Achtung update Synchronzählung an Himmelfahrt – ausgebucht..

Lycaena helle Ende Mai 1995 Nonnenbachtal (Eifel). Foto: Tim Laussmann

 

 

 

Achtung, das hier stehende Anschreiben/Aufruf  zur Mitarbeit wurde auf Bitte der Biostation wieder entfernt.

Im Januar ist LIFE helle Eifeltäler gestartet. Das Projekt konzentriert sich auf die Erhaltung und Förderung der beiden bedrohten Arten Blauschillernder Feuerfalter (Lycaena helle) und Goldener Scheckenfalter (Euphydryas aurinia) in der Nordeifel im Kreis Euskirchen. Für beide Arten sollen Habitate optimiert und vernetzt werden. Für aurinia ist eine Reetablierung im Projektgebiet geplant.
Im Anhang (ProjectCharacteristics) sind die Kerndaten des Projektes zusammengefasst und die Projektkulisse dargestellt.

Leider wurde die Biostation innerhalb einer Stunde von einer Flut von Anfragen überrollt, was sich organisatorisch von dem kleinen Projektteam nicht bewältigen lässt.

Wir werden versuchen Euch regelmäßig an dieser Stelle über den Fortgang desa Projektes zu informieren.

 

 

 

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Lost and found: eine Bilanz von 160 Jahren Tag- und Nachtfalterbeobachtungen im Raum Wuppertal und Hilden

Auswahl von Schmetterlingsarten, die im Untersuchungsraum Hilden, Haan, Erkrath, Wuppertal, Solingen und Remscheid als verschollen gelten. Für eine größere Ansicht: rechte Maustaste – Grafik anzeigen.

Vor 175 Jahren, am 9.4.1846, gründete Johann Carl Fuhlrott den „Naturwissenschaftlichen Verein von Elberfeld und Barmen“. Heute würde man diese Leute wahrscheinlich als „Bürgerwissenschaftler“ oder „Citizen Scientists“ bezeichnen. Damals nannte man sie im englischsprachigen Raum „gentlemen scientists“. In der Tat gehörte seinerzeit die Beschäftigung mit der Natur, angefeuert durch die Erkenntnisse von Berühmtheiten wie Charles Darwin und Alexander von Humboldt, zum guten Ton. Bald schon stieß Gustav Weymer zu den interessierten Naturkundlern und veröffentlichte ab 1863 seine Beobachtungen zu Tag- und Nachtfaltern im Raum Wuppertal und Hilden unter anderem in den Jahresberichten des Vereins.

Unsere Erkenntnisse zu den Schmetterlingspopulationen im Bergischen Land im 20. Jahrhundert verdanken wir in erster Linie den zusammenfassenden Darstellungen von uns wohl bekannten Persönlichkeiten: Helmut Kinkler, Friedhelm Nippel, Günter Swoboda and Willibald Schmitz. Unsere vier tatkräftigen Lepidopterologen veröffentlichten in den Jahresberichten des Vereins zwischen 1971 und 1992 den Kenntnisstand zur Schmetterlingsfauna und trugen von zahlreichen Privatpersonen gesammelte Tiere in der „Sammlung Bergisches Land“ zusammen. Diese befindet sich heute, nach dem unrühmlichen Ende des Fuhlrott-Museums in Wuppertal, im Löbbecke Museum in Düsseldorf. Nicht unerwähnt sei hier auch die Übersichtsarbeit von Karl Stamm „Prodromus der Lepidopteren-Fauna der Rheinlande und Westfalens“.

Heute, fast 160 Jahre nach der ersten veröffentlichten Studie zu den Schmetterlingen in und um Wuppertal und Hilden, können wir recht genau sagen, welche Arten ab- und welche zugenommen haben, welche verschwunden sind und welche unser Gebiet neu erobert haben. Ebenso wird deutlich, welche Arten sich auf einem stabilen Niveau bewegen. Die Daten haben wir in einer umfassenden Tabelle zusammengestellt, die die Grundlage für eine Zusammenfassung im „Journal of Insect Conservation“ bildete.

Den Artikel (Zitat: Laussmann T, Dahl A, Radtke A: Lost and found: 160 years of Lepidoptera observations in Wuppertal (Germany). Journal of Insect Conservation, published online: 22. February 2021, https://doi.org/10.1007/s10841-021-00296-w) gibt es hier zum Herunterladen (Save->download).

Wenn es dort Probleme gibt, findet sich hier die Rohfassung und die Tabelle („Supplement“) in der akzeptierten Endversion.

Die wesentlichen, für den Lepidopterologen wohl wenig überraschenden, Erkenntnisse zeigen die folgenden Grafiken, die sich mit Rechtsklick in Vollauflösung anzeigen oder herunterladen lassen. Alternativ stellen wir hier die Infografiken als frei zu bearbeitende Power-Point Präsentation zu Verfügung.

Mehr als die Hälfte der zum ausgehenden 19ten Jahrhundert im Beobachtungsraum verbreiteten Tag- und Nachtfalterarten befinden sich heute in den Kategorien „abnehmend“ (rot) oder „konstant selten“ (gelb). Einige Arten (15 %) sind bereits verschollen (seit mehr als 10 Jahren nicht mehr beobachtet). Auf der anderen Seite gibt es aber auch Arten, die häufiger geworden sind (blau), davon sind 13 Arten neu in das Beobachtungsgebiet eingewandert.

