Immer weniger Tagfalter – Wie weit ist der Naturschutz vom Artenschutz entfernt?

Fast zwei Drittel aller Tagfalterarten sind in Deutschland in den letzten 100 Jahren seltener geworden, aber 15 % der Landesfläche Deutschlands sind Schutzgebiete. Irgendetwas scheint daran nicht zu stimmen.

Thüringische Landschaft in der Nähe von Schmalkalden, dargestellt um 1870 durch den Maler JOHANN HEINRICH RUDOLPH. Der Hügel ist baumlos, und der Boden ist nur
spärlich bewachsen. Die offenen Sandflächen und Abbruchkanten boten diversen Insekten einen idealen Lebensraum. Eine solche Landschaft ist im heutigen Deutschland fast verschwunden (Abdruck mit freundlicher Genehmigung von VERONIKA TÜRCKE geb. RUDOLPH).

Die Tagfalter der Eifel, einst artenreich verbreitet von den Kalkrasen im Raum Blankenheim im Norden bis zu den Bachtälern im Raum Bitburg/ Prüm im Süden – wo sind sie heute? Wo sind die Zeiten von Friedhelm Nippel und Helmut Kinkler geblieben?
Ich bin Zeitzeuge des völligen oder fast völligen Verschwindens von 8 Tagfalterarten in den letzten 60 Jahren in der Eifel:

Dickkopffalter: Pyrgus carthami, Pyrgus serratulae,
Feuerfalter: Lycaena virgaureae,
Bläulinge: Pseudophilotes baton,
Perlmuttfalter: Fabriciana niobe, Fabriciana adippe,
andere Nymphaliden: Limenitis reducta, Satyriden: Hipparchia fagi.

Hinzu kommen noch fünf Arten, die vor 50 Jahren in der Eifel noch deutlich weiter verbreitet waren, aber heute nur noch ganz wenige letzte Restvorkommen haben. Dazu gehören:
Dickkopffalter: Hesperia comma,
Bläulinge: Polyommatus dorylas,
Scheckenfalter: Euphydryas aurinia, Melitaea diamina, Melitaea athalia.

Welche dieser Arten hat die Gründung des Nationalparks Eifel gerettet? Wildkatze, Uhu und Schwarzstorch sind keine Indikatoren einer Biotopverbesserung. Wir haben sie nur, weil sie nicht mehr geschossen werden und weil wir wieder viel Wald haben.

Einige Ursachen für das Verschwindens der Arten sind eindeutig zu erkennen. Wo sind die Habitate geblieben: die Felskanten mit Lasiommata maera, die feuchten Talsohlen mit über den Schlamm rieselnden Quellwassern mit Lycaena hippothoe? Die Vegetation überwuchert alles. Man sieht doch, warum diese Arten dort nicht mehr leben können. Unsere Landschaft hat diese Stellen, die durch ein spezielles Mikroklima ausgezeichnet waren, verloren. Es fehlen offene vollsonnige Magerrasen mit Felsbändern. Viele ehemalige Raupenlebensräume sind verschattet. In den Jahrzehnten der Klimaerwärmung ist es den Larven zu kalt geworden.

Es fehlt nicht an unberührter Natur (wie viele Menschen meinen), sondern an der historischen Nutzung der Natur. Seit 200 Jahren gibt es kaum noch Hüte-Beweidung. Die Rinder sind im Stall. Die Gehölzentnahme aus den Wäldern findet nicht mehr statt. Die land- und forstwirtschaftliche Nutzung sorgt für eine homogene Gleichförmigkeit der Flächen.

Im „Verbreitungsatlas der Tagfalter“ ist alles übersichtlich für die einzelnen Arten zusammengefasst:

  • Wir brauchen Oberbodenabtragung, breitere unbefestigte Wege in der Feldflur, weitläufige lichte Forstwege. Wertvolle Tagfalter-Habitate werden durch die Rekultivierung von Abgrabungsstellen vernichtet.
  • Tagfalter sind durch „naturnahen“ Waldbau gefährdet. Wir brauchen mehr Rodungen und Holzschläge, Schlagfluren und Leitungstrassen mit Saumgesellschaften und Lichtinseln in den Wäldern. Es gibt kein „gezieltes Kahlschlagmanagement“. Wir haben zu viele Dunkelwälder mit zu dichtem Überschirmungsgrad der Baumkronen.
  • Wir brauchen eine nachhaltige Beseitigung von Bäumen und Gebüschen, vor allem an Böschungen.
  • „Käferkalamitäten“ finden zu selten statt.

Ich finde diese notwendigen Maßnahmen zum Schutz der Tagfalter nicht als oberste Priorität in den Programmen der Naturschutzverbände und der Politik. Im Gegenteil:
Die „Neuauflage der Nationalen Strategie zur Biologischen Vielfalt“ benennt als Ziel die „natürliche Entwicklung auf 5 % der Waldfläche“, wo fast keine forstlichen Eingriffe mehr stattfinden sollen (https://www.bfn.de/waldnaturschutz-und-nachhaltige-waldbewirtschaftung). Das hilft keinem Tagfalter.
Deutschland wird weiter zuwachsen und viele Tagfalter werden weiter verschwinden. Wir haben uns daran gewöhnt. Wer glaubt heute noch, dass Lycaena virgaureae vor 50 Jahren in den Tälern der Südeifel ein „häufiger“ Falter war?

Wir müssen die Habitate verändern. Fort mit der üppigen Vegetation und dem wuchernden „Grün“. Aber wer will das? Fabriciana niobe kam noch im 19. Jahrhundert in allen deutschen Bundesländern vor. Wer vermisst schon diesen Falter? Das Verschwinden der Arten ist den Menschen gleichgültig. Waldsterben geht halt mehr unter die Haut als Schmetterlingssterben; die Bevölkerung geht dafür nicht auf die Straße.


Dr. Werner Kunz ist Professor für Biologie, er lebt im „Unruhestand“ in Grevenbroich

https://www.kunz.hhu.de/

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Neu erschienen: Faunenband 21- Familie Nepticulidae – Zwergminiermotten

Perfekte Fotos, ausführliche Art-Steckbriefe, farbige Verbreitungskarten, Minen-Bestimmungsschlüssel, dazu als Buch mit festem Einband gebunden: Mit der Nepticuliden-Fauna des Arbeitsgebiets haben die Autoren Dieter Robrecht, Erik van Nieukerken und Wolfgang Wittland neue Standards gesetzt.
Flyer zum Download: Die Lepidopterenfauna der Rheinlande und Westfalens, Band 21.

Faunenband 21 wird den Mitgliedern des Vereins kostenlos zur Verfügung gestellt.

Der Preis für Externe:
€ 35,- zzgl.  Versandkosten

Bestellungen bitte an die Autoren oder den Schriftleiter:

Günter Swoboda
Am Weingarten 21
D – 51371 Leverkusen
melanargia@swobodaweb.de

Der vorliegende Band behandelt die bisher nachgewiesenen 107 Arten und weitere sechs Arten, deren Vorkommen möglich erscheint. Fundortkarten (Messtischblatt-Raster 1:25.000) zeigen die Verbreitung der Arten im Arbeitsgebiet. Auf 348 Seiten werde  113 Arten werden beschrieben, das Buch enthält 457 Farbfotos.

Für Arten mit nicht mehr als zehn Fundorten werden konkrete Angaben zu Ort, Funddatum und Beobachter mitgeteilt. Auf halbseitigen Fotos werden – soweit möglich – mindestens zwei Beispiele für die Minen der Raupen abgebildet. Kleinformatige Fotos eines lebenden und eines präparierten Falters sind in die Minenfotos integriert.

Leseprobe aus dem Faunenband 21: Stigmella torminalis lebt als Blattminierer an Elsbeere (Torminalis glaberrima)

Leseprobe: Nachweiskarte von Stigmella regiella im Arbeitsgebiet.

Zu jeder Art gibt es einen „Steckbrief“, der Angaben zu Wirtspflanzen, Lebenszyklus, Minenmerkmalen, Verwechslungsgefahren („Ähnliche Arten“) und die Verbreitung in Europa und im Arbeitsgebiet beinhaltet.

Das historisch begründete Arbeitsgebiet der Arbeitsgemeinschaft Rheinisch-Westfälischer Lepidopterologen e.V. liegt im Westen der Bundesrepublik Deutschland. Es umfasst Nordrhein-Westfalen, den nördlichen Teil von Rheinland-Pfalz, Teile von Nord- und Westhessen, Teile des südlichen Niedersachsens und das nördliche Saarland.


Robrecht, D., E. v. Nieukerken & W. Wittland (2024): Die Lepidopterenfauna der Rheinlande und Westfalens Band 21. Familie: Nepticulidae STAINTON, 1854 (mit Fundortlisten, Fundortkarten und Farbabbildungen). 348 Seiten, Leverkusen

 

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Freigeschaltet und ab sofort nutzbar: Das neue Melanargia-Portal!

Lange hat es gedauert, aber nun ist es freigeschaltet: Das neue Melanargia-Schmetterlingsportal! Man erreicht es durch einen Klick oben in der Navigationsleiste auf der Homepage oder kann es direkt aufrufen über https://portal.melanargia.de. Wie bisher gibt es Verbreitungskarten der Arten, zusätzlich jedoch Phänogramme – und vor allem kann man eigene Beobachtungen eingeben und pflegen!

