„Weinschwärmer“ an der Moselloreley

Die Mittelmosel-Exkursion der Arbeitsgemeinschaft fand rund um den „Tag der lebendigen Moselweinberge“ am 20./21./22. Mai 2017 statt. Das Wetter spielte ein wenig verrückt, aber das tat dem Erfolg der Exkursion keinen Abbruch.

Eifel, Mosel, Hunsrück: Blick über die Moselloreley im Februar 2017 (Foto: Armin Dahl)

Langfristig geplante Lichtfang-Exkursionen haben ihre Tücken, ein guter Teil der Termine fällt sprichwörtlich ins Wasser, besonders ärgerlich ist das bei weiter Anfahrt der Teilnehmer. Auch der Startschuss zum ersten Lichtfang an der Moselschleife Piesport / Minheim am Freitag (19. Mai) ging in einem starken Regenschauer unter, gefolgt von aufklarendem Himmel und Temperaturabfall. Mangels Anflug an die Leuchttürme im Piesporter „Falkenberg“ verlegten sich die acht unerschrockenen Teilnehmer des Lichtfangs auf das Absuchen der Vegetation mit der Taschenlampe, und siehe da: Raupen fanden sich in Menge, das Artenspektrum war interessant, und am Ende eines feucht-kühlen Maiabends standen doch immerhin knapp 40 Schmetterlingsarten auf dem Protokoll.
Der Samstag startete dann mit Nebel im Tal, der rasch in einen strahlend schönen Frühsommertag überging. Vom Treffpunkt auf dem Sattel bei der „Moselloreley“ zwischen den Weindörfern Piesport, Minheim und Wintrich ging es in fünfstündigem Exkursions-Schleichgang an der Oberkante des imposanten, 85 Meter senkrecht zur Mosel abfallenden Schieferfelsens entlang, durch Weinberge, Brachen und kleine Streuobstwiesen. Offenbar waren zahlreiche Falter während des Wetterumschwungs frisch geschlüpft, die Temperaturen moderat, so dass sich den Fotografen reichlich Motive boten. Die Liste der beobachteten Arten erschien mit knapp 60 Formen schon einigermaßen zufrieden stellend, darunter fanden sich auch sehr selten gemeldete Formen wie der Große Sackträger Canephora hirsuta (PODA, 1761). Äußerst erfreulich waren während der gesamten Exkursion die hohen Individuenzahlen vom Mauerfuchs Lasiommata megera (LINNAEUS, 1767), der auch überall in den – meist wechselzeilig begrünten – Rebflächen flog.

Über die Region
Nach Jahren der Nutzungsaufgabe und Stilllegung existieren überall an der Mittelmosel ausgedehnte Brachflächen an den Oberhängen, die verschiedenen Pionierwaldstadien sind durch die sehr zahlreichen Wirtschaftswege gut zu erreichen. Die Moselloreley selbst ist allerdings sehr unzugänglich: In der etwa eine Kilometer langen Felswand gibt es nur wenige Stellen an denen man direkt an den senkrecht abfallenden Felsen herankommt.

Die Piesport-Minheimer Moselschleife mit den im Text erwähnten Fundstellen. Quelle: OpenTopoMap

Die Mittelmosel ist keine „Terrassenmosel“ mit einer Vielzahl von Weinbergsmauern und Felsen, die meisten Weinberge sind flurbereinigt und nicht so klein parzelliert wie die spektakuläre Untermosel abwärts von Zell. Die Anbaufläche ist dafür aber umso größer: Piesport ist mit über vier Quadratkilometern Rebfläche die größte Weinbaugemeinde an der Mosel, Minheim wirbt als „Sonneninsel“ für seine 1,6 Quadratkilometer Reben, Wintrich mit seiner Weinlage „Großer Herrgott“ hat einen weiteren Quadratkilometer Wingerte und liegt in Sichtweite.

Klimatisch profitiert die gesamte Region vom Regenschatten der Eifel und dem „Eifelföhn“, und die Mosel verdunstet eine Menge Wasser. Die Folge ist ein fast mediterranes Klima mit schwülwarmen Sommertagen: Beste Bedingungen für eine reiche Schmetterlingsfauna.
Aus Entomologensicht war die Region bisher allerdings „terra incognita“, vor dem Start der Exkursionsplanung im Winter 2016/17 standen gerade mal 15 Arten aus dem Messtischblatt 6107 Neumagen-Dhron in der Landesdatenbank. Lokalfaunen aus diesem Moselabschnitt existieren keine, umfangreichere Aufsammlungen in der weiteren Umgebung stammen aus dem Raum Traben-Trarbach (Ari Walter Kampf, Max Cretschmar, um 1943-44), sowie von Walter Schmidt, der ab den 60 Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine größere Sammlung im Raum Wittlich aufbaute.

Schmetterlinge als Schädlinge im Weinbau sind momentan in der Region kaum ein Thema: Die Traubenwickler spielen durch massenhaften Pheromoneinsatz aktuell keine Rolle, schlimmstenfalls wird vereinzelt von Knospenfraß durch den Rhombenspanner Peribatodes rhomboidaria ([DENIS & SCHIFFERMÜLLER], 1775) berichtet. Regelrechten Schaden macht dagegen der Buchsbaumzünsler Cydalima perspectalis (WALKER, 1859), der seit 2016 in der Region marodiert und die herausgeputzten, von Buchs-Kugeln nur so strotzenden Gärten in den Dörfern schon heftig gerupft hat.