Bereits zu Beginn der 20sten Jahrhunderts waren ein paar Arten verschwunden, der Niedergang der Artenvielfalt startete aber erst richtig nach dem zweiten Weltkrieg und nahm beständig Fahrt auf. In den letzten Jahrzehnten verlieren wir im Schnitt mehr als eine Art pro Jahr. In den 1970er Jahren traten dann erste neu zugewanderte Arten aus dem Süden und dem Westen auf. In den letzten 10 Jahren hat sich der Zuwachs an Arten beschleunigt. Wir führen dies auf Effekte des Klimawandels zurück.

Wenn man herausfinden will warum Arten verschwinden, ist es entscheidend zu wissen, welche Biotopansprüche diese Arten haben. Wir finden unter den abnehmenden Arten vor allem solche, die auf offene, magere, blütenreiche Landschaft spezialisiert sind. Zudem finden sich typische Arten für trocken-warmes Gebüsch, Hecken, Niederwald und Obstwiesen unter den Verlierern. Häufig bleiben typische Waldarten (insbesondere Arten, die in Buchenwäldern und Nadelwäldern leben). Mache davon sind sogar häufiger geworden, insbesondere solche, die als Raupen an Flechten fressen. Häufiger werden auch Wintertiere beobachtet, wahrscheinlich weil mildere Winter bessere Beoachtungsmöglichkeiten bieten.

Diese Grafik zeigt die Verteilung der Lebensraumspezialisten auf vier zusammengefasste Habitatgruppen. Deutlich sichtbar ist, dass abnehmende Arten vor allem in offenen und halboffenen Landschaften zu finden sind. Wälder sind deutlich weniger vom Artenrückgang betroffen, obwohl es hier z.B. bei Arten, die in Auwäldern leben, ebenfalls Verluste gibt. In durch den Menschen geprägten Lebesräumen ist der Artenrückgang vergleichsweise gering. Betroffen sind in erster Linie Arten, die früher in Obst- und Gemüsegärten verbreitet waren. In anthropogenen Lebensräumen findet der größte Zuwachs an Arten statt: Diese profitieren von trocken-warmen Lebensräumen im „Stadtklima“ und leben z.B. auf Industriebrachen.

Welche Arten genau abgenommen und zugenommen haben, ist in der oben erwähnten Artenliste (Excel-Datei) genau aufgeführt. Für die Beurteilung von Spezialisten und Generalisten haben wir auf das Buch „Praxishandbuch Schmetterlingsschutz“ zurückgegriffen, das unserer Meinung nach viel zu wenig Anwendung findet.

Natürlich haben wir in dem Artikel auch unsere Aufassung zu Ursachen und zu Gegenmaßnahmen dargestellt, mit denen ich an dieser Stelle, da es für die meisten von uns „kalter Kaffee“ ist, nicht langweilen möchte.

In jedem Fall bleibt festzuhalten, dass nur die tatsächliche Beobachtung von Tag- und Nachtfaltern und die systematische Erfassung der Arten solche Auswertungen möglich machen. Hilfreich sind dabei moderne Smartphone-Tools wie „ObsMapp“ oder „iObs“. Unerfahrenen wird dabei die Arterkennung anhand von Handy-Photos ermöglicht.

Hoffen wir also, dass die Tugenden eines „gentleman scientist“ oder einer „lady scientist“ eine Renaissance erleben!

 

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Cirrhia gilvago, C. icteritia und Sunira circellaris-Raupen in Espenkätzchen

 

Nachdem ich im letzten Jahr schon einige überraschende Entdeckungen in den Kätzchen von Pyramiden- und Bastardpappeln im Umfeld meiner Wohnung in Aachen sowie in Düsseldorf machen konnte, gibt es es nun erste Erkenntnisse zur Herbsteulenfauna der männlichen Espen.

Letzte Woche am 3.3. und 5.3. hab ich mal kurz am Moltkebahnhof in Aachen, einem eher xerothermen innerstädtischen Bahnhofsgelände, ein paar männliche Espenkätzchen gesammelt – einmal am 3.3. 30g, einmal am 5.3. 110g jeweils unter einem großen Baum (abgeblühte Kätzchen vom Boden). Ferner habe ich am 5.3. 110g (das ist so eine mittelgroße Schüssel voll) blühende Kätzchen von einem Pulk junger ca. 3 m hoher Büsche gepflückt.

Jungraupe von Cirrhia gilvago in einer Espenknospenschuppe versteckt. In diesem Stadium wußte ich noch nicht, dass es sich um diese Art handelt, doch war mir schon aufgefallen, dass sie sich von den anderen bisher gefundenen Raupen unterschied.

Bisherige Ausbeute (nebst hunderten von Maden und Wanzen):

Mittlerweile bis heute, 13.3., so ca. 20 meist noch sehr kleine (beim jeweiligen Fund meist wohl ca. L2 bis maximal L3) Eulenraupen, von denen bis vor ein paar Tagen erst eine C. gilvago dabei war, inzwischen aber deutlich mehr von dieser Art. Am 12.3. kamen alleine noch mal mindestens 3 C. gilvago dazu. Daneben gab es einige Cirrhia icteritia (die ich bisher nur von Weiden kannte und noch nie an irgendeiner Pappel gefunden hatte) und wenige Sunira circellaris – alle sich schon durchaus ähnelnd, aber wenn man wie ich bei Eizuchten und Fundraupen immer alle Raupen einzeln isoliert und jede Haut mindestens einmal fotografiert am Ende durchaus unterscheidbar. Weiterlesen

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Bankesia conspurcatella, Luftplankton im Vorfrühling

Die Echten Sackträger (Psychidae) gehören zu den weniger bekannten einheimischen Mottenfamilien: Die meisten sind elend klein, die Raupen verstecken sich in unauffälligen Säcken, die Falter fliegen tagsüber und kommen nicht ans Licht. Kommt bei einer der zahlreichen Arten (ca. 45 in Deutschland) auch noch eine jahreszeitlich sehr frühe Flugzeit hinzu, gibt es noch weniger Fundmeldungen als gewöhnlich.