Der geografisch abgedeckte Bereich geht über unser klassisches Arbeitsgebiet hinaus, denn wir haben uns mit der Pollichia e.V. aus der Pfalz zusammengetan. Das ist sinnvoll, denn unser Arbeitsgebiet umfasst ohnehin den nördlichen Teil von Rheinland-Pfalz bis zur Nahe. Viele begeisterte Lepidopterologinnen und Lepidopterologen sind Mitglied in beiden Vereinen, melden ihre Daten an beide – bei so viel Überschneidung ist ein Zusammengehen beim Schmetterlingsportal naheliegend.

Die insgesamt fast 2 Millionen Funddaten aus unserer Vereinsdatenbank und derjenigen der Pollichia sind als Grundstock in das neue Portal eingeflossen, beim Klick auf einen Fundquadranten ist für die betreffenden Funde die Datenherkunft klar abzulesen – auch Observation.org wird genannt, wenn wir Meldungen auf Basis unserer Kooperationsvereinbarung aus diesem Portal übernommen haben. Viele Vereinsmitglieder nutzen die Plattform Observation.org und können darauf vertrauen, dass wir die Daten ab und zu abgleichen. Und wer seine Datenbestände aus InsectIS, von Excel-Listen oder aus anderen Portalen wie naturgucker im neuen Portal sehen möchte, bitte an uns schicken – wir kümmern uns um den Import.

Gespannt sind wir nun, wie unser neues Melanargia-Portal genutzt werden wird. Verbreitungskarten und Phänogramme sind frei zugänglich, doch eigene Fundmeldungen erfordern eine Anmeldung. Wer bereits in einem anderen der von der Firma KBS betriebenen Portale wie z.B. Schmetterlinge Deutschlands oder denjenigen für Baden-Württemberg, Hessen, Sachsen oder Schleswig-Holstein registriert ist, kann sich bei uns mit denselben Zugangsdaten anmelden. Wer separate Zugangsdaten möchte, muss sich mit einer separaten, abweichenden E-Mail-Adresse zunächst bei uns registrieren. Der Datenaustausch zwischen unserem Melanargia-Portal, dem Deutschlandportal und den regionalen Portalen wird künftig (hoffentlich bald) automatisch funktionieren!

Ein Beispiel für die Nutzung der Phänogramme neben den Verbreitungskarten sind die folgenden Screenshots: Die Daten im Portal zeigen, dass das Tagpfauenauge (Aglais io) bis Mitte der 1990er Jahre in zwei Generationen flog und in den letzten Jahren drei Generationen pro Jahr bildet.

Also bitte reinschauen und nutzen – es ist noch nicht alles perfekt, das wissen wir, und auch nicht alles völlig selbsterklärend, aber das meiste sollte auf Anhieb verständlich sein. Außerdem gibt es praktische Hinweise zur Handhabung, die wir nach Bedarf ergänzen werden. Wir sind gespannt auf Ihr / Euer Feedback!

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Neunachweis von Retinia perangustana (SNELLEN, 1883) für Rheinland-Pfalz (Lep., Tortricidae)

Retinia perangustana ♂, Rheinland-Pfalz, Kreis Cochem-Zell, Pommern, 2. Mai 2023, Foto: Monika Weithmann

Der  Lärchen-Zapfenwickler – Retinia perangustana lebt im Wipfelbereich von Lärchen, die Raupe entwickelt sich in den Fruchtständen, der Falter kommt offenbar nur schlecht ans Licht. Es gibt jedoch eine Möglichkeit, ihn trotzdem nachzuweisen – mittels Pheromonen.

Retinia perangustana ist eine Tortricide, die an Lärche (Larix decidua und Larix sibirica) gebunden ist. Die Raupen entwickeln sich in den Zapfen. Nach dem Schlupf fliegt der Falter vorzugsweise in den Baumkronen und wird selten vom Licht angezogen. Die Art ist klein (10-14 mm), braunschwarz mit zart weißen, länglichen Flecken und völlig unscheinbar. Auf einen flüchtigen Blick kann R. perangustana leicht mit Rhopobota myrtillana oder mit anderen kleinen braunen Cydia – oder Pammene-Arten verwechselt werden. Die Art wurde bisher nur selten in Deutschland nachgewiesen, die bisher bekannten Fundorte liegen in Schleswig-Holstein (2002), Sachsen (2009) und Bayern (2012).

Da die Art auch in den Niederlanden (Provinz Gelderland, 2016) nachgewiesen wurde, bestand eine große Wahrscheinlichkeit, dass sie auch in unserem Untersuchungsgebiet Rheinland-Pfalz bzw. in Nordrhein-Westfalen vorhanden ist, und es sich lohnt, gezielt nach dieser Art zu suchen. Allerdings wachsen alte Lärchenbäume mit Zapfen nicht unbedingt an „Traumstandorten“ eines erfolgreichen Leuchtabends, sondern oft in Vergesellschaftung mit Kiefern- oder Fichtenanpflanzungen. Diese Standorte sorgen zur Flugzeit im Mai eher für wenige Artennachweise in einer Leuchtnacht, und sind daher bei LepidopterologInnen nicht besonders beliebt.

An einen von mir bevorzugten Leuchtstandort in Pommern (Rheinland-Pfalz, Landkreis Cochem-Zell) stehen neben Laub- und Nadelbäumen auch einzelne alte Lärchen mit Zapfen. Trotz regelmäßiger Leuchtabende über mehrere Jahre im Mai gelang es mir weder am Leuchtturm, noch am Köder oder durch das Einsammeln der Zapfen, Retinia perangustana nachzuweisen. Im Mai 2023 beschloss ich daher, den Nachweis mit einen Pheromon-Präparat zu versuchen. Ich hängte während eines Leuchtabends im Mai das Präparat in einer Falle unter eine Lärche mit Zapfen auf, und hatte am Ende der Nacht tatsächlich einen Falter darin. Hier nun das Ergebnis  der zugehörigen Genitaluntersuchung:

Retinia perangustana ♂, Genitalpräparat, Rheinland-Pfalz, Kreis Cochem-Zell, Pommern, 2. Mai 2023, leg. + det. + Foto: Monika Weithmann

Dadurch dass die Art durch Pheromone angelockt und nachgewiesen werden kann, werden sich auch die großen Nachweislücken innerhalb Deutschlands wahrscheinlich schließen lassen. Allerdings hat das Pheromon „Retinia perangustana“ (Pherobank BV) auch eine leichte Anziehungskraft auf andere Tortriciden-Arten. In der ausgehängten Pheromon-Falle (Trap) verirren sich zu unterschiedlichen Zeitpunkten auch vereinzelt die Arten Pammene giganteana (de Peyerimhoff, 1863) und Pammene argyrana (Hübner, [1799]), so dass eine sorgfältige Nachbestimmung der gefangenen Falter notwendig ist.

Die großen Pheromon-UNITRAP-Fallen sind im allgemeinen für die Nachweise für Wickler-Arten, meiner Meinung nach, nicht so optimal. Bei hoher Aktivität der einzelnen Falter in der Falle kann es zum Verlust von Schuppen kommen, was wiederum die Bestimmung erschweren kann. Die Falter sehen nach einer Nacht oft „beschädigt“ aus. Bei einigen Leuchtabenden konnte ich in der Nacht leider auch schon beobachten, dass einzelne Falter problemlos die Pheromon Fallen wieder nach einiger Zeit verlassen haben, oder nur um den Pheromontub herumgeschwirrt sind, ohne direkt in die Falle hineinzufallen.

Fazit: In diesem Jahr werde ich Ende April-Mitte Mai an Standorten von Lärchen auch in Nordrhein-Westfalen wieder versuchen, die Art Retinia perangustana mit Hilfe des Pheromons nachzuweisen.

Links und Literatur:

Nachweiskarte: Retinia perangustana unter portal.melanagia.de

Retinia perangustana im Lepiforum / Lepiwiki

Pherobank B.V., Wijk (NL): Katalog

SCHAFFERS, J. & T.S.T. MUUS (2018): The larch cone moth, Retinia perangustana (Lepidoptera: Tortricidae): a remarkable new species in the Netherlands. — Entomologische Berichten 78 (6): 221-225.

 

 

 

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Von (Oster-)Eiern der besonderen Art – ein lepidopterologischer Streifzug durch das Bitburger Gutland

Das weit im Süden der Eifel gelegene Bitburger Gutland wirkt auf den ersten Blick unscheinbar. Der hügelige Landstrich an der Grenze zu Luxemburg ist vor allem von der Landwirtschaft geprägt: Äcker und Wiesen, soweit das Auge reicht, dazwischen einzelne Wäldchen und Dörfer; hie und da eine Streuobstwiese. Positiv formuliert: In einer solchen Landschaft als Lepidopterologe mehr als den sprichwörtlichen „guten Durchschnitt“ zu erwarten, erscheint ambitioniert.
Tatsächlich muss man schon ganz genau hinschauen, um die in der ausgeräumten Landschaft  vorhandenen Biodiversitäts-Hotspots nicht zu übersehen. Vielleicht liegt da auch der Grund, warum sich bislang nur einzelne Schmetterlingsforscher in den tiefen Süden der Eifel wagen – zumal die Mosel mit ihren attraktiven Zielen nur einen Steinwurf entfernt liegt, und auch der Norden der Eifel Raum für spannende Entdeckungen bietet. Doch es gibt sie auch im Gutland: Gebiete, in denen es sich lohnt, sich den Tag oder die Nacht um die Ohren zu schlagen.

