Das Silvester-Motten-Menü

Schwarzgefleckte Wintereule – Conistra rubiginosa, Haan, 23. Dezember 2020 (Foto: Dahl)

Warum immer nur Meisen, Finken und Kleiber füttern? Überwinternde Eulenfalter haben zur Zeit Hochkonjunktur, sie können mit einfachen Mitteln auch mitten im Winter beobachtet und gefördert werden.

Winterzeit ist Schmökerzeit! Dass wir im Jahr der Corona-Pandemie am besten zu Hause bleiben und niemanden besuchen sollen, um uns und andere nicht zu gefährden, kommt jetzt am Jahreswechsel 2020/2021 der Forschung zugute. Der digital verfügbare Literaturbestand wächst rasch und zur Vorbereitung der Saison 2021 bleibt Zeit zum ausgiebigen stöbern im Web. Nebenher werden weiter Daten aufgearbeitet, und die Eulenfalter gefüttert. Winterzeit ist auch Köderzeit!

Aber der Reihe nach: Erst mal ein Zitat aus längst vergangenen Tagen, gefunden in der österreichischen Datenbank zobodat.at, in der auch die älteren Melanargia-Artikel und vieles mehr zu finden sind:

Volle Schnur vor Weihnachten: Armin Radtke bei der Köder-Kontrolle, Haan, Spörkelnbruch, 20. Dezember 2020

„Es war gerade die Zeit, wo in den Hainbuchen (Carpinus betulus) der Saft stark cirkulirt und aus den Namenszügen und blutenden Herzen, welche hier und dort von schwärmerischen Spaziergängern in die Rinde dieser Stämme eingeschnitten
waren,in ziemlicher Menge Saft hervorquoll. An diesen Stellen traf ich denn jedesmal schon bald nach eingetretener Dämmerung, einzelne Noctuen, welche den Saft einsogen nämlich folgende Arten: Cerastis satellitia L. und vaccinii L., überwinterte, aber theilweise noch reine Exemplare, Orthosia stabilis Brkh. und instabilis WV., ferner mehrere Exemplare von Xylina rhizolitha Fabr.
Das Fliessen des Saftes hörte jedoch nach wenigen Tagen auf und ich kam auf den Gedanken denselben durch eine Syruplösung zu ersetzen. Ich strich demgemäss am nächsten Abend mit einem grossen Pinsel die Stämme der Reihe nach an und — in der That — ich hatte nicht fehlgegriffen; Nach einer Viertelstunde sass schon da und dort einer der erwähnten Schmetterlinge an den angestrichenen Bäumen. Sie saugten den Saft so begierig ein, dass sie sich ganz geduldig mit der Nadel aufstechen liessen.“

Was der in Stuttgart lebende Dr. Julius Hoffmann hier aus dem Frühjahr 1858 beschreibt, hat 160 Jahre später nichts an Aktualität verloren. Die Liebespaare laufen heute zwar nur noch selten mit dem Messer im Wald herum und schnitzen Herzen in die Bäume. Und dass sich Eulenfalter am Köder mit den damals üblichen Nikotinnadeln aufspießen ließen, das macht sich in einem Vortrag sicher gut, heute nimmt man besser die Digitalkamera mit.

Und natürlich fliegen heutzutage die Wintereulen bei jedem frostfreien Wetter, der Klimawandel lässt grüßen. Zu Hoffmanns Zeiten endete gerade die als „Kleine Eiszeit“ beschriebene Kaltphase, bis Mitte des 19. Jahrhunderts wuchsen die Alpengletscher noch einmal stark an, und die Winter waren entsprechend hart und lang.

Aber der Hasenbergwald westlich von Stuttgart samt historischem Brunnen ist noch da, was am Rande der raumgreifenden Großstadt keineswegs selbstverständlich ist. Das beschriebene Artenspektrum ist in weiten Teilen auch sicher noch vorhanden, auch wenn sich die wissenschaftlichen Namen der Arten geändert haben. In der kurzen Liste fehlt von Hoffmann fehlt auch die Rotkopf-Wintereule Conistra erythrocephala nicht, für die aus Baden-Württemberg merkwürdige Arealfluktuationen beschrieben sind (STEINER, 1997: 477). Einzig die von Hoffmann genannte Safran-Wintereule Hoporina croceago [heute Jodia croceago] ist heute großräumig verschwunden und gilt in Deutschland als „vom Aussterben bedroht“.

Nach diesem Ausflug in schwäbische Wälder zurück zur Winterfütterung: Wer im Garten Futterhäuschen für die angeblich leidenden Vögel aufhängt, der kann genauso gut auch etwas für die Falter tun, und muss nicht bis zum Saftfluss der Bäume im Frühjahr warten. Man (oder Frau!) kann eigentlich jederzeit – auch rund um Weihnachten –  die einheimischen Falter unterstützen. Hier mein privates Hausrezept, für das Motten-Wintermenü:

Jutestreifen rheinische Art mit Christkindl-Geschmack
Man nehme:

  • 5 Meter Jute-Wickelstreifen, Breite 15 cm
  • 5 Stücke dickeren grünen Zaundraht, ca 20 cm
  • 1 Liter vom billigsten Roten Glühwein
  • 250g Zucker
  • 1 größere leere Flasche zum Mischen
  • eine kleine Plastiktüte / Gefrierbeutel
  • 1 Clipverschluss
  • 1 Sprühflasche aus dem Gartenmarkt

Das Juteband (gibts im Baumarkt oder >> hier) in meterlange Stücke schneiden, die beiden Enden mit einem Knoten sichern.
Aus dem Draht pro Schnur einen Haken zum Aufhängen biegen, der jeweils durch den oberen Knoten gezogen wird. (wer keinen Zaundraht hat: zur Not kann man einen billigen Draht-Kleiderbügel in Teile zerlegen)
Den Glühwein mit Zucker mischen und komplett auflösen.
Juteschnüre samt Haken in eine Plastiktüte geben und ordentlich Glühwein-Zucker draufgeben, einweichen lassen. Achtung: Geklecker!