„Voorjaarszakdrager“ – Frühjahrs-Sackträger Bankesia conspurcatella, NL-Soest-Overhees,  5. April 2010. (Foto: Violet Middelman)

Eine solche Art ist Bankesia conspurcatella, die den hübschen Deutschen Trivialnamen Staintons Baumflechten-Sackträger erhalten hat. Erschwerend kam noch hinzu, dass es um diese Art erheblichen taxonomischen Wirrwarr gegeben hat, der erst von SOBCZYK & SWOBODA (2010) aufgelöst wurde. Bankesia conspurcatella (aus Italien beschrieben) und B. staintoni (aus England beschrieben) sind synonym, conspurcatella der ältere und somit valide Name.

Wirrwarr auch bei den Trivialnamen: So geistert der britischen Entomologe  Henry Tibbats Stainton, Jahrgang 1822 und Autor verschiedener Psychiden-Beschreibungen, immer noch durch die Listen: Die Psychiden wurden ja hierzulande zu den „Makros“ gerechnet, und haben deshalb im Unterschied zu den Kleinschmetterlingen („Mikros“) Anrecht auf einen ordentlichen Deutschen Namen. Vielleicht wäre Frühjahrs-Sackträger passender, aber das nur nebenbei.

Fakt ist, dass bisher aus unserem Arbeitsgebiet weniger als zehn Meldungen von Bankesia conspurcatella vorliegen, selbst im hervorragend sortierten Lepiforum gibt es nur ein einziges Lebendfoto von diesem Tier. Aber das kann sich ja ändern: Wenn man/frau die Arten einmal kennt und gezielt sucht, ergibt sich ja oft ein ganz anderes Bild. Wie auch viele andere Arten ist B. conspurcatella in den Niederlanden weit verbreitet. Es gibt dort Nachweise aus mehr als 120 Quadranten (10×10 km), die Art kommt anscheinend flächendeckend vor. Vielleicht stehen die Nachbarn auch einfach morgens früher auf: B. conspurcatella fliegt früh am Tag, wie schon bei ZELLER (1850) in der Erstbeschreibung des Falters „fing ich in den Morgenstunden bei trübem Wetter 20 Männchenim Lepiforum nachzulesen. Im Field Guide to the Micromoths of Britain and Ireland von STERLING, PARSONS & LEWINGTON (2012) steht dazu: „Flies early in the morning on sunny days in late winter„.

Die conspurcatella-Fundorte aus Nordrhein-Westfalen liegen weit auseinander und in verschiedenen Naturräumen, hier mal alphabetisch sortiert: Dalheim-Röttgen, Bochum, Essen, Kleve, Niederkrüchten, Velbert-Langenberg. Die Beobachter sind alles entweder ausgewiesene Mikro-Spezialisten oder, wie im Fall von Bochum, eine vielseitig interessierte Fotografin mit guter Makro-Ausrüstung und ein wenig Glück.

Bei Bankesia conspurcatella ist außer Glück zur richtigen Tageszeit im Vorfrühling (Ende Februar-Anfang April) auch noch ein scharfes Auge nötig:  Die Art hat eine Spannweite von nur knapp über 10 Millimetern. Jedenfalls sollte man beim morgendlichen Spaziergang in den kommenden Wochen mal auf das „Luftplankton“ achten,  und eventuell einen Kescher und ein paar Sammelgläschen einpacken: Fliegende Tiere sind mit bloßem Auge wohl kaum sicher anzusprechen.

Literatur

SOBCZYK, T. & G. SWOBODA (2010): Bankesia conspurcatella (ZELLER, 1850) in Deutschland – ein taxonomisches Wirrwarr (Lep., Psychidae). — Melanargia 22 (2): 49-51.

STERLING, P., PARSONS, M & R. LEWINGTON (2012): Field Guide to the Micro-Moths of Great Britain and Ireland. – 416 S., Bloomsbury

ZELLER, P. C. (1850): Verzeichniss der von Herrn Jos. Mann beobachteten Toscanischen Microlepidoptera. — Entomologische Zeitung 11: (2) 59-64, (4) 134-136, (5) 139-162, (6) 195-212. Stettin.

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Tricksereien bei den Nicotinoiden

Hier geht es ausnahmsweise nicht um Schmetterlinge, eher um Realsatire zum Thema Insektensterben. Das Bundesamt für Verbraucherschutz (BVL) hat kurz vor Weihnachten eine Notzulassung für Neonicotinoide im Rübenanbau erteilt – auf Antrag des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen. Ein Meinungsbeitrag!

Der 14. Dezember 2020 war ein „good day to bury bad news“, wie die Engländer sagen. Ein guter Tag um schlechte Nachrichten zu verstecken. In diesem Fall geht es mal wieder um das Insektensterben. Wer geglaubt hatte, die Neonicotinoide, bekannt als Supergifte und mitverantwortlich für Bienensterben und Insektenrückgang, wären endgültig vom Markt, der hatte die Agrarlobby mal wieder unterschätzt.

Nikotin an sich ist schon ein sehr starkes Insektengift. Neonicotinoide sind künstlich hergestellte Nervengifte, sie wirken in unfassbar geringen Konzentrationen und werden nur sehr  langsam abgebaut. Mit Thiamethoxam gebeizte Rübensamen sind nach dem Auskeimen noch über lange Zeit so giftig, dass alle Blattläuse und auch andere Insekten, die sich an den wachsenden Rübenpflanzen vergehen, tot umfallen.