Scharren bei Wißmannsdorf, 22. Juli 2020 (Foto: Alexander Franzen)

Zu den interessantesten Lebensräumen im Bitburger Gutland zählen zweifellos die Kalk-Halbtrockenrasen submediterraner Prägung. Entstanden durch extensive Mahd oder Beweidung und früher landschaftsprägend, sind sie heute auf klägliche Reste zusammengeschrumpft und bilden kleine Refugien inmitten der intensiv genutzten Agrarlandschaft. Ihrer vegetationskundlichen Bezeichnung machen diese Gebiete alle Ehre, denn insbesondere die so genannten „Scharren“ an den Gipskeuper-Abhängen im Nims-Tal weisen ein trockenwarmes Kleinklima auf, das so manchem Mosel-Steilhang in nichts nachsteht. Eine Besonderheit dieses Halbtrockenrasen-Typs sind die mit lockerem Gesteinsschutt gefüllten Erosionsfurchen, die ihm ein charakteristisches Erscheinungsbild verleihen.

Scharren bei Bettigen, 10. September 2023 (Foto: Alexander Franzen)

Naturkundlich interessierte Besucherinnen und Besucher kommen voll auf ihre Kosten: Neben botanischen Highlights wie der Hummel-Ragwurz (Ophrys holoserica), dem Lothringer Lein (Linum leonii) oder der Weißen Braunelle (Prunella laciniata) fühlen sich dort seltene Tagschmetterlinge wohl, etwa Magerrasen-Perlmuttfalter (Boloria dia), Thymian-Ameisenbläuling (Maculinea arion), Kleiner Schlehen-Zipfelfalter (Satyrium acaciae), Himmelblauer Bläuling (Lysandra bellargus), Alexis-Bläuling (Glaucopsyche alexis) oder Esparsetten-Widderchen (Zygaena carniolica); früher auch die Rostbinde (Hipparchia semele). Möglich macht’s die Kombination aus Klima, Geologie und der besonderen Lage in nächster Nähe zur Mosel als Einwanderungskorridor aus dem nahen Frankreich.

Darüber, welche Nachtschmetterlinge die hiesigen Kalk-Halbtrockenrasen bevölkern, ist weit weniger bekannt. Die letzten umfangreichen Aufsammlungen datieren auf die 1970er, als sich vor allem Friedhelm Nippel und Jochen Rodenkirchen um die Erforschung der lokalen Entomofauna verdient gemacht haben. Ob Trockenrasen-Flechtenbär (Setina irrorella), Getreide-Steppeneule (Oria musculosa), Skabiosenschwärmer (Hemaris tityus), Trockenrasen-Dickleibspanner (Lycia zonaria), Südlicher Eichen-Baumspanner (Peribatodes ilicaria) oder Einstreifiger Trockenrasen-Spanner (Aspitates gilvaria) – die Liste der damals angetroffenen Raritäten ist lang. Was davon noch übriggeblieben sein mag? Immerhin förderten die ersten Versuche, die Kalk-Halbtrockenrasen im Bitburger Gutland aus dem lepidopterologischen Dornröschenschlaf zu wecken, bereits eine Reihe von Besonderheiten zutage: So konnten im Laufe des Jahres 2023 beispielsweise das imposante Gelbe Ordensband (Catocala fulminea), die markante Randfleck-Wickeneule (Lygephila craccae), Hauhechel-Spanner (Aplasta ononaria) und Hauhechel-Glasflügler (Bembecia albanensis), der Braune Breitflügelspanner (Agriopis bajaria) und der erst im Dezember erscheinende Herbst-Kreuzflügel (Alsophila aceraria) nachgewiesen werden. Im Jahr 2020 wurde vor Ort auch die eigentlich eher in feuchteren Biotopen zu erwartende Striemen-Rindeneule (Acronicta strigosa) bestätigt, die in Rheinland-Pfalz inzwischen nur noch äußerst selten beobachtet wird. An der im Saum der Kalk-Halbtrockenrasen regelmäßig zu findenden Elsbeere (Sorbus torminalis) kommen die spezialisierten Nepticuliden Stigmella mespilicola, Stigmella torminalis und Stigmella hahniella vor. Letztere ist im Vereinsgebiet bis dato ausschließlich aus dem Gutland bekannt. Alles in allem liegen aktuelle Bestätigungen von rund 350 Arten aus der Ordnung der Schmetterlinge vor – da ist ganz klar noch Luft nach oben.

Gestrichelter Lappenspanner – Trichopteryx polycommata, Dockendorf 14. März 2024
(Foto: Alexander Franzen)

Im März 2024 konnten vor allem der in Rheinland-Pfalz spärlich vertretene Gestrichelte Lappenspanner (Trichopteryx polycommata) sowie die Braunband-Kätzcheneule (Orthosia opima) überzeugen. Letztere fand sich in der Nachmittags-Sonne an einem Grashalm sitzend, ganz ungeniert beim Verstecken der (Oster-)Eier. Dass diese exklusiven Eier nicht nur so manchem Forscher, sondern auch dem einen oder anderen Erzwespen-Weibchen den Tag versüßen könnten, scheint sie jedenfalls ebenso wenig zu beeindrucken wie der Trivialname Moorheiden-Frühlingseule. An den Habitat-Präferenzen der seltenen Orthosia opima scheiden sich die Geister: Offen oder bewaldet, feucht oder trocken – das „perfekte“ opima-Habitat scheint von Landschaft zu Landschaft zu variieren und über die diskutierten Ursachen herrscht (noch) kein abschließender Konsens. Klar ist, wie so oft, lediglich, dass unser Wissen über das Treiben der Tag- und Nachtfalter nach  wie vor unvollständig ist. Aber genau dieser Umstand macht die Faunistik umso spannender!

Braunband-Kätzcheneule – Orthosia opima, Bettingen 25. März 2024 (Foto: Alexander Franzen)

Bleibt zu hoffen, dass Eier und Raupen allen Widrigkeiten zum Trotz überleben und ihren Entwicklungszyklus erfolgreich abschließen werden. Mit Sicherheit werden in den nächsten Jahren weitere Untersuchungen im Bitburger Gutland folgen, bei denen mit etwas Glück noch so mancher lepidopterologische Schatz gehoben werden könnte.
Allen Mitlesenden, Kolleginnen und Kollegen wünsche ich frohe Ostern und einen erfolgreichen Start in die Schmetterlings-Saison!


Weiterführende Literatur:
ROSLEFF-SÖRENSEN, E. (2012): Bemerkenswerte floristische und faunistische Beobachtungen in der Südeifel, Kreis Bitburg-Prüm, 2007-2011. Dendrocopos, 39: 131-138, Trier

ROSLEFF-SÖRENSEN, E. (2013): Zustand und Entwicklung von Kalkmagerrasen im FFH-Gebiet „Ferschweiler Plateau” in der Südeifel am Beispiel von Magerrasen aus Muschelkalk bzw. Keuper: NSG „Im Odendell bei Bettingen” und Scharren am „Sudigkopf” und „Lengenbüsch” bei Wettlingen. Dendrocopos, 40: 151-159, Trier

[durch die Unaufmerksamkeit des Webmasters ist dieser Bericht zuerst mit einem falschen Autorennamen publiziert worden. Der muss natürlich  Alexander Franzen heißen. ]

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Einmal hin – fast alles drin, oder Vorfrühling am Mittelrhein

Anfang März packt die „Mottenfänger“ eine gewisse Unruhe, die Leuchtanlage muss dringend mal wieder entstaubt werden, und die Batterien der Lichtfallen frisch geladen.  Und weil es in der näheren Umgebung von Wuppertal kaum erstklassige Habitate mit Spitzenarten gibt, verabredet man sich gerne mal zu einer längeren Spritztour an die Mosel, die Ahr, oder den Mittelrhein. Ein kleiner Exkursionsbericht.

Violettbrauner Rosen-Blattspanner – Earophila badiata, Rheinbrohl, 9. März 2024 (Foto: Dahl)

Dort gibt es schöne Plätze mit seltenen Arten, die zum Teil schon seit Jahrzehnten nicht mehr nachgewiesen wurden. Und es ist eigentlich immer ein wenig wärmer als zu Hause, das bedeutet verstärkte Flugaktivität bei den Faltern, und macht mehr Spaß. Wenn man schon die stundenlange Anfahrt in Kauf nimmt, dann gilt die Devise: „Einmal hin – alles drin“. Also wird am frühen Nachmittag alles eingeladen was irgendwie nach Lampe aussieht, und das Auto des Kollegen füllt sich rasch mit Generator, Lampen, Kabeltrommeln und Tüchern.