Die Jute saugt den Wein auf, die Streifen werden danach im Garten oder am Waldrand in Augenhöhe an den Drahtbügeln aufgehängt. Das intensive Jute-Aroma mischt sich mit dem Rotwein zu einer intensiven Geruchsbombe, die hungrige Falter bei frostfreiem Wetter magisch anzieht. Die Knoten verhindern, dass das Band zu arg im Wind flattert, dort hält sich auch die Feuchtigkeit am längsten. Der Drahtbügel wir um dünne Äste gebogen, gegen starken Wind.
Der Rest der Glühwein-Mischung kommt in die Sprühflasche und dient zum abendlichen „Nachladen“ der Köderschnüre. Alles zusammen sind die Zutaten für unter 20 Euro zu haben. So ein Satz Köderstreifen wird mit der Zeit immer „besser“ und kann viele Monate lang benutzt werden.

Rotkopf-Wintereule – Conistra erythrocephala,Haan, 18. Dezember 2020 (Foto: Armin Dahl)

Kontrolliert wird am Abend wenn es richtig dunkel ist, und zwar bei jedem Wetter! Regen macht den einheimischen Eulenfaltern nichts aus, ebenso wenig wie Wind! Bei Temperaturen unter Null und Schnee muss man nicht rausgehen, aber das ist bei den warmen Wintern in der Klimakrise derzeit nur selten der Fall. Wer´s nicht glauben will, der muss es nur selbst ausprobieren oder in eine der öffentlichen Datenbanken schauen.

In meinem Hausgarten, mit Hecke rundherum und ein paar Obstbäumen, kommen an guten Tagen schon mal mehrere hundert Falter am Köder zusammen. Die Kontrolle ist jeden Tag in ca. fünf Minuten erledigt, und man erhält einen schönen Eindruck über den Verlauf der Jahreszeiten. Denn das alles klappt natürlich auch im Herbst und Frühjahr, und. Das ganze Phänomen mit den Wintereulen am Köder ist übrigens keine neue Erfindung, und von Armin Radtke (siehe Foto oben!) schon vor vielen Jahren in der Melanargia (Heft 6 (4) beschrieben worden.

Wer einmal Wintereulen aufziehen will: Die Paarung von Conistra, Eupsilia und Jodia-Arten erfolgt erst nach der Überwinterung, die Eier werden im zeitigen Frühjahr an die entsprechenden Gehölze (oder ins Zuchtgefäß) abgelegt.

Soweit für dieses Jahr, in den vergangenen Tagen sind ist der Datenbestand des Vereins um etliche tausend Datenzeilen vermehrt worden. Dank dafür an alle Beobachter und Melder. Ich hoffe, alle Vereinsmitglieder bleiben gesund, und wir sehen uns im kommenden Jahr 2021 in alter Frische!


An dieser Stelle noch ein Hinweis: Spenden an den Verein können natürlich von der Steuer abgesetzt werden, bis € 200,- auch ohne Spendenbescheinigung.
Kontodaten:
IBAN DE09 3205 0000 0049 0067 11
BIC SPKRDE33

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3 Antworten zu Das Silvester-Motten-Menü

  1. Susanne sagt:

    Hallo Armin,
    vielen Dank für den tollen Tipp. Nun hab ich gerade nichts passendes im Haus. Würde auch Fruchtsaft als Notlösung funktionieren? Hier in der Eulenvogelvoliere gibt es täglich Besuch von Eulen-Faltern.
    Ich wünschen allen Eulen (Schmetterlings- und Vogel) Freunden einen guten Rutsch und ein gesundes und hoffentlich wieder etwas normaleres Jahr 2021.
    Susanne

  2. Brigitte Schmälter sagt:

    Hallo Armin,

    sehr schön beschrieben! Heute ist bei uns eine einzelne treue Conistra rubiginosa wieder da – je nach Wetter und Frische der Köder kommen mehr und noch andere.

    Was das Schöne ist: da kommen tage- und wochenlang nur die „üblichen Verdächtigen“, aber ab und zu findet sich dann auch einmal eine Seltenheit ein!

    Noch ein paar Ergänzungen:
    Wäscheklammern unten (statt Knoten) tun’s auch (und man kann damit die Köderschnüre bei Bedarf fixieren)
    Rotwein aus dem Tetrapack geht auch, wenn gerade keine Glühweinsaison ist
    mehr Zucker schadet beim Einweichen nicht, die Lösung läßt sich dann aber schlecht sprühen
    Stabile Plastikkiste mit fest schließendem Deckel hat sich auch bewährt

    In diesem Sinne: alles Gute für das neue Jahr!

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