Zwar hatte das BVL den Einsatz von Thiamethoxam – Handelsnamen sind Cruiser 600 FS, Magna, Actara – im Herbst 2018 verboten. Gut zwei Jahre später, kurz vor den Weihnachtsfeiertagen 2020, erfolgte jedoch die „Notzulassung“ des gleichen, zuvor als als Supergift identifizierten Stoffs. Unter der Überschrift: „BVL ermöglicht Bekämpfung gravierender Viruserkrankung bei Rüben“ hat das Bundesamt die Zulassung zur Saatgutbehandlung von Zuckerrübensaatgut mit dem Mittel Cruiser 600 FS erneut erteilt.

Und zwar auf Antrag von Nordrhein-Westfalen, auf einer Fläche von 40.000 ha, in sogenannten „Hotspots“ in den westlichen Landesteilen (Anbaugebiete der Zuckerfabriken Euskirchen, Jülich und Appeldorn). Das Wort „Hotspot“ bezeichnet in diesem Fall mal ausnahmsweise nicht die Corona-Pandemie, sondern eine Viruserkrankung der Rüben, die von der Grünen Pfirsichblattlaus Myzus persicae übertragen wird. Blattlaus und nachfolgend Rübenvergilbungsviren treten vor allem in trockenen Frühjahren auf, wenn die Läuse sich flott vermehren.

Und mit der „Not“zulassung ist es so eine Sache. Zucker ist hochsubventioniert, die EU-Zahlungen an die Rübenbauer beliefen sich nach Angaben des Branchenverbands WVZ im Jahr 2019 auf 180 Millionen Euro. Der Zuckermarkt ist von Überkapazitäten und Preisverfall geprägt, seit im September 2017 die Europäische Zuckermarktordnung ausgelaufen ist. Garantiepreise wie früher sind passé, mit der Rübenzuckerindustrie geht es steil bergab. Deutscher Zucker kann in der Herstellung mit dem Weltmarktpreis nicht mithalten, z.B. Indien und Thailand produzieren erheblich billiger.

Das trifft auch für die Zuckerhersteller in Nordrhein-Westfalen zu. Im Raum Jülich-Euskirchen betrifft das hauptsächlich die Firma Pfeifer & Langen, deren Marken Diamant Zucker oder Kölner Zucker jedes Kind kennt. Auf deren „natürliche Süße mit hohem Sympathiewert“  würden allerdings viele Menschen gerne  verzichten, wenn sie mit Hilfe von Neonicotinoiden erzeugt wird. Wie die Firmen nachhelfen, wenn die Umsätze zu niedrig sind, kann man in der Börsenzeitung von 2014 nachlesen: Die gesamte Branche ist anrüchig, beziehungsweise der Gaunerei im großen Stil überführt: Im Februar 2014 waren gegen Südzucker, Nordzucker und Pfeifer & Langen Bußgelder in Höhe von insgesamt 280 Millionen Euro verhängt worden, wegen illegaler Preisabsprachen.

Aber leider hat Nordrhein-Westfalen lange Erfahrung mit dem Erhalt sterbender Industrien, selbst  wenn das Artensterben munter weitergeht oder die Klimakrise verschärft wird: Stein- und Braunkohlebergbau lassen grüßen. Statt den Bauern vernünftige Alternativen anzubieten oder den Ertragsausfall je nach Schaden auszugleichen, greift NRW lieber zur Keule und läßt auf 400 Quadratkilometern Neonicotinoide im Rübenbau zu.

Der Ball wird über mehrere Ecken gespielt und liegt am Ende im Feld der Bundeslandwirtschaftsministerin. Und die ehemalige Weinkönigin Julia Klöckner, in Lobbyismus für Lebensmittelkonzerne erfahren, erkennt natürlich die Gunst der Stunde: Zehn Tage vor Weihnachten, im Corona-Lockdown, wenn alle nur über Ausgangssperren und Impfen reden, wird das Supergift vom BVL per Verordnung zugelassen. A good day to bury bad news!

In der BVL-Verordnung vom 14.12.2020 findet sich noch der  Satz „Ein anbaubegleitendes Monitoring zur Beobachtung möglicher Umwelteffekte ist durchzuführen“. Wer sich ein wenig mit der Materie auskennt, der weiß, dass es sich dabei um reine Augenwischerei ohne wissenschaftliche Aussagekraft handelt. Studien zur Auswirkung von Giften bei Insekten sind extrem komplex, oder wissenschaftlich wertlos. Anbaubegleitend heißt im Zweifelfall, dass man hinterher schlauer sein wird, oder auch einfach nur „dumm gelaufen„!

Sechs Wochen zuvor hatte übrigens der Entomologe Martin Sorg vom Bundespräsidenten den Ehrenpreis der Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) verliehen bekommen, für die sogenannte „Krefelder Studie“, die den dramatischen Rückgang der Insekten-Biomasse auch in Schutzgebieten belegt hat.

Kaum war der Applaus verschollen, holt die Agrarlobby zum Gegenschlag aus. Glaubwürdige umweltschonende Politik sieht anders aus, liebe Landes- und Bundespolitiker!

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Das Silvester-Motten-Menü

Schwarzgefleckte Wintereule – Conistra rubiginosa, Haan, 23. Dezember 2020 (Foto: Dahl)

Warum immer nur Meisen, Finken und Kleiber füttern? Überwinternde Eulenfalter haben zur Zeit Hochkonjunktur, sie können mit einfachen Mitteln auch mitten im Winter beobachtet und gefördert werden.