Nach einer guten Stunde Fahrt sind wir endlich in Rheinbrohl, am rechten Ufer des Mittelrheins zwischen Remagen und Koblenz. Dorthin hatte uns der Kollege eingeladen, und da gabs auch früher mal Valeria oleagina, die Olivgrüne Schmuckeule. An der Untermosel ist ihr Nachweis kein Problem, aber an Ahr und Mittelrhein ist das schöne Tier seit langem nicht mehr gefunden worden. Hajo Heimbach erwartete uns schon, und in der Dämmerung erreichten wir dann über ein paar Serpentinen die Rheinbrohler Lay, das Tagesziel.

Ein exponierter Felsbuckel hoch über dem Rheintal, mit trockenem Eichenwald, Grünland, Obstwiesen und Schlehenhecken im Mosaik, da kann beim Lichtfang nicht viel schiefgehen. Wenn nur der vermaledeite Ostwind nicht wäre! Und die Vegetation ist im Vergleich zum Köln-Düsseldorfer Raum noch lange nicht so weit entwickelt, die Schlehenblüten noch fest geschlossen. Mütze und dicke Jacke sind angesagt, als wir die Leuchttürme und Lichtfallen im Gelände verteilen, es windet kühl. Einer der LED-Türme muss sogar in den Windschatten hinter das Häuschen unter dem Sendemast, ohne den heutzutage kein Aussichtspunkt mehr auskommt. Ob das wohl was wird heute?

Immerhin ist die Aussicht fantastisch, wie sich das gehört auf dem Rheinsteig. Das Rheintal zu Füßen, dahinter die Eifel in der Ferne, im Rücken der Westerwald. 360° Rundumsicht an einem geschichtsträchtigen Platz: Hier haben schon die Römer übers Tal geschaut, im Tal unten beginnt der ehemalige römische Limes. Ein kleines Kapellchen erinnert an die Gefallenen des Deutsch-Französischen Krieges, auch im Zweiten Weltkrieg erlangte die Felskuppe durch massiven 10-tägigen Artilleriebeschuss und Luftangriffe im März 1945 traurige Berühmtheit. Heute ist davon nicht mehr viel  zu sehen, der Arbeitskreis „Kulturlandschaft Rheinbrohl“ unter Führung unseres heutigen Gastgebers Hajo Heimbach kümmert sich seit vielen Jahren um die Rheinbrohler Lay. Heckenpflege, Offenhaltung durch Beweidung, die üblichen Probleme mit Besucherdruck und Müll, natürlich wird alles im Ehrenamt erledigt. Hajo war auch der vorläufig letzte, der dort oben Valeria oleagina nachweisen konnte, das war vor fast 30 Jahren. Unten im Tal gehen die Lichter an, und auch wir legen den Schalter um und kümmern uns um die Nachtfalter.

Zweieinhalb Stunden später sind wir von dem Gekraxel auf dem steilen Gelände ziemlich kaputt, und der Akku vom Handy ist vom fotografieren ziemlich leer. Auf dem digitalen „Zettel“ stehen über 30 Arten Lepidopteren, das ist eine sehr ordentliche Anzahl für einen 9. März. Die neue LED-Eimerfalle im Eichen-Krüppelwald ist voller Kätzcheneulen, auch Orthosia miniosa ist dabei. Die „besseren“ Frühjahrs-Geometriden Earophila badiata, Anticlea derivata und Aleucis distinctata sind in Anzahl angeflogen. Als der Generator ausschaltet flattert der erste Mondfleckspanner (Selenia dentaria) des Jahres  noch schnell aus dem Gebüsch an die Lampe.
Und der LED-Leuchtturm hinter dem Häuschen am Sendemast hat den Vogel abgeschossen: Im Windschatten sammelten sich hier hunderte von Nachtfaltern am Licht, die vorher von einem blühenden Kirschpflaumenbaum angelockt worden waren. Beim Abbau der Lichtanlage heißt es immer ganz besonders aufpassen, die seltensten Falter werden oft als letzte entdeckt. Auch diesmal sitzt eine Rarität in der allerletzten Lichtfalle: Digitivalva granitella, mit dem schönen Deutschen Namen Dürrwurz-Rundstirnmotte, ein wärmeliebender „Mikro“.

An der Mosel fliegt sie noch: Valeria oleagina, Bremm, 9. März 2024 (Foto: Justus Vogel)

Die Grüne Schmuckeule haben wir zwar leider nicht erwischt, warum auch immer. An der Untermosel bei Bremm konnten die Kollegen in der gleichen Nacht mehr als ein Dutzend frische Tiere von V. oleagina nachweisen. Vielleicht gelingt uns aber doch noch der Wiederfund an der Mittelmosel: In der Landessammlung steckt ein Falter aus meiner Heimatstadt Traben-Trarbach, aus dem April 1944. Auch dort gibt es bis heute noch tolle Schlehenhecken an den Felshängen. Man darf die Hoffnung nie aufgeben!

Der anstrengende Trip endet um Mitternacht, kurz vor Wuppertal ist es zwei Grad wärmer als am Mittelrhein. Aber die Leuchtanlagen sind entstaubt, die Saison 2024 kann kommen, und wir fahren bestimmt mal wieder an die Rheinbrohler Lay!

P.S. Danke an Justus Vogel für das oleagina-Bild. Wer sich genauer für die Artenliste vom 9. März 2024 in Rheinbrohl interessiert, der findet hier die komplette Liste mit den entsprechenden Links zu den Beobachtungen auf observation.org

Gelbhorn-Eulenspinner  Achlya flavicornis 
Frühlings-Kreuzflügel  Alsophila aescularia 
Violettbrauner Rosen-Blattspanner  Earophila badiata 
Schwarzbindiger Rosen-Blattspanner  Anticlea derivata 
Labkraut-Bindenspanner  Lampropteryx suffumata 
Eichen-Blütenspanner  Eupithecia abbreviata 
Rotgebänderter Blütenspanner  Gymnoscelis rufifasciata 
Dreistreifiger Mondfleckspanner  Selenia dentaria 
Gelbfühler-Dickleibspanner  Apocheima hispidaria 
Pappelspanner  Biston strataria 
Schlehenheckenspanner  Aleucis distinctata 
Eichenhain-Wicklereulchen  Nycteola revayana 
Rotbraune Frühlings-Bodeneule  Cerastis rubricosa 
Rundflügel-Kätzcheneule  Orthosia cerasi 
Kleine Kätzcheneule  Orthosia cruda 
Gothica-Kätzcheneule  Orthosia gothica 
Spitzflügel-Kätzcheneule  Orthosia gracilis 
Variable Kätzcheneule  Orthosia incerta 
Rötliche Kätzcheneule  Orthosia miniosa 
Hellgraue Holzeule  Lithophane ornitopus 
Gelbbraune Holzeule  Lithophane socia 
Geißblatt-Eule  Xylocampa areola 
Satellit-Wintereule  Eupsilia transversa 
Rotkopf-Wintereule  Conistra erythrocephala 
Gebüsch-Wintereule  Conistra ligula
Kleiner Rauch-Sackträger  Psyche casta 
Laubwald-Schabenmotte  Ypsolopha ustella 
Dürrwurz-Rundstirnmotte  Digitivalva granitella 
Buchenmotte  Diurnea fagella 
Eichenwald-Frühlingswickler  Tortricodes alternella 
Windengeistchen  Emmelina monodactyla 
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Suche mit spitzen Fingern: Aethes flagellana

Rote Liste 1 in Nordrhein-Westfalen, letzter Nachweis 2012: Der Gelbe Feldmannstreu-Wickler Aethes flagellana ist vielleicht gar nicht so selten wie es scheint. Man muss sich nur trauen ihn zu suchen.

Nachdem am 14.01.2024 in den Niederlanden eine Raupe der Art im Stängel der Pflanze Feld-Mannstreu – Eryngium campestre durch Ernst-Jan van Haaften gefunden wurde, https://waarneming.nl/observation/296518260/
nahm ich diesen Fund zum Anlass, einmal „vor der Haustür“ nach der Art zu suchen.

Bekannt war, dass entlang der Rheinufer die Pflanze Feld-Mannstreu zu finden ist. Zunächst hatte ich in Duisburg-Ehingen Ausschau gehalten, aber das Hochwasser hatte ganze Arbeit geleistet, es waren keine Pflanzen mehr zu finden. Anders im linksrheinischen Bereich von Duisburg-Rheinhausen, dort fand ich noch trockene Stängel, die höher als das Rheinhochwasser gestanden hatten.

Die stacheligen Pflanzenteile nahm ich in einem Müllsack mit nach Hause und untersuchte sie dann. Insgesamt konnte ich in den Hauptstängeln drei Raupen in Fraßgängen feststellen. Die Stängel habe ich wieder verschlossen und mit Nähgarn umwickelt. Jetzt hoffe ich, dass sich noch Falter daraus entwickeln.

Sehr wahrscheinlich lohnt sich die Suche auch an anderen Stellen, Eryngium campestre ist an den beweideten Rheindeichen an vielen Stellen zu finden. Ein paar Handschuhe und Gartenschere gehören ab sofort ins Sammelgepäck.

