel, Günter Swoboda and Willibald Schmitz. Unsere vier tatkräftigen Lepidopterologen veröffentlichten in den Jahresberichten des Vereins zwischen 1971 und 1992 den Kenntnisstand zur Schmetterlingsfauna und trugen von zahlreichen Privatpersonen gesammelte Tiere in der „Sammlung Bergisches Land“ zusammen. Diese befindet sich heute, nach dem unrühmlichen Ende des Fuhlrott-Museums in Wuppertal, im Löbbecke Museum in Düsseldorf. Nicht unerwähnt sei hier auch die Übersichtsarbeit von Karl Stamm „Prodromus der Lepidopteren-Fauna der Rheinlande und Westfalens“.

Heute, fast 160 Jahre nach der ersten veröffentlichten Studie zu den Schmetterlingen in und um Wuppertal und Hilden, können wir recht genau sagen, welche Arten ab- und welche zugenommen haben, welche verschwunden sind und welche unser Gebiet neu erobert haben. Ebenso wird deutlich, welche Arten sich auf einem stabilen Niveau bewegen. Die Daten haben wir in einer umfassenden Tabelle zusammengestellt, die die Grundlage für eine Zusammenfassung im „Journal of Insect Conservation“ bildete.

Den Artikel (Zitat: Laussmann T, Dahl A, Radtke A: Lost and found: 160 years of Lepidoptera observations in Wuppertal (Germany). Journal of Insect Conservation, published online: 22. February 2021, https://doi.org/10.1007/s10841-021-00296-w) gibt es hier zum Herunterladen (Save->download).

Wenn es dort Probleme gibt, findet sich hier die Rohfassung und die Tabelle („Supplement“) in der akzeptierten Endversion.

Die wesentlichen, für den Lepidopterologen wohl wenig überraschenden, Erkenntnisse zeigen die folgenden Grafiken, die sich mit Rechtsklick in Vollauflösung anzeigen oder herunterladen lassen. Alternativ stellen wir hier die Infografiken als frei zu bearbeitende Power-Point Präsentation zu Verfügung.

Mehr als die Hälfte der zum ausgehenden 19ten Jahrhundert im Beobachtungsraum verbreiteten Tag- und Nachtfalterarten befinden sich heute in den Kategorien „abnehmend“ (rot) oder „konstant selten“ (gelb). Einige Arten (15 %) sind bereits verschollen (seit mehr als 10 Jahren nicht mehr beobachtet). Auf der anderen Seite gibt es aber auch Arten, die häufiger geworden sind (blau), davon sind 13 Arten neu in das Beobachtungsgebiet eingewandert.

Bereits zu Beginn der 20sten Jahrhunderts waren ein paar Arten verschwunden, der Niedergang der Artenvielfalt startete aber erst richtig nach dem zweiten Weltkrieg und nahm beständig Fahrt auf. In den letzten Jahrzehnten verlieren wir im Schnitt mehr als eine Art pro Jahr. In den 1970er Jahren traten dann erste neu zugewanderte Arten aus dem Süden und dem Westen auf. In den letzten 10 Jahren hat sich der Zuwachs an Arten beschleunigt. Wir führen dies auf Effekte des Klimawandels zurück.

Wenn man herausfinden will warum Arten verschwinden, ist es entscheidend zu wissen, welche Biotopansprüche diese Arten haben. Wir finden unter den abnehmenden Arten vor allem solche, die auf offene, magere, blütenreiche Landschaft spezialisiert sind. Zudem finden sich typische Arten für trocken-warmes Gebüsch, Hecken, Niederwald und Obstwiesen unter den Verlierern. Häufig bleiben typische Waldarten (insbesondere Arten, die in Buchenwäldern und Nadelwäldern leben). Mache davon sind sogar häufiger geworden, insbesondere solche, die als Raupen an Flechten fressen. Häufiger werden auch Wintertiere beobachtet, wahrscheinlich weil mildere Winter bessere Beoachtungsmöglichkeiten bieten.

Diese Grafik zeigt die Verteilung der Lebensraumspezialisten auf vier zusammengefasste Habitatgruppen. Deutlich sichtbar ist, dass abnehmende Arten vor allem in offenen und halboffenen Landschaften zu finden sind. Wälder sind deutlich weniger vom Artenrückgang betroffen, obwohl es hier z.B. bei Arten, die in Auwäldern leben, ebenfalls Verluste gibt. In durch den Menschen geprägten Lebesräumen ist der Artenrückgang vergleichsweise gering. Betroffen sind in erster Linie Arten, die früher in Obst- und Gemüsegärten verbreitet waren. In anthropogenen Lebensräumen findet der größte Zuwachs an Arten statt: Diese profitieren von trocken-warmen Lebensräumen im „Stadtklima“ und leben z.B. auf Industriebrachen.