Winterzeit ist Schmökerzeit! Dass wir im Jahr der Corona-Pandemie am besten zu Hause bleiben und niemanden besuchen sollen, um uns und andere nicht zu gefährden, kommt jetzt am Jahreswechsel 2020/2021 der Forschung zugute. Der digital verfügbare Literaturbestand wächst rasch und zur Vorbereitung der Saison 2021 bleibt Zeit zum ausgiebigen stöbern im Web. Nebenher werden weiter Daten aufgearbeitet, und die Eulenfalter gefüttert. Winterzeit ist auch Köderzeit!

Aber der Reihe nach: Erst mal ein Zitat aus längst vergangenen Tagen, gefunden in der österreichischen Datenbank zobodat.at, in der auch die älteren Melanargia-Artikel und vieles mehr zu finden sind:

Volle Schnur vor Weihnachten: Armin Radtke bei der Köder-Kontrolle, Haan, Spörkelnbruch, 20. Dezember 2020

„Es war gerade die Zeit, wo in den Hainbuchen (Carpinus betulus) der Saft stark cirkulirt und aus den Namenszügen und blutenden Herzen, welche hier und dort von schwärmerischen Spaziergängern in die Rinde dieser Stämme eingeschnitten
waren,in ziemlicher Menge Saft hervorquoll. An diesen Stellen traf ich denn jedesmal schon bald nach eingetretener Dämmerung, einzelne Noctuen, welche den Saft einsogen nämlich folgende Arten: Cerastis satellitia L. und vaccinii L., überwinterte, aber theilweise noch reine Exemplare, Orthosia stabilis Brkh. und instabilis WV., ferner mehrere Exemplare von Xylina rhizolitha Fabr.
Das Fliessen des Saftes hörte jedoch nach wenigen Tagen auf und ich kam auf den Gedanken denselben durch eine Syruplösung zu ersetzen. Ich strich demgemäss am nächsten Abend mit einem grossen Pinsel die Stämme der Reihe nach an und — in der That — ich hatte nicht fehlgegriffen; Nach einer Viertelstunde sass schon da und dort einer der erwähnten Schmetterlinge an den angestrichenen Bäumen. Sie saugten den Saft so begierig ein, dass sie sich ganz geduldig mit der Nadel aufstechen liessen.“

Was der in Stuttgart lebende Dr. Julius Hoffmann hier aus dem Frühjahr 1858 beschreibt, hat 160 Jahre später nichts an Aktualität verloren. Die Liebespaare laufen heute zwar nur noch selten mit dem Messer im Wald herum und schnitzen Herzen in die Bäume. Und dass sich Eulenfalter am Köder mit den damals üblichen Nikotinnadeln aufspießen ließen, das macht sich in einem Vortrag sicher gut, heute nimmt man besser die Digitalkamera mit.

Und natürlich fliegen heutzutage die Wintereulen bei jedem frostfreien Wetter, der Klimawandel lässt grüßen. Zu Hoffmanns Zeiten endete gerade die als „Kleine Eiszeit“ beschriebene Kaltphase, bis Mitte des 19. Jahrhunderts wuchsen die Alpengletscher noch einmal stark an, und die Winter waren entsprechend hart und lang.

Aber der Hasenbergwald westlich von Stuttgart samt historischem Brunnen ist noch da, was am Rande der raumgreifenden Großstadt keineswegs selbstverständlich ist. Das beschriebene Artenspektrum ist in weiten Teilen auch sicher noch vorhanden, auch wenn sich die wissenschaftlichen Namen der Arten geändert haben. In der kurzen Liste fehlt von Hoffmann fehlt auch die Rotkopf-Wintereule Conistra erythrocephala nicht, für die aus Baden-Württemberg merkwürdige Arealfluktuationen beschrieben sind (STEINER, 1997: 477). Einzig die von Hoffmann genannte Safran-Wintereule Hoporina croceago [heute Jodia croceago] ist heute großräumig verschwunden und gilt in Deutschland als „vom Aussterben bedroht“.

Nach diesem Ausflug in schwäbische Wälder zurück zur Winterfütterung: Wer im Garten Futterhäuschen für die angeblich leidenden Vögel aufhängt, der kann genauso gut auch etwas für die Falter tun, und muss nicht bis zum Saftfluss der Bäume im Frühjahr warten. Man (oder Frau!) kann eigentlich jederzeit – auch rund um Weihnachten –  die einheimischen Falter unterstützen. Hier mein privates Hausrezept, für das Motten-Wintermenü:

Jutestreifen rheinische Art mit Christkindl-Geschmack
Man nehme:

  • 5 Meter Jute-Wickelstreifen, Breite 15 cm
  • 5 Stücke dickeren grünen Zaundraht, ca 20 cm
  • 1 Liter vom billigsten Roten Glühwein
  • 250g Zucker
  • 1 größere leere Flasche zum Mischen
  • eine kleine Plastiktüte / Gefrierbeutel
  • 1 Clipverschluss
  • 1 Sprühflasche aus dem Gartenmarkt

Das Juteband (gibts im Baumarkt oder >> hier) in meterlange Stücke schneiden, die beiden Enden mit einem Knoten sichern.
Aus dem Draht pro Schnur einen Haken zum Aufhängen biegen, der jeweils durch den oberen Knoten gezogen wird. (wer keinen Zaundraht hat: zur Not kann man einen billigen Draht-Kleiderbügel in Teile zerlegen)
Den Glühwein mit Zucker mischen und komplett auflösen.
Juteschnüre samt Haken in eine Plastiktüte geben und ordentlich Glühwein-Zucker draufgeben, einweichen lassen. Achtung: Geklecker!