Die Bevölkerung lebt mit und von den intensiv betriebenen Weinbergslagen mit ihrem extremen Fungizid- und Düngereinsatz, der allerdings seinen Höhepunkt überschritten hat: Bemerkenswert oft (der Autor dieser Zeilen stammt auch aus einem Mosel-Weinörtchen) während des Exkursions-Wochenendes wurde von Einheimischen auf halbwegs ökologische Anbauformen wie Bodenbegrünung mit Blühmischungen, Verzicht auf Herbizide und Ähnliches hingewiesen. Mauerfuchs und Konsorten werden sich darüber freuen!

Lichtfang in unbekanntem Gelände
Ohne genaue Ortskenntnisse ist beim Leuchtabend immer ein wenig Glück nötig, und das fehlte am Abend des 21. Mai auf der Moselloreley: Die ausgesuchte Stelle zwischen Moselloreley und der so genannten Monzellay erwies sich als ausgesprochen schlechter Platz! Die als „Weinschwärmer-Exkursion“ angekündigte Veranstaltung war von einer lauen Mainacht weit entfernt und verlangte eher nach Mütze und Handschuhen. Der leichte Westwind schob die Kaltluft aus dem Tal hoch, bei klarem Himmel kühlte alles rasch aus, nach Mitternacht ging die Temperatur auf 8°C herunter.
Immerhin ein Leuchtturm lieferte so etwas wie „Anflug“, so dass die etwa 10 angereisten Gäste zumindest eine der moseltypischen Arten zu Gesicht bekamen: Der Nachtkerzenschwärmer Proserpinus proserpina (PALLAS, 1772) kam in vier Exemplaren ans Licht und wurde ausreichend gewürdigt. Die Laune der Experten hielt sich jedoch in engen Grenzen, mit etwa 40 Arten am Licht (inklusive Kleinschmetterlinge) kann man den Leuchtabend an der Moselloreley getrost als „lausig“ bezeichnen. Erst nach Mitternacht kam ein wenig Begeisterung auf, als an einer der Lichtanlagen eine der „Zielarten“ der Exkursion auftauchte: Epatolmis luctifera ([DENIS & SCHIFFERMÜLLER], 1775), der so genannte „Kaiserbär“, der an der Mittelmosel ein Reliktvorkommen hat.

Exkursion auf dem „Kastanienweg“
Der Sonntag entwickelt sich wettertechnisch weitaus besser als die Vortage. Die Exkursionsteilnehmer nutzten die geografischen Gegebenheiten zur weiteren Erkundung des Gebiets, besuchten unter anderem die riesige, toll blühenden Magerwiese rund um den Segelflugplatz in Neumagen-Drohn, wo zahlreich frisch geschlüpfte Zygaenen zu bewundern waren (Adscita statices und Zygaena filipendulae).

Der größere Teil der Mitglieder wanderte auf Gemarkung Minheim entlang des ostexponierten „Kastanienwegs“, der sich auf halber Hanghöhe von der Moselloreley zum Örtchen Kesten (Name!) hinzieht. Auch hier gab es etliche schöne Beobachtungen, zum Beispiel ein Raupennest vom Großen Fuchs (Nymphalis polychloros), Raupen vom Königskerzen-Mönch Cucullia verbasci (LINNAEUS, 1758) und vieles mehr.

Der windstille, warme Hang war dermaßen verlockend dass sich der Autor noch einen Tag Verlängerung erbat, um einen Leuchtabend dranzuhängen. Der hatte es dann auch wirklich in sich, drei Leuchttürme beförderten – trotz wiederum einstelliger Temperaturen – über 80 Großschmetterlingsarten ins Protokoll, zwei weitere Kaiserbären am Licht zeigten dass die Art im Gebiet nicht ganz so selten sein kann.

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Zusammenfassung und Ausblick
Ein knappes Dutzend Mitglieder der AG und eine Handvoll Gäste aus der Region nutzten die Gelegenheit, ein entomologisch bisher unterbelichtetes Gebiet an der Mittelmosel zwischen Trier und Bernkastel-Kues zu erkunden. Der Einsatz der Teilnehmer machte die vergleichsweise ungünstigen Wetterbedingungen vergessen, in den drei Tagen kam rund um das Weindorf Piesport eine Artenliste von über 180 Lepidopteren-Arten zusammen. Dabei ist die charakteristische Felsfauna der „Moselloreley“ noch nicht einmal angekratzt worden, ebenso wenig ist über die Sommer- und Herbstfauna bekannt. Hier besteht noch erheblicher Forschungsbedarf, in der kommenden Jahren können wir mit besserer Ortskenntnis und ein wenig Wetterglück noch einiges erwarten.

Danksagung
Vielen Dank an Theo Haart und Elmar Kohl für den freundlichen Empfang, die einführende Rundtour durchs Gebiet und die Überlassung von Funddaten zu Arctia villica, Hyles gallii und anderen Arten, sowie an Günter Swoboda für die Altdaten von E. luctifera.

Artenliste der Mittelmosel-Exkursion vom 19.-22. Mai 2017

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