Welche Arten genau abgenommen und zugenommen haben, ist in der oben erwähnten Artenliste (Excel-Datei) genau aufgeführt. Für die Beurteilung von Spezialisten und Generalisten haben wir auf das Buch „Praxishandbuch Schmetterlingsschutz“ zurückgegriffen, das unserer Meinung nach viel zu wenig Anwendung findet.

Natürlich haben wir in dem Artikel auch unsere Aufassung zu Ursachen und zu Gegenmaßnahmen dargestellt, mit denen ich an dieser Stelle, da es für die meisten von uns „kalter Kaffee“ ist, nicht langweilen möchte.

In jedem Fall bleibt festzuhalten, dass nur die tatsächliche Beobachtung von Tag- und Nachtfaltern und die systematische Erfassung der Arten solche Auswertungen möglich machen. Hilfreich sind dabei moderne Smartphone-Tools wie „ObsMapp“ oder „iObs“. Unerfahrenen wird dabei die Arterkennung anhand von Handy-Photos ermöglicht.

Hoffen wir also, dass die Tugenden eines „gentleman scientist“ oder einer „lady scientist“ eine Renaissance erleben!

 

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Cirrhia gilvago, C. icteritia und Sunira circellaris-Raupen in Espenkätzchen

 

Nachdem ich im letzten Jahr schon einige überraschende Entdeckungen in den Kätzchen von Pyramiden- und Bastardpappeln im Umfeld meiner Wohnung in Aachen sowie in Düsseldorf machen konnte, gibt es es nun erste Erkenntnisse zur Herbsteulenfauna der männlichen Espen.

Letzte Woche am 3.3. und 5.3. hab ich mal kurz am Moltkebahnhof in Aachen, einem eher xerothermen innerstädtischen Bahnhofsgelände, ein paar männliche Espenkätzchen gesammelt – einmal am 3.3. 30g, einmal am 5.3. 110g jeweils unter einem großen Baum (abgeblühte Kätzchen vom Boden). Ferner habe ich am 5.3. 110g (das ist so eine mittelgroße Schüssel voll) blühende Kätzchen von einem Pulk junger ca. 3 m hoher Büsche gepflückt.

Jungraupe von Cirrhia gilvago in einer Espenknospenschuppe versteckt. In diesem Stadium wußte ich noch nicht, dass es sich um diese Art handelt, doch war mir schon aufgefallen, dass sie sich von den anderen bisher gefundenen Raupen unterschied.

Bisherige Ausbeute (nebst hunderten von Maden und Wanzen):

Mittlerweile bis heute, 13.3., so ca. 20 meist noch sehr kleine (beim jeweiligen Fund meist wohl ca. L2 bis maximal L3) Eulenraupen, von denen bis vor ein paar Tagen erst eine C. gilvago dabei war, inzwischen aber deutlich mehr von dieser Art. Am 12.3. kamen alleine noch mal mindestens 3 C. gilvago dazu. Daneben gab es einige Cirrhia icteritia (die ich bisher nur von Weiden kannte und noch nie an irgendeiner Pappel gefunden hatte) und wenige Sunira circellaris – alle sich schon durchaus ähnelnd, aber wenn man wie ich bei Eizuchten und Fundraupen immer alle Raupen einzeln isoliert und jede Haut mindestens einmal fotografiert am Ende durchaus unterscheidbar.

Die meisten Raupen (v.a. die gilvagos) waren in den von den Büschen gepflückten Kätzchen drin gewesen, aber auch in den beiden anderen Proben waren ein paar Raupen.   Ich bin mal gespannt, ob da morgen, also 14.3., noch weitere Raupen raus kommen werden, denn noch habe ich diese Proben.

Jungraupe von Cirrhia gilvago auf männlichem Espenkätzchen.

Alle Raupen – also auch die gilvagos – fraßen übrigens auch diverse Weidenkätzchen und Weißdornblätter – sie sind also auch schon in solch jungen Stadien wirklich alle sehr polyphag.

Diese C. gilvago-Raupe ist schon eine Haut weiter und deutlicher erkennbar – v.a. sieht man schon die von Herbert Beck erwähnte Pfeilspitzenschenkelzeichnung.

Auch diese C. gilvago hat seit ihrem Fund in der Probe eine Häutung hinter sich und könnte L3 oder L4 sein. Die C. ocellaris wäre übrigens nie so bunt – die ist immer schön grau in grau gefärbt, hat aber dieselbe, allerdings schwächer ausgeprägte, Zeichnung und auch einen dunkelorangen Kopf.