Die Jute saugt den Wein auf, die Streifen werden danach im Garten oder am Waldrand in Augenhöhe an den Drahtbügeln aufgehängt. Das intensive Jute-Aroma mischt sich mit dem Rotwein zu einer intensiven Geruchsbombe, die hungrige Falter bei frostfreiem Wetter magisch anzieht. Die Knoten verhindern, dass das Band zu arg im Wind flattert, dort hält sich auch die Feuchtigkeit am längsten. Der Drahtbügel wir um dünne Äste gebogen, gegen starken Wind.
Der Rest der Glühwein-Mischung kommt in die Sprühflasche und dient zum abendlichen „Nachladen“ der Köderschnüre. Alles zusammen sind die Zutaten für unter 20 Euro zu haben. So ein Satz Köderstreifen wird mit der Zeit immer „besser“ und kann viele Monate lang benutzt werden.

Rotkopf-Wintereule – Conistra erythrocephala,Haan, 18. Dezember 2020 (Foto: Armin Dahl)

Kontrolliert wird am Abend wenn es richtig dunkel ist, und zwar bei jedem Wetter! Regen macht den einheimischen Eulenfaltern nichts aus, ebenso wenig wie Wind! Bei Temperaturen unter Null und Schnee muss man nicht rausgehen, aber das ist bei den warmen Wintern in der Klimakrise derzeit nur selten der Fall. Wer´s nicht glauben will, der muss es nur selbst ausprobieren oder in eine der öffentlichen Datenbanken schauen.

In meinem Hausgarten, mit Hecke rundherum und ein paar Obstbäumen, kommen an guten Tagen schon mal mehrere hundert Falter am Köder zusammen. Die Kontrolle ist jeden Tag in ca. fünf Minuten erledigt, und man erhält einen schönen Eindruck über den Verlauf der Jahreszeiten. Denn das alles klappt natürlich auch im Herbst und Frühjahr, und. Das ganze Phänomen mit den Wintereulen am Köder ist übrigens keine neue Erfindung, und von Armin Radtke (siehe Foto oben!) schon vor vielen Jahren in der Melanargia (Heft 6 (4) beschrieben worden.

Wer einmal Wintereulen aufziehen will: Die Paarung von Conistra, Eupsilia und Jodia-Arten erfolgt erst nach der Überwinterung, die Eier werden im zeitigen Frühjahr an die entsprechenden Gehölze (oder ins Zuchtgefäß) abgelegt.

Soweit für dieses Jahr, in den vergangenen Tagen sind ist der Datenbestand des Vereins um etliche tausend Datenzeilen vermehrt worden. Dank dafür an alle Beobachter und Melder. Ich hoffe, alle Vereinsmitglieder bleiben gesund, und wir sehen uns im kommenden Jahr 2021 in alter Frische!


An dieser Stelle noch ein Hinweis: Spenden an den Verein können natürlich von der Steuer abgesetzt werden, bis € 200,- auch ohne Spendenbescheinigung.
Kontodaten:
IBAN DE09 3205 0000 0049 0067 11
BIC SPKRDE33

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Insektenschwund – Was macht Deutschland so speziell?

Buchen-Mischwald bei Grevenbroich

Abb. 1: Wenn die Wälder so aussehen, können wir Satyrium ilicis selbstverständlich vergessen. Eichen-Buchen-Mischwald bei Grevenbroich am 1. Juni 2020. Foto: A. Kaltenberg.

Spätestens seit 2017 wissen es alle: Wir haben im letzten Vierteljahrhundert Dreiviertel unserer Insekten verloren, und das in Schutzgebieten [1].

Man braucht die Windschutzscheibe nicht mehr zu reinigen, und kann an warmen Sommerabenden ungehemmt die Fenster der hell erleuchteten Zimmer offenlassen. Aber auch sonst fällt es jedem aufmerksamen Spaziergänger auf: Über die Feldwege rennen keine Laufkäfer mehr. Pterostichus und Amara sind weg.

Aber wie weit lässt sich dieses erschreckende Geschehen verallgemeinern? Betrifft es alle Insektengruppen? Auch die Wespen? Verschwinden die Insekten gleichermaßen auf Feld, Wiese und Wald, am Land und im Wasser? Ist die ganze Welt vom Insektenrückgang betroffen?

Hierzu erschienen in den letzten beiden Jahren mehrere aufschlussreiche Artikel, und das sogar in „Nature“ und „Science“. Die Aussage verblüfft schon etwas: Der Insektenschwund ist offenbar nirgends so drastisch wie in Deutschland. Waren wir nicht immer der Meinung, dass die Amerikaner oder die Asiaten in Feld und Garten noch mehr Gifte einsetzen als wir in Deutschland?

„Nature ecology & evolution“ berichtet in 2020 von der Erfassung hunderter von Arten aus den meisten herkömmlichen Insektenordnungen in 68 verschiedenen naturnahen und gemanagted Habitaten in den U.S.A. über einen Zeitraum von 4 – 36 Jahren bis 2019 [2]. Selbstverständlich fanden die Autoren bei den verschiedenen Taxa und an den verschiedenen Orten Schwankungen in den Artenzahlen und Individuenmengen. Aber die Netto-Bilanz der Biodiversität und Abundanz der Insekten in den letzten Jahrzehnten lag bei null. In den U.S.A. konnte kein generelles „Insektensterben“ nachgewiesen werden. Die Gewinner haben die Verlierer ausgeglichen. Das überrascht.

