Offener Brief aus Anlass des drastischen Rückgangs unserer Insektenpopulationen

an die Ministerpräsidentin des Landes Nordrhein-Westfalen, Frau Hannelore Kraft,
sowie an den
Minister für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen, Herrn Johannes Remmel

Sehr geehrte Frau Ministerpräsidentin,
sehr geehrter Herr Minister,
das Thema „Insektensterben“ hat im Jahr 2016 viel Aufmerksamkeit in den Medien erregt, nicht zuletzt durch Untersuchungen des Entomologischen Vereins Krefeld, die einen erschreckenden Rückgang der Insektenfauna in NRW belegt haben. Mittlerweile ist es um
das Thema wieder ziemlich still geworden.  Es kann aber keinen Zweifel geben, dass das „Insektensterben“ von großer Tragweite ist, für die Landwirtschaft, für die Ökosysteme und die Biodiversität in unserem Land. Als mit der Tierwelt unserer Heimat vertraute Schmetterlingskundler registrieren auch wir seit einigen Jahren mit Sorge einen auffälligen Rückgang von
Schmetterlingen in NRW

Wir nehmen daher die im Januar 2017 bei der EU-Kommission bevorstehende Prüfung der Wiederzulassung der drei Neonikotinoid-