Übrigens sind bei dem heftigen Sturm der letzten Tage auch schon viele Kätzchen anderer Pappelarten runter gefallen, in denen man zusätzlich noch mit C. ocellaris rechnen darf (die ich auch mehrmals an Pappelkätzchen fand, aber niemals an denen von Espen!). So war ich vorhin mal kurz in der näheren Umgebung bei mehreren Pappeln, Pyramiden- und Bastardpappeln, und habe unter den Bäumen vom Boden gesammelt bzw an einer Stelle mit dem Kehrblech vom Bürgesteig eingesammelt. Vermutlich sind in diesen noch nicht ganz aufgeblühten Kätzchen noch sehr, sehr kleine und v.a. auch mehr Raupen drin als in den erst in abgeblühtem Zustand runter gefallenen Kätzchen. An einer Pyramidenpappel konnte ich solche jungen Kätzchen sogar von einem tief hängenden Ast pflücken – eine Gelegenheit, die man sich nicht entgehen lassen darf!.

Also nichts wie raus und unter den Pappeln mal gucken, ob da schon Kätzchen liegen!

Eine mittelalte C. icteritia, die ein paar Tage zuvor in den Espenkätzchen gefunden worden war. Die Raupe ist dunkler als die 2 anderen Arten und hat eine ganz andere Rückenzeichnung (später wenn sie größer ist werden es Rauten).

Wer genau hinsieht kann hier den alten Kopf dieser C. icteritia-Raupe entdecken. Noch fehlen die später deutlichen Rauten auf dem Rücken.

Eine mittelalte S. circellaris. Solche hellen und bunten Exemplare dieser Art werden anscheinend manchmal fälschlich für C. gilvago oder C. ocellaris gehalten, aber bei genauerer Betrachtung sieht man schon Unterschiede.

Diese S. circellaris zeigt farblich gewisse Ähnlichkeiten mit den C. gilvago-Raupen, doch sieht man deutlich, dass die Rückenzeichnung aus den arttypischen Dreiecken besteht und dass der Kopf nicht so dunkel orange ist wie bei C. gilvago.

Ich könnte noch mehr Bilder verschiedener noch jüngerer und auch älter Stadien dieser  Arten hier bringen, von denen zumindest S. circellaris und X. icteritia nach Eizuchtbeobachtungen bis L6 gehen, aber für heute muss es mal reichen.

Übrigens kommen diese Arten auch in weiblichen Espenkätzchen vor, die aber erst so Mitte/Ende April fallen!

 

 

Ludger Wirooks

 

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Bankesia conspurcatella, Luftplankton im Vorfrühling

Die Echten Sackträger (Psychidae) gehören zu den weniger bekannten einheimischen Mottenfamilien: Die meisten sind elend klein, die Raupen verstecken sich in unauffälligen Säcken, die Falter fliegen tagsüber und kommen nicht ans Licht. Kommt bei einer der zahlreichen Arten (ca. 45 in Deutschland) auch noch eine jahreszeitlich sehr frühe Flugzeit hinzu, gibt es noch weniger Fundmeldungen als gewöhnlich.

„Voorjaarszakdrager“ – Frühjahrs-Sackträger Bankesia conspurcatella, NL-Soest-Overhees,  5. April 2010. (Foto: Violet Middelman)

Eine solche Art ist Bankesia conspurcatella, die den hübschen Deutschen Trivialnamen Staintons Baumflechten-Sackträger erhalten hat. Erschwerend kam noch hinzu, dass es um diese Art erheblichen taxonomischen Wirrwarr gegeben hat, der erst von SOBCZYK & SWOBODA (2010) aufgelöst wurde. Bankesia conspurcatella (aus Italien beschrieben) und B. staintoni (aus England beschrieben) sind synonym, conspurcatella der ältere und somit valide Name.

Wirrwarr auch bei den Trivialnamen: So geistert der britischen Entomologe  Henry Tibbats Stainton, Jahrgang 1822 und Autor verschiedener Psychiden-Beschreibungen, immer noch durch die Listen: Die Psychiden wurden ja hierzulande zu den „Makros“ gerechnet, und haben deshalb im Unterschied zu den Kleinschmetterlingen („Mikros“) Anrecht auf einen ordentlichen Deutschen Namen. Vielleicht wäre Frühjahrs-Sackträger passender, aber das nur nebenbei.