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Brauner Bär ist Schmetterling des Jahres 2021 – Lichtverschmutzung gefährdet die Art

Die BUND NRW Naturschutzstiftung und die Arbeitsgemeinschaft Rheinisch-Westfälischer Lepidopterologen e.V. haben den Braunen Bär (Arctia caja) zum Schmetterling des Jahres 2021 gekürt. Sie weisen mit der Wahl des Nachtfalters auf die negativen Folgen von Lebensraumverschlechterung und künstlicher Beleuchtung hin. Die Art gilt als Bioindikator für naturnahe Lebensräume. 

Brauner Bär – Schmetterling des Jahres 2020 (Fotos: Tim Laußmann)

Der Braue Bär ist mit bis zu 65 Millimetern Spannweite einer der größeren Nachtfalter in Deutschland und kommt in den gemäßigten Zonen Europas, Asiens und Nordamerikas vor. Zu seinen Lebensräumen zählen lichte Wälder, Gebüsche, Wiesen und Heiden, aber auch naturnahe Gärten.

Die Vorderflügel sind dunkelbraun gefärbt mit einem großmaschigen weißen Muster. Mit zusammengelegten Vorderflügeln sind die Falter im Gewirr von Ästen mit Licht und Schatten hervorragend getarnt, während sie tagsüber rasten. Die Hinterflügel sind dagegen leuchtend rot mit runden blauschwarz gefärbten Punkten.

(Foto: Tim Laußmann)

Durch blitzschnelles Öffnen der Vorderflügel zeigt der Falter bei Gefahr diese roten Hinterflügel und kann Vögel erschrecken und selbst entkommen. Die auffälligen Hinterflügel warnen zugleich vor der Ungenießbarkeit des Schmetterlings, denn die Körperflüssigkeit der Falter enthält giftige Stoffe.

Die Schmetterlinge fliegen im Hochsommer und nehmen keine Nahrung auf. Sie leben daher nur für kurze Zeit. Die Raupen sind in der Lage, sich von vielen unterschiedlichen Pflanzen zu ernähren und überwintern am Boden. Die Art hat ihren Namen von der dichten, bräunlichen „bärenartigen“ Behaarung der älteren Raupen.

Der Braune Bär ist bundesweit rückläufig und steht auf der Vorwarnliste der bedrohten Tiere. Neben der Intensivierung der Landwirtschaft, dem Wegfall von Hecken und Feldgehölzen in der Landschaft und dem Flächenverbrauch ist die Lichtverschmutzung eine der Ursachen für den Rückgang der Art.

Jochen Behrmann von der BUND NRW Naturschutzstiftung: „Die Braunen Bären werden von nächtlichen Lichtquellen angelockt und flattern dann orientierungslos bis zur Erschöpfung um sie herum. Neben den direkten Verlusten geht den Insekten so wertvolle Energie und Zeit für Partnersuche und Fortpflanzung verloren, und Fressfeinde wie Fledermäuse haben ein leichtes Spiel.“

Wie die meisten nachtaktiven Insekten kann sich der Braune Bär bei schwachem Mond- oder Sternenlicht gut orientieren. Dagegen lockt speziell das grelle blaue Licht von den Hochdruck-Quecksilberdampflampen der Straßen- und Industriebeleuchtung die Tiere stark an. Diese Lampen sollten daher zeitweise ausgeschaltet oder durch Natriumdampflampen und moderne sparsame LED ersetzt werden, die wenig oder gar kein blaues Licht abstrahlen.


Steckbrief des Braunen Bären – Arctia caja (LINNAEUS, 1758)

Systematik: Der Braune Bär Arctia caja ist ein Nachtfalter aus der Familie der Erebidae. Diese besteht aus einigen Unterfamilien, darunter der Unterfamilie der Arctiinae, der Bärenspinner, kurz Bären. Die Bezeichnung „Bär“ erklärt sich mit Blick auf ihre stark behaarten Raupen. Wenn Bärenraupen gestört werden, weisen einige Arten eine tapsige, an die Bären erinnernde Fortbewegungsweise auf. Auch die Gattungsbezeichnung Arctia geht auf das griechische Wort arktos für Bär zurück.

Lebensraum: Ökologische Vielfalt ist eine Hauptanforderung des Braunen Bären an seinen Lebensraum, er bevorzugt dabei strukturreiche, feuchte und kühle Habitate: im Wald etwa Wege und Schneisen, Binnen- und Außensäume, Lichtungen und Kahlschläge, feuchte Waldwiesen. Doch auch das gebüschreiche Offenland wird bewohnt, etwa extensiv bewirtschaftete, gern feuchtere Wiesen, auch Moore, Magerrasen bis hin zu Dämmen, Ufern, Böschungen, sogar Kiesgruben und naturnahe Gärten.

Dichter Bärenpelz hält Feinde ab: Raupe von Arctia caja (Foto: T. Laußmann)

Nahrung der Raupen: Die Raupen ernähren sich von unterschiedlichen Pflanzen, von Kräutern und Stauden bis zu Laubgehölzen. So wurden Raupen beispielsweise an Ampfer-Arten gefunden, an Löwenzahn und Brennesseln sowie an Mädesüß. Bei den Sträuchern sind Himbeeren und Brombeeren ebenso vertreten wie Weiden und Eichen sowie Eschen und noch viele weitere Pflanzenarten.