Literatur und Links

Link: Beobachtung in Duisburg

Link: Verbreitungskarte in den Niederlanden

Rote Liste und Artenverzeichnis der Schmetterlinge (Lepidoptera) – Wickler (Torticidae et Choreutidae) – in Nordrhein-Westfalen. In: Schumacher, H; Vorbrüggen, W (2021): Rote Liste und Artenverzeichnis der Schmetterlinge – Lepidoptera – in Nordrhein-Westfalen. 5. Fassung, Stand: Makrolepidoptera Dezember 2020,  Stand: Mikrolepidoptera März 2021. In: Melanargia 33 (Beiheft 1), S. 3–174.

 

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Klimawandel, Apollofalter, Termine, Datenbanken

Das zurückliegende Jahr war in Deutschland das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Gut oder schlecht aus der Sicht eines Insektenforschers in Westdeutschland? Können wir den Apollofalter an der Mosel retten? Alle reden von künstlicher Intelligenz, kriegen wir jetzt das „Große Flattern“? Ein kleiner persönlicher Jahresrückblick und Ausblick.

Weinschwärmer in Menge beim „Bioblitz“ in Haan, 5. Juni 2023

Das Falterjahr 2023 wird mir sicher in Erinnerung bleiben! Schon Anfang Juni hatten wir hochsommerliche Hitze und tropische Nächte mit bombigem Anflug von Nachtfaltern, Schwärmer flogen in Massen – und dann kam das Desaster: Etliche Lichtfangtermine endeten vor überfluteten Straßen, Tagesexkursionen mit nassen Hosenbeinen waren die Regel oder fielen gleich ganz ins Wasser, Stockflecken verzierten die Leuchttücher. Schon im Frühsommer war der Atlantische Ozean nach Expertenmeinung viel zu warm, die feuchtwarme Atlantikluft bescherte uns einen verregneten Spätsommer, es folgte ein viel zu nasser Herbst, und dann kam das Weihnachtshochwasser. An Rhein, Mosel, Ruhr und im Münsterland herrscht nach Rekordniederschlägen derzeit „Land unter“. Die gute Nachricht: Die Grundwasserstände sind nach Jahren der Dürre endlich mal wieder auf Normalniveau, die Moore, Bruchwälder und Feuchtwiesen im Arbeitsgebiet dürften sich im neuen Jahr 2024 erholen, mitsamt den darauf spezialisierten Schmetterlingsarten. Die schlechte Nachricht: Warme Winter werden als mögliche Ursache für den Rückgang der Insekten insgesamt diskutiert. Wenn die hohen Wintertemperaturen die Insekten im Winterschlaf tatsächlich schwächen, dann verheißen die extrem hohen Temperaturen im Herbst/Winter 2023/2024 nichts Gutes für die Insektenpopulationen im kommenden Jahr. Dagegen unternehmen können wir – nichts.

Der rasante Niedergang des Roten Apollos an der unteren Mosel hat unsere  Arbeitsgemeinschaft auf den Plan gerufen. Zusammen mit der BUND NRW Naturschutzstiftung haben wir den Moselapollo zum Schmetterling des Jahres gemacht. Wie schon einmal im vorigen Jahrhundert geht es dabei um den Gifteinsatz im Weinbau, genauer gesagt um die Wahl der (Spritz-)Mittel. Und eigentlich wollen wir ja nur den Apollofalter zurück. Und plötzlich ist alles Politik!
Eigentlich war ich in den vergangenen Jahren davon ausgegangen, dass in Deutschland die Verhältnisse, was Umweltgifte und Schadstoffe angeht, stetig besser werden. Grüne sitzen mit in der Regierung in Nordrhein-Westfalen, in Rheinland-Pfalz, und auch im Bund. Da muss ja alles besser werden, umwelttechnisch. Von wegen, kann ich nur sagen.

Falterfreie Zone: Die Brauselay bei Cochem im April 2023. Foto: Dahl

 

Zum Glück haben wir Vorstandsmitglieder mit ausreichend chemischem Sachverstand, denn die Lage ist kompliziert: Im Lebensraum des Apollofalters kommen eine Menge verschiedenster Substanzen per Hubschrauber auf die Reben, davon einige mit bedenklichen Nebenwirkungen. Ich will an dieser Stelle nicht die gesamte Recherche wiederholen, deshalb hier nur ein Zitat von der Seite des Umweltbundesamtes, Stand 29. Dezember 2023: Die meisten Pflanzenschutzmittel verfügen über ein relativ breites Wirkungsspektrum, so dass schädliche Nebenwirkungen auf Tiere und Pflanzen, die keine Schadorganismen sind, nicht ausgeschlossen werden können. Der großflächige und umweltoffene Einsatz der Pflanzenschutzmittel ist daher nicht nur mit einem hohen Nutzen für die landwirtschaftliche Produktion, sondern immer auch mit hohen Risiken für die Natur, das Grundwasser und die biologische Vielfalt verbunden.“           

Wer auf die anerkannten Umweltverbände wie den BUND oder NABU als Mitstreiter beim Apolloschutz gesetzt hatte, der reibt sich verwundert die Augen: Die lokalen Organisationen sind in „Dialogprozesse“ mit klingenden Namen wie „Schulterschluss Artenvielfalt“ eingebunden, um nicht zu sagen eingewickelt. In Rheinland-Pfalz sind zudem die Umwelt-, Aufsichts- und Genehmigungsbehörden mit dem Wirtschaftsministerium, der Universitätslandschaft und der Chemieindustrie auf schönste Weise verwoben, um es nicht Filz zu nennen. Wer Lust und Zeit hat, kann sich z.B. einmal die Konstruktion der RLP AgroScience anschauen. Oder versuchen beim Landesamt für Umweltschutz Auskunft zu den aktuellen Zahlen der Apollofalter-Vorkommen zu erhalten. Auf den Webseiten der Behörde findet sich unter „Weitere Informationen zum Artenschutzprojekt Apollofalter“ ein Bericht aus dem Jahre – 1987.  Ob das angeführte Umweltbundesamt (UBA) in Dessau, das für die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln zuständig ist, wirklich einen verantwortungsvollen Job macht, das werden wir sehen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Was mich persönlich am meisten schockiert hat, ist wie leichtfertig seit vielen Jahren in der Landwirtschaft, speziell im Weinbau, mit hochgiftigen Chemikaliencocktails umgegangen wird. Wie großflächig der Einsatz von Pestiziden ist, die bekanntermaßen nicht nur schädlich für ein paar Pilzarten sind. Und wie wenig diese Substanzen – wenn überhaupt – auf ihre Umweltwirkung getestet wurden und werden. Das Rotoren-Geknatter der Spritzhubschrauber an der Mosel ist der Sound des Artensterbens.

Das alles zu recherchieren hat einige Vorstandsmitglieder eine Menge Zeit und Nerven gekostet. Und dabei hat das Jahr 2024 für den Schmetterling des Jahres noch nicht mal richtig begonnen. Hier noch einmal zum Mitschreiben: Niemand hat ein Interesse daran, den Weinbau an der Untermosel abzuschaffen. Dass der Apollofalter an der Mosel ohne Winzer nicht überlebt, ist ein Ammenmärchen. Und die Fakten zu den Pestiziden müssen auf den Tisch, die Zulassungen der entsprechenden Spritzmittel müssen überprüft und die geltenden Gesetze zum Schutz gefährdeter Arten eingehalten werden. Wir werden nicht lockerlassen.

Themenwechsel: Aushängeschilder des Vereins sind die von den Mitgliedern verfassten Publikationen, seien es Faunenbände zu einzelnen Artengruppen, Lokalfaunen oder Berichte über seltene bzw. bemerkenswerte Arten. Das Ganze lebt natürlich vom Mitmachen, und Schriftführer Günter Swoboda freut sich über alle Beiträge. Es müssen auch nicht immer hochwissenschaftliche Texte sein, auch kleine Beiträge und Beobachtungen sind in der Rückschau auf 35 Jahrgänge der „Melanargia“ schönstes Zeilengold und Dokumente der Zeitgeschichte. Wer es wie z.B. Josef Bücker schafft, über viele Jahre dranzubleiben, dessen „Tagfalter von Hagen“ sind Vorbild für alle Lokalfaunisten.

Zu einem modernen Schmetterlings-Verein gehören immer auch Exkursionen, öffentliche Lichtfänge und Vorträge. Die Gäste von heute sind dabei die Mitglieder von morgen und die Vorstände von übermorgen. Aber nur wenn Interessierte auch den Weg zu unseren Veranstaltungen finden. Bitte sendet mir ALLE Eure Veranstaltungen, für den Terminkalender auf der Webseite.

Nur schwarze Kästchen: Die Vorkommen der Nepticulide Zimmermannia liebwerdella werden erst seit wenigen Jahren erfasst.

À propos Webseite: Die Verbreitungskarten des Vereins sind zwar immer noch im vertrauten Layout. Aber dank der großartigen Arbeit vor allem von Brigitte und Hajo Schmälter sind die Art-Karten sehr aktuell. Und prallvoll mit „schwarzen Kästchen“, egal ob die Daten jetzt aus Online-Datenbanken oder dem Access®-basierten Vereinsprogramm Insectis stammen. Als Beispiel sei mal hier eine Art herausgegriffen, die winzige Buchenrinden-Zwergminiermotte – Zimmermannia liebwerdella, von der es praktisch keine Nachweise gibt, die älter als fünf Jahre sind. Die Art lässt sich übrigens am besten als Mine auf einem Neujahrsspaziergang im Buchenwald nachweisen.