Fakt ist, dass bisher aus unserem Arbeitsgebiet weniger als zehn Meldungen von Bankesia conspurcatella vorliegen, selbst im hervorragend sortierten Lepiforum gibt es nur ein einziges Lebendfoto von diesem Tier. Aber das kann sich ja ändern: Wenn man/frau die Arten einmal kennt und gezielt sucht, ergibt sich ja oft ein ganz anderes Bild. Wie auch viele andere Arten ist B. conspurcatella in den Niederlanden weit verbreitet. Es gibt dort Nachweise aus mehr als 120 Quadranten (10×10 km), die Art kommt anscheinend flächendeckend vor. Vielleicht stehen die Nachbarn auch einfach morgens früher auf: B. conspurcatella fliegt früh am Tag, wie schon bei ZELLER (1850) in der Erstbeschreibung des Falters „fing ich in den Morgenstunden bei trübem Wetter 20 Männchenim Lepiforum nachzulesen. Im Field Guide to the Micromoths of Britain and Ireland von STERLING, PARSONS & LEWINGTON (2012) steht dazu: „Flies early in the morning on sunny days in late winter„.

Die conspurcatella-Fundorte aus Nordrhein-Westfalen liegen weit auseinander und in verschiedenen Naturräumen, hier mal alphabetisch sortiert: Dalheim-Röttgen, Bochum, Essen, Kleve, Niederkrüchten, Velbert-Langenberg. Die Beobachter sind alles entweder ausgewiesene Mikro-Spezialisten oder, wie im Fall von Bochum, eine vielseitig interessierte Fotografin mit guter Makro-Ausrüstung und ein wenig Glück.

Bei Bankesia conspurcatella ist außer Glück zur richtigen Tageszeit im Vorfrühling (Ende Februar-Anfang April) auch noch ein scharfes Auge nötig:  Die Art hat eine Spannweite von nur knapp über 10 Millimetern. Jedenfalls sollte man beim morgendlichen Spaziergang in den kommenden Wochen mal auf das „Luftplankton“ achten,  und eventuell einen Kescher und ein paar Sammelgläschen einpacken: Fliegende Tiere sind mit bloßem Auge wohl kaum sicher anzusprechen.

Literatur

SOBCZYK, T. & G. SWOBODA (2010): Bankesia conspurcatella (ZELLER, 1850) in Deutschland – ein taxonomisches Wirrwarr (Lep., Psychidae). — Melanargia 22 (2): 49-51.

STERLING, P., PARSONS, M & R. LEWINGTON (2012): Field Guide to the Micro-Moths of Great Britain and Ireland. – 416 S., Bloomsbury

ZELLER, P. C. (1850): Verzeichniss der von Herrn Jos. Mann beobachteten Toscanischen Microlepidoptera. — Entomologische Zeitung 11: (2) 59-64, (4) 134-136, (5) 139-162, (6) 195-212. Stettin.

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Tricksereien bei den Nicotinoiden

Hier geht es ausnahmsweise nicht um Schmetterlinge, eher um Realsatire zum Thema Insektensterben. Das Bundesamt für Verbraucherschutz (BVL) hat kurz vor Weihnachten eine Notzulassung für Neonicotinoide im Rübenanbau erteilt – auf Antrag des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen. Ein Meinungsbeitrag!

Der 14. Dezember 2020 war ein „good day to bury bad news“, wie die Engländer sagen. Ein guter Tag um schlechte Nachrichten zu verstecken. In diesem Fall geht es mal wieder um das Insektensterben. Wer geglaubt hatte, die Neonicotinoide, bekannt als Supergifte und mitverantwortlich für Bienensterben und Insektenrückgang, wären endgültig vom Markt, der hatte die Agrarlobby mal wieder unterschätzt.

Nikotin an sich ist schon ein sehr starkes Insektengift. Neonicotinoide sind künstlich hergestellte Nervengifte, sie wirken in unfassbar geringen Konzentrationen und werden nur sehr  langsam abgebaut. Mit Thiamethoxam gebeizte Rübensamen sind nach dem Auskeimen noch über lange Zeit so giftig, dass alle Blattläuse und auch andere Insekten, die sich an den wachsenden Rübenpflanzen vergehen, tot umfallen.

Zwar hatte das BVL den Einsatz von Thiamethoxam – Handelsnamen sind Cruiser 600 FS, Magna, Actara – im Herbst 2018 verboten. Gut zwei Jahre später, kurz vor den Weihnachtsfeiertagen 2020, erfolgte jedoch die „Notzulassung“ des gleichen, zuvor als als Supergift identifizierten Stoffs. Unter der Überschrift: „BVL ermöglicht Bekämpfung gravierender Viruserkrankung bei Rüben“ hat das Bundesamt die Zulassung zur Saatgutbehandlung von Zuckerrübensaatgut mit dem Mittel Cruiser 600 FS erneut erteilt.