Beschreibung Imagines: Die Falter zählen mit einer Flügelspannweite von bis zu 65 Millimetern zu den größeren Nachtfaltern in Deutschland. Die Oberseite der Vorderflügel ist dunkelbraun mit einem großmaschigen weißen Muster. Die Hinterflügel dagegen sind leuchtend rot mit runden, blauschwarz gefärbten Punkten. Mit zusammengelegten, braun-weißen Vorderflügeln sind die Falter im Gewirr von Ästen mit Licht und Schatten hervorragend getarnt, wenn sie tagsüber etwa an Baumstämmen rasten. Durch blitzschnelles Öffnen der Vorderflügel zeigen die Falter die roten Hinterflügel mit den dunklen „Augen“ und können so Fressfeinde wie Vögel erschrecken und selbst entkommen, aber auch an ihre Ungenießbarkeit erinnern, denn die Körperflüssigkeit der Falter enthält giftige Stoffe.

Nahrung der Imagines: Die Saugrüssel der Falter sind zurückgebildet, sie können keinen Nektar saugen.

Generationen: Der Braune Bär bildet eine Faltergeneration im Jahr mit Hauptflugzeit im Juli und August aus.

Arctia caja (LINNAEUS, 1758) Brauner Bär , Eigelege (Foto: Tim Laußmann)

Puppe des Branen Bären (Foto: Tim Laußmann)

Lebenszyklus: Die Weibchen legen die Eier auf der Unterseite von Blättern ab, und zwar in kleineren oder größeren einlagigen sogenannten Eispiegeln, die mehrere hundert Eier umfassen können. Die Eier sind rund und sehen frisch gelegt cremeweiß aus, sie verfärben sich blaugrau, bevor die Raupen noch im Spätsommer schlüpfen. Die Raupen überwintern und können daher sowohl im Herbst als auch im Frühjahr bis etwa Juni gefunden werden. Schon die Ei- und Jungräupchen sind haarig und bilden ihren „Bärenpelz“ mit jeder Häutung besser aus. Die pelzigen, bis 6 cm langen erwachsenen Raupen werden im Frühsommer häufiger beobachtet als später die nachtaktiven Falter, wandern sie doch bei ihrer Suche nach Verpuppungsplatzen gern auch bei Tag über Straßen und Wege. Die Verpuppung erfolgt in einem Gespinst in Bodennähe.

Gefährdungsursachen: Wie bei vielen Insekten gibt es nicht die eine Gefährdungsursache. Es handelt sich um ein multifaktorielles Geschehen: Neben den direkten Verlusten durch Fressfeinde und Schwächungen geht den Insekten durch das erschöpfende Flattern um nächtliche Lichtquellen wertvolle Zeit für Partnersuche und Vermehrung verloren. Aber auch der Wegfall von Öd- und Unland, das Verschwinden Hecken und Feldgehölzen, dunkle und monotone Wälder als Ergebnis forstwirtschaftlicher Nutzung, Intensivierung der Landwirtschaft mit Dünger- und Pestizideisatz, intensive „Pflege“ von Straßen- und Wegrändern nebst Böschungen und Gräben, Zersiedlung der Landschaft und Verkehrsbelastung sind zu nennen. Neben der Zerstörung von Lebensraum und der Verschlechterung der Habitatqualität werden die verbleibenden „guten“ Flächen immer kleiner und liegen immer weiter auseinander, was die Isolation von Populationen begünstigen und Wiederbesiedlungen erschweren kann. Der Braune Bär gilt als Bioindikator für naturnahe Lebensgemeinschaften und als Kulturflüchter. Er reagiert empfindlich auf Störquellen.

Verbreitung: Der Brauen Bär ist eine Art kühl-gemäßigter Zonen auf der Nordhalbkugel und dort in Europa von der Iberischen Halbinsel über West- und Mitteleuropa bis nach Ostasien, aber auch in Nordamerika verbreitet.

Gefährdung / Rote Liste: In Deutschland insgesamt (Rote Liste 2011) ist es eine Art der Vorwarnliste, die Einstufung dieser Art gilt jedoch als schwierig. Die Bestände dieses ehemals sehr häufigen und bekannten, auffälligen Falters sind bundesweit rückläufig, auch wenn er in allen Bundesländern vorkommt. Unklar ist, warum diese früher fast allgegenwärtige und als Raupe an vielen Pflanzenarten lebende Art in den letzten 10–15 Jahren vielerorts selten gefunden wird oder ganz verschwunden ist.

Eigene Funde melden: Beobachtungen, Fotos und Verbreitung des Braunen Bären können auf der Webseite www.observation.org eingesehen werden – dort können auch eigene Beobachtungen gemeldet werden, nicht nur solche des Braunen Bären. Die Identify-Funktion von observation hilft Ihnen zu erkennen, ob Ihre Bestimmung richtig war.

Schmetterlingsfans in Zeiten von Corona: Sie suchen eine Mundschutzmaske mit Bärenmotiv? Wir haben einige Entwürfe für Sie zusammengestellt.  Hier können Sie entsprechende Bilder downloaden und ihre Masken selbst gestalten.

Lichtverschmutzung erkennen und vermeiden: Ein aktueller Leitfaden zur Neugestaltung und Umrüstung von Außenbeleuchtungsanlagen findet sich hier.


Die BUND NRW Naturschutzstiftung und die Arbeitsgemeinschaft Rheinisch-Westfälischer Lepidopterologen e.V. küren seit 2003 den Schmetterling des Jahres, um auf die Bedeutung und Bedrohung der Arten aufmerksam zu machen. Zur BUND NRW Naturschutzstiftung: Schmetterling des Jahres

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