Die Kenntnis über Verbreitung und Häufigkeit der Falterarten aus dem Arbeitsgebiet bessert sich weiter rasant, nicht zuletzt aufgrung der zunehmenden Internetnutzung. Was früher der Belegfalter auf der Nadel war, ist heute ein ordentlich aufgenommenes Digitalbild, mit minutengenauem Aufnahmedatum und GPS-Stempel. Wenn ehemals ein graubärtiger Experte beim Herrenabend die Steckschachtel mit den Faltern begutachtete, macht das jetzt bei vielen Arten ein Algorithmus. Das Arbeiten im Gelände verändert sich rasch, vor allem die Jüngeren nutzen selbstverständlich die modernen Smartphones. Gute Bestimmungsprogramme erkennen heute problemlos hunderte von Schmetterlingsarten auf Fotos, auch winzige Mikros, Minen oder Raupen. Der Digitale „Zauberlehrling“ in der Hosentasche kann die Graubärte nicht komplett ersetzen, aber er lernt rasch und vergisst nichts.

Wie geht es weiter? Am 1. Januar 2024 startet deutschlandweit „Das Große Flattern“ auf obsidentify, einer der Apps von observation.org. Dabei gilt es ein paar neue Vokabeln zu lernen: Eine „Challenge“ ist ein kleiner Wettbewerb unter den Beobachtern, Belohnungspunkte hießen früher Fleißkärtchen und heute „Badges“. Kartiert wird nicht mit dem Kescher, sondern mit der Kamera des Smartphones. Wer übers Jahr die meisten Arten entdeckt, hat gewonnen.

Und wer das für Unfug hält: 50.000 registrierte Benutzer auf de.observation.org können sich nicht irren: Naturbeobachtung macht Spaß! Gemeinsam entdecken wir mehr!

In diesem Sinne wünsche ich Euch ein aufregendes Jahr 2024 mit vielen tollen Beobachtungen!
Haan, den 30. 12. 2023,
Armin Dahl

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Wetterfest und wenig beobachtet: Der Herbst-Kreuzflügel – Alsophila aceraria

Lichtfang bei Hundewetter, und das nach dem Nikolaustag, macht das Sinn? Natürlich, die Artenzahl ist zwar gering, aber im Frühwinter sind selten beobachtete Falterarten unterwegs. Eine kurze Exkursionsgeschichte.

Warmfront im Anzug, meldet der Wetterbericht, Sturmböen und Starkregen mit dabei. Die Dame des Hauses schüttelt den Kopf, als ich ins Auto steige. Andere Mensche gehen jetzt auf Weihnachtsmärkte, oder machen es sich zu Hause gemütlich.

Aber der Herbst-Kreuzflügel – Alsophila aceraria stand schon zu lange auf meiner persönlichen Wunschliste, und an Versuchen, die Art hier im Bergischen Land mittels Lichtfang zu erwischen, hat es wahrlich nicht gefehlt. Vor Jahren hatten wir sogar schon mal Pheromone für die Art gekauft, aber alles war erfolglos. Der Wetterverlauf im Spätherbst 2023 war ungewöhnlich, massive Niederschläge, dann ein Kälteeinbruch mit Schnee bis ins Flachland, und nachdem der Frost wieder aus dem Boden ist fliegen hier seit Tagen Kleine Frostspanner in Massen. Also gehe ich lieber zum Lichtfang als zum Glühweinstand.

Herbst-Kreuzflügel – Alsophia aceraria, D-RLP Winningen, 9. Dezember 2023 (Foto: Armin Dahl)

Der kürzeste Weg an die Mosel endet für mich in Winningen, an den südexponierten, bewaldeten Oberhängen des Moseltales gibt es bequem zu erreichende Leuchtplätze, die quasi einen Autobahnanschluss haben. Es dämmert schon, als ich endlich vor Ort bin, schnell die Leuchttürme aufgebaut, es nieselt, das Thermometer zeigt 5°C. Trotzdem sieht man schon überall Kleine Frostspanner an den Bäumen hochklettern, und es flattert überall im Wald.

Es ist noch nicht einmal 18.00 Uhr, der Leuchtturm sitzt schon voller Falter, vor allem Große und Kleine Frostspanner. Aber auch eine ganze Anzahl Kleiner Pappelglucken – Poeciliocampa populi sind darunter. Da passt der Name übrigens nicht, der Leuchtturm steht im Eichen-Hainbuchenwald. Der Wetterbericht hat immerhin gestimmt, jetzt regnet es kräftig.

Und Hurra! da ist er: Der erste Kreuzflügel. Wenige Minuten später sind es schon mehr als ein Dutzend Falter, obwohl ich mittlerweile den einen Turm festbinden musste, weil der Starkwind die Anlage durchschüttelt. Mal ganz abgesehen von dem Regen, der durch den Wald peitscht. Zum Glücke sind meine LEPI-LEDs wasserdicht. Die meisten Kreuzflügel-Männchen haben sich mittlerweile auf dem Dach des Leuchtturmes zum Parademarsch verabredet, und laufen – anders als die Frostspanner – aufgeregt herum. Die Pheromonfallen mit den aceraria-Präparaten die ein paar Meter weiter hängen, interessieren sie offenbar nicht.

Kreuzflügel-Parade bei Regenwetter. Winningen, 9. Dezember 2023 (Foto: Armin Dahl)

Nach einer weiteren halben Stunde – es gießt mittlerweile in Strömen – bin ich völlig durchnässt und trete den Rückzug an. 25 Kreuzflügel stehen auf dem digitalen „Zettel“, am anderen Leuchtturm noch einmal fünf, zusätzlich etwa 50 Pappelglucken, viele hundert Frostspanner sitzen in der Umgebung in der Vegetation. Das hat sich mal gelohnt heute! Auf den Verbreitungskarten für den Herbst-Kreuzflügel kommt an der Mosel ein weiterer Punkt hinzu. Sicher lassen sich noch weitere finden, die Flugzeit hat offenbar erst begonnen. Alle Daten findet Ihr wie gewohnt auf observation.org

Merke: Schmetterlinge gibts zu jeder Jahreszeit, und selten beobachtet heißt nicht, dass die entsprechenden Arten wirklich selten sind. Man muss sich nur ein wenig aufraffen.

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Der Mosel-Apollofalter – Schmetterling des Jahres 2024

Mosel-Apollofalter – Parnassius apollo. Valvig (Mosel) Brauselay. © Tim Laußmann

Benannt nach Apollon, dem Gott des Lichtes, macht der Apollofalter seinem Namen alle Ehre, denn er ist fast ausschließlich bei Sonnenschein aktiv. Doch die Überlebensaussichten für diese wunderschöne Schmetterlings-Art sind an der Mosel alles andere als sonnig. Die dort vorkommende Unterart – der nach dem Weinort Winningen benannte Mosel-Apollofalter (Parnassius apollo ssp. vinningensis), ist weltweit einzigartig, es gilt, ihn vor dem Aussterben zu bewahren!

Mit der Wahl des weltweit und europarechtlich besonders geschützten Mosel-Apollofalters zum Schmetterling des Jahres 2024 will die Arbeitsgemeinschaft Rheinisch-Westfälischer Lepidopterologen e.V. und die BUND NRW Naturschutzstiftung auf den rücksichtslosen und flächendeckenden Umgang mit Pflanzenschutzmitteln in der Landwirtschaft aufmerksam machen.

Solche Pestizide sollen die Nutzpflanzen schützen, wirken jedoch oft auch schädlich auf Organismen, gegen die sie eigentlich nicht gerichtet waren. So sind zum Beispiel viele der im Weinbau verwendeten chemisch-synthetischen Fungizide (Mittel gegen Pilzbefall) bekanntermaßen mehr oder weniger schädlich für Nutzinsekten[1]. Die Wirkung auf Schmetterlinge ist weitgehend unerforscht[2]. Zudem ist mittlerweile bewiesen, dass sich Pflanzenschutzmittel auch weit entfernt von ihrem Anwendungsort auf Insekten auswirken[3]

In Rheinland-Pfalz, im unteren Moseltal, liegen die letzten vom Apollofalter besiedelten Felsen inmitten von zumeist konventionell bewirtschafteten Weinbergen. Die dort eingesetzten Spritzmittel werden in den Steillagen mit Hubschraubern ausgebracht, verteilen sich besonders weiträumig in der Landschaft und treffen auch die Felsen, auf denen die Raupen und Falter des Schmetterlings des Jahres 2024 leben. Seit dem Jahr 2012 beobachten Schmetterlingskundler einen dramatischen Einbruch der Population des Mosel-Apollofalters[4]. Man kann dem „Insektensterben“ in Echtzeit zusehen!