Und zwar auf Antrag von Nordrhein-Westfalen, auf einer Fläche von 40.000 ha, in sogenannten „Hotspots“ in den westlichen Landesteilen (Anbaugebiete der Zuckerfabriken Euskirchen, Jülich und Appeldorn). Das Wort „Hotspot“ bezeichnet in diesem Fall mal ausnahmsweise nicht die Corona-Pandemie, sondern eine Viruserkrankung der Rüben, die von der Grünen Pfirsichblattlaus Myzus persicae übertragen wird. Blattlaus und nachfolgend Rübenvergilbungsviren treten vor allem in trockenen Frühjahren auf, wenn die Läuse sich flott vermehren.

Und mit der „Not“zulassung ist es so eine Sache. Zucker ist hochsubventioniert, die EU-Zahlungen an die Rübenbauer beliefen sich nach Angaben des Branchenverbands WVZ im Jahr 2019 auf 180 Millionen Euro. Der Zuckermarkt ist von Überkapazitäten und Preisverfall geprägt, seit im September 2017 die Europäische Zuckermarktordnung ausgelaufen ist. Garantiepreise wie früher sind passé, mit der Rübenzuckerindustrie geht es steil bergab. Deutscher Zucker kann in der Herstellung mit dem Weltmarktpreis nicht mithalten, z.B. Indien und Thailand produzieren erheblich billiger.

Das trifft auch für die Zuckerhersteller in Nordrhein-Westfalen zu. Im Raum Jülich-Euskirchen betrifft das hauptsächlich die Firma Pfeifer & Langen, deren Marken Diamant Zucker oder Kölner Zucker jedes Kind kennt. Auf deren „natürliche Süße mit hohem Sympathiewert“  würden allerdings viele Menschen gerne  verzichten, wenn sie mit Hilfe von Neonicotinoiden erzeugt wird. Wie die Firmen nachhelfen, wenn die Umsätze zu niedrig sind, kann man in der Börsenzeitung von 2014 nachlesen: Die gesamte Branche ist anrüchig, beziehungsweise der Gaunerei im großen Stil überführt: Im Februar 2014 waren gegen Südzucker, Nordzucker und Pfeifer & Langen Bußgelder in Höhe von insgesamt 280 Millionen Euro verhängt worden, wegen illegaler Preisabsprachen.

Aber leider hat Nordrhein-Westfalen lange Erfahrung mit dem Erhalt sterbender Industrien, selbst  wenn das Artensterben munter weitergeht oder die Klimakrise verschärft wird: Stein- und Braunkohlebergbau lassen grüßen. Statt den Bauern vernünftige Alternativen anzubieten oder den Ertragsausfall je nach Schaden auszugleichen, greift NRW lieber zur Keule und läßt auf 400 Quadratkilometern Neonicotinoide im Rübenbau zu.

Der Ball wird über mehrere Ecken gespielt und liegt am Ende im Feld der Bundeslandwirtschaftsministerin. Und die ehemalige Weinkönigin Julia Klöckner, in Lobbyismus für Lebensmittelkonzerne erfahren, erkennt natürlich die Gunst der Stunde: Zehn Tage vor Weihnachten, im Corona-Lockdown, wenn alle nur über Ausgangssperren und Impfen reden, wird das Supergift vom BVL per Verordnung zugelassen. A good day to bury bad news!

In der BVL-Verordnung vom 14.12.2020 findet sich noch der  Satz „Ein anbaubegleitendes Monitoring zur Beobachtung möglicher Umwelteffekte ist durchzuführen“. Wer sich ein wenig mit der Materie auskennt, der weiß, dass es sich dabei um reine Augenwischerei ohne wissenschaftliche Aussagekraft handelt. Studien zur Auswirkung von Giften bei Insekten sind extrem komplex, oder wissenschaftlich wertlos. Anbaubegleitend heißt im Zweifelfall, dass man hinterher schlauer sein wird, oder auch einfach nur „dumm gelaufen„!

Sechs Wochen zuvor hatte übrigens der Entomologe Martin Sorg vom Bundespräsidenten den Ehrenpreis der Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) verliehen bekommen, für die sogenannte „Krefelder Studie“, die den dramatischen Rückgang der Insekten-Biomasse auch in Schutzgebieten belegt hat.

Kaum war der Applaus verschollen, holt die Agrarlobby zum Gegenschlag aus. Glaubwürdige umweltschonende Politik sieht anders aus, liebe Landes- und Bundespolitiker!

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