Apollofalter: Schwarze Flecken, Rote Augen

Der Apollofalter Parnassius apollo (Linnaeus, 1758) ist ein Tagfalter aus der Familie der Ritterfalter (Papilionidae) und zählt mit einer Flügelspannweite von 65 bis 75 mm zu den größten Tagfaltern in Deutschland. Seine Flügel sind überwiegend weiß beschuppt und mit einem transparenten Außenrand versehen. Auf den Vorderflügeln besitzt die Art mehrere große schwarze Flecken. Jeder Hinterflügel zeigt ober- und unterseits zwei charakteristische rote Augenflecken, die eine schwarze Umrandung und einen weißen Kern aufweisen. Die Geschlechter lassen sich anhand der Oberseite des Hinterleibs unterscheiden, die nur beim Männchen dicht behaart ist. Ferner sind die Flügel der Weibchen im Unterschied zu denen der Männchen dunkel beschuppt.

Der Mosel-Apollofalter Parnassius apollo ssp. vinningensis (Stichel, 1899) hat sich an der Mosel durch geografische Isolation zu einer Unterart entwickelt, die sich äußerlich von den Apollofaltern anderer Regionen, z.B. in Schweden oder den Alpen unterscheidet. Mosel-Apollofalter besitzen innerhalb der dunklen Zone am Innenrand ihrer Hinterflügel eine rundliche Aufhellung. Darüber hinaus sind die beiden unteren roten Augenflecken meist nierenförmig anstatt rund ausgeprägt.

Die weißen Apollofalter-Eier sind etwas kleiner als ein Stecknadelkopf und besitzen eine rundliche, abgeflachte Form sowie eine körnige Oberflächenstruktur. Aus den Eiern schlüpfen schwarz gefärbte und kurz behaarte Raupen, die bis zu ihrer ersten Häutung ein graues Fleckenmuster besitzen. Ältere Raupenstadien haben zwei auffällige orange Fleckenreihen, welche längs der beiden Körperseiten verlaufen. Ausgewachsene Apollofalter-Raupen können eine Länge von über 40 Millimetern und ein Gewicht von mehr als 1,8 Gramm erreichen. Sie sind dann rund 20-mal länger und 3000-mal schwerer als zu Beginn ihrer Entwicklung. Durch eine weitere Häutung verwandeln sich die Raupen in hellbraun gefärbte Puppen, die mit zunehmender Aushärtung dunkler werden und nach etwa einem Tag einen bläulich-weißen, wachsartigen Überzug erhalten, der sie vor Austrocknung schützt.

Leben zwischen Felsen, Flockenblume und Fetthenne

Mosel-Apollofalter sind einbrütig, bilden pro Jahr nur eine Generation aus. Die Falter treten an der Mosel überwiegend zwischen Mitte Mai und Juli in Erscheinung. Sie ernähren sich von Nektar, den sie bevorzugt aus blauvioletten Blüten wie denen der Skabiosen-Flockenblume oder der Kartäusernelke saugen. Zur Partnerfindung fliegen die Männchen oft rastlos umher und suchen gezielt frisch geschlüpfte Weibchen, die anfangs in der Vegetation ruhen. Wird ein solches entdeckt, dann stürzt sich das Männchen förmlich auf das Weibchen, um sich mit diesem nach kurzer Balz zu paaren. Dabei verschließt das Männchen das weibliche Hinterleibsende mit einem Sekret, das anschließend zur sogenannten Sphragis – dem Siegel – aushärtet. Diese Versiegelung wirkt wie ein Keuschheitsgürtel und verhindert eine erneute Begattung des Weibchens durch andere Männchen.

Nach der Paarung klebt das Weibchen im Verlauf von eineinhalb Wochen bis zu 200 Eier einzeln unter Felsvorsprünge oder an dürres Pflanzenmaterial. Etwa zehn Tage nach der Eiablage liegen in den Eiern bereits vollständig entwickelte winzige Raupen vor, die allerdings erst im zeitigen Frühjahr des Folgejahres ausschlüpfen. Im Moseltal ernähren sich die Raupen nahezu ausschließlich von der Weißen Fetthenne (Sedum album). Sie entwickeln sich innerhalb von 60-70 Tagen zur Puppe, aus der nach weiteren zwei bis drei Wochen der Falter schlüpft.

Isolierte Populationen mit fehlendem Genaustausch

Der Apollofalter ist zwar in weiten Teilen Europas und Asiens verbreitet, allerdings kommt er nur sehr lokal vor, denn er ist ein sogenanntes Eiszeitrelikt. Während der letzten Kaltzeit prägten Kältesteppen das Landschaftsbild, die der Schmetterling von seiner ursprünglichen Heimat aus, den zentralasiatischen Hochgebirgen, besiedeln konnte. Mit der Rückkehr der Bäume vor etwa 12.000 Jahren wurde die Art vielerorts verdrängt, denn sie konnte nur an den waldfreien Fels-, Schutt- und Geröllfluren der Mittel- und Hochgebirge überleben, wo es zudem reichlich Fetthennen und verwandte Pflanzen gibt. In den Alpen findet sich der Apollofalter hauptsächlich oberhalb von 1000 Metern, in Skandinavien dagegen lebt er fast auf Meereshöhe.

Terrassenmosel bei Winningen, Lebensraum des Mosel-Apollofalters. ©  Tim Laußmann

Bis ins frühe 20. Jahrhundert war er auch in vielen Mittelgebirgen Europas beheimatet. Im Zuge der weitgehenden Aufgabe der Schaf- und Ziegenbeweidung verbuschten seine Lebensräume, und er ist dort heute fast überall ausgestorben. Letzte Vorkommen finden sich in Deutschland heute im Moseltal sowie auf der Schwäbischen und der Fränkischen Alb und in den Alpen[5]. Im Moseltal lebt die Unterart Mosel-Apollo räumlich und genetisch von anderen Populationen getrennt an den heute vom Weinbau umgebenen, steilen Felsen und Mauern der Untermosel, woraus sich das hier thematisierte Konfliktpotential ergibt.

Besonders streng geschützt

Der Mosel-Apollo ist wie alle anderen Unterarten des Apollofalters eine nach Anhang IV der Richtlinie 92/43/EWG („Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie“) streng geschützte Schmetterlingsart. Der Mosel-Apollofalter ist nicht nur besonders groß und hübsch, sondern auch außergewöhnlich, da es sich um eine einzigartige und nicht zu ersetzende oder aus anderen Gebieten wieder anzusiedelnde Unterart handelt, die besondere Merkmale aufweist. Er zeichnet sich insbesondere durch seine Anpassung an die trocken-warmen Lebensbedingungen an der Mosel aus. Alle Unterarten des Apollofalters sind zusätzlich durch das Washingtoner Artenschutzübereinkommen (CITES) weltweit streng geschützt.

Laut der Roten Liste Rheinland-Pfalz (publiziert 2013 mit Daten bis ca. 2012) gilt der Mosel-Apollofalter als extrem selten (Kategorie R). Deutschlandweit gilt der Apollofalter nach der Roten Liste von 2011 als stark gefährdet (Kategorie 2), vgl. REINHARDT & BOLZ (2011).

Die Art stand bereits am Ende der 1970er Jahren kurz vor dem Aussterben, da man über Jahre hinweg Insektizide und Akarizide zum Schutz der Reben gegen Traubenwickler (Kleinschmetterlinge) und Milben ausgebracht hatte. Diese Praxis konnte seinerzeit durch den Einsatz von Naturschützern und engagierten Winzern beendet werden[6]. Zur Kontrolle der Traubenwickler werden heute Pheromone eingesetzt, die sehr artspezifisch sind. Im Verlaufe der 1990er und 2000er Jahre hatte sich die Population des Mosel-Apollofalters stabilisiert, und nicht selten waren Dutzende fliegender Falter gleichzeitig an den Felsen und Mauern zu sehen.

Das waren noch Zeiten: Nach einem Gewitterschauer auf 10-20 Metern Wegstrecke zusammengesammelte Mosel-Apollos, Juli 1995. © Tim Laußmann

Zusammenbruch der Population nach 2012

Die positive Entwicklung änderte sich schlagartig ab dem Jahr 2012, in dem deutlich weniger Falter flogen als im Vorjahr. Schmetterlingskundler machten die örtlichen Behörden auf diese Beobachtung aufmerksam. Im Gespräch waren die per Hubschrauber ausgebrachten Pflanzenschutzmittel als mögliche Ursache, da bekanntermaßen regelmäßig neue Chemikalien für den Pflanzenschutz auf den Markt kommen. Jedoch wurden auch klimatische Änderungen und eine zunehmende Verbuschung der Lebensräume sowie Stickstoffeintrag aus der Luft diskutiert.

Behördlicherseits wurden die Pflanzenschutzmittel als Ursache unter dem Hinweis ausgeschlossen, dass es sich bei den Stoffen um für den Apollofalter unschädliche Fungizide (Mittel gegen Pilze) handele. So war es auch noch bis Ende 2022 im Artenporträt des Bundesamts für Naturschutz zu lesen.

Es gibt zwar Befunde, dass jahrweise Schwankungen der Populationsgröße auf besondere Witterungsverläufe zurückzuführen sind, allerdings lässt sich damit kein kontinuierlicher Rückgang begründen. Zudem hat die ebenfalls sehr kleine Apollofalter-Population auf der nördlichen Fränkischen Alb in einem kleinklimatisch vergleichbaren Lebensraum zuletzt dank entsprechender Biotoppflege eine positive Entwicklung genommen[7].

Einige ehemalige Lebensräume an der Mosel sind in der Tat mittlerweile durch Aufgabe der Bewirtschaftung und fehlende Offenhaltung zugewachsen und daher nicht mehr besiedelt. Warum der Mosel-Apollofalter auch im Bereich offener Felsen verschwunden ist, blieb jedoch rätselhaft.

In den vergangenen Jahren etwa seit 2020 war der Apollofalter an der Untermosel eine Ausnahmeerscheinung! An berühmten und sogar touristisch beworbenen Flugstellen wie dem „Apolloweg“ in Cochem-Valwig werden aktuell nur noch einzelne Exemplare beobachtet! Der Mosel-Apollo steht kurz vor dem Aussterben!

Überleben in vergifteter Landschaft?

Die Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln mit Luftfahrzeugen, wie zum Beispiel mit Hubschraubern, ist in Deutschland verboten. Nur nach fachlicher Prüfung können Ausnahmegenehmigungen für diese Art der Applikation durch eine zuständige Landesbehörde erteilt werden. In Rheinland-Pfalz ist dies die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD). Auf der Webseite der Behörde werden die tatsächlich ausgebrachten Mittel aufgelistet. Es zeigt sich, dass allein im Jahr 2022 mindestens 20 verschiedene Chemikalien in unterschiedlichen Kombinationen alle sieben bis zehn Tage per Sondererlaubnis aus der Luft ausgebracht wurden. Viele dieser Mittel sind auch als schädlich für Insekten eingestuft1.

Besonders bemerkenswert ist, dass zumindest die in jüngster Zeit neu verwendeten Stoffe ohne jede naturschutzfachliche Verträglichkeitsprüfung ausgebracht werden.[8]

Eine schriftliche Nachfrage beim Umweltbundesamt ergab, dass die Stoffe, insbesondere auch in der verwendeten Kombination oder Reihenfolge, niemals auf Verträglichkeit für den Mosel-Apollofalter getestet wurden. Das Umweltbundesamt rät daher fachlich davon ab, die Praxis der Hubschrauberspritzung fortzusetzen. Dass die Stoffe trotzdem angewendet werden, begründet die zuständige Genehmigungsbehörde des Landes Rheinland-Pfalz wie folgt[9]: In Steillagen stünden keine gleich wirksamen Behandlungsmethoden zur Verfügung bzw. sie seien mit hohem personellem und finanziellem Aufwand verbunden. Der Arbeitseinsatz und die körperliche Belastung für den Menschen würden reduziert. Der Boden würde nicht durch Fahrzeuge verdichtet, und es würden nur durch das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit zugelassene Stoffe versprüht. Der Schutz der Bevölkerung und der Tier- und Pflanzenwelt sei sichergestellt. Zitat: „Der Hubschraubereinsatz dient dem Erhalt der Weinkulturlandschaft mit ihrer ökologisch bedeutsamen Flora und Fauna.“

Die Anwendungen der Fungizide erfolgen in der Regel präventiv. Die Vielzahl der benutzten Substanzen wird im Allgemeinen mit Resistenzmanagement begründet[10]. Wichtig ist dabei, dass Mittel mit unterschiedlichen Wirkmechanismen im Wechsel verwendet werden. In jüngerer Zeit sind zu den Stoffen, die z.B. in spezielle Stoffwechselwege von Pilzen eingreifen, sogenannte Succinatdehydrogenase-Inhibitoren (SDHI) hinzugekommen, die die Zellatmung blockieren. Einer davon, Fluopyram wird aktuell großflächig im Weinbau gegen Pilzkrankheiten wie Grauschimmelfäule (Botrytis) und Echten Mehltau eingesetzt. Fluopyram ist besonders persistent, verbleibt also sehr lange in der Umwelt. Es ist seit 2012 im Einsatz und seit 2013 für die Anwendung mit Hubschraubern zugelassen[11]. Der Stoff verursachte anfangs durch fehlerhafte Anwendung schwere Wachstumsstörungen bei Weinreben[12]. Fluopyram, das auch gegen Fadenwürmer (Nematoden, „Wurzelälchen“) eingesetzt wird, steht in Verdacht, auch noch andere Organismengruppen zu schädigen[13].

Der zeitliche Zusammenhang zum Niedergang des Mosel-Apollofalters fällt deutlich ins Auge. Allein dies sollte genügen, die konkrete Auswirkung der Substanz auf Tagfalter wie den Apollofalter zu untersuchen und bis zur Vorlage von Ergebnissen von einer Anwendung dieser Stoffklasse im Umfeld der Vorkommen abzusehen. Der Niedergang des Mosel-Apollofalters als Indikator für den Zustand seines Lebensraums ist ein eindeutiges Warnsignal, das nicht unbeachtet bleiben sollte.

Es bleibt zu hoffen, dass der exzessive Einsatz von Pestiziden an der Mosel, insbesondere die Ausbringung mittels Hubschrauber, bald Geschichte ist. Schließlich gilt es, alle schädlichen Einflüsse von der besonders geschützten Unterart Mosel-Apollofalter fernzuhalten. Unbedingt notwendig ist selbstverständlich auch der intensive Schutz und die Pflege der wenigen verbliebenen Lebensräume.

Wie stände Deutschland im internationalen Vergleich da, wenn es nicht einmal gelingt, eine Insektenart von übergeordnetem Interesse zu erhalten?


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Literatur und Links zum Thema Mosel-Apollofalter

Rote Liste Rheinland-Pfalz
SCHMIDT, A. (2013): Rote Liste der Großschmetterlinge in Rheinland-Pfalz; Hrsg.: Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Ernährung, Weinbau und Forsten Rheinland-Pfalz, Mainz . https://mueef.rlp.de/fileadmin/mulewf/Publikationen/Rote_Liste_Grossschmetterlinge_neu.pdf

Rote Liste Deutschlands
REINHARDT, R. & R. BOLZ  (2011): Rote Liste und Gesamtartenliste der Tagfalter (Rhopalocera) (Lepidoptera: Papilionoidea et Hesperioidea) Deutschlands. – In: Binot-Hafke, M., Balzer, S., Becker, N., Gruttke, H., Haupt, H., Hofbauer, N., Ludwig, G., Matzke-Hajek, G. & Strauch, M. (Bearb.): Rote Liste der gefährdeten Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands. Band 3: Wirbellose Tiere (Teil 1). – Bonn (Bundesamt für Naturschutz). – Naturschutz und Biologische Vielfalt 70 (3): 167–194.
Datenblatt Apollofalter des Rote-Liste-Zentrums Bonn


[1]    Datenbank des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit: https://apps2.bvl.bund.de/psm/jsp/index.jsp und Angaben der Hersteller auf Produktdatenblättern.

[2]    Schriftliche Auskunft des Umweltbundesamts vom 29.03.2023

[3]    Brühl, C.A., Bakanov, N., Köthe, S. et al.: Direct pesticide exposure of insects in nature conservation areas in Germany. Sci Rep 11, 24144 (2021). https://doi.org/10.1038/s41598-021-03366-w

[4]    Müller, D und Griebeler EV (2021) Der Apollofalter Parnassius apollo (LINNAEUS, 1758) in Rheinland-Pfalz – Verbreitung, Bestandstrends und Phänologie (Lep., Papilionidae), Melanargia, 33 (2): 65-96

[5]    Lepiforum, https://lepiforum.org/wiki/page/Parnassius_apollo#Weitere_Informationen-Verbreitung; abgerufen am 20.10.2023

[6]    https://lfu.rlp.de/de/naturschutz/artenschutz-und-projekte/artenschutzprojekte/insekten/apollofalter/

[7]   Geyer, A. (2019): Der Apollofalter im Kleinziegenfelder Tal – Erhaltung und Sicherung der letzten Population in der Fränkischen Schweiz. ANLiegen Natur 41(1): 113–122, Laufen

[8]    Schriftliche Auskunft der Struktur- und Genehmigungsdirektion Nord in Rheinland-Pfalz vom 07.11.2023.

[9]   Genehmigung zur Anwendung von Pflanzenschutzmitteln mit Luftfahrzeugen durch die ADD für die Gemarkungen Beilstein, Bruttig, Cochem, Cond, Ellenz-Poltersdorf, Ernst, Fankel, Sehl und Valwig vom 04.05.2022

[10] Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau, Rebschutzleitfaden 2023, https://www.lwg.bayern.de/mam/cms06/weinbau/dateien/230302_rebschutz_bf.pdf

[11] Antwort des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit vom 2. Juni 2023 per E-Mail.

[12] Robatscher, P., Eisenstecken, D. Raifer B. et al. (2016) Wuchsstörungen im Weinbau aufgeklärt. Obst- und Weinbau 4/2016, 5-8

[13] Bénit P, Kahn A, Chretien D, Bortoli S, Huc L, et al. (2019): Evolutionarily conserved susceptibility of the mitochondrial respiratory chain to SDHI pesticides and its consequence on the impact of SDHIs on human cultured cells. PLOS ONE 14(11): e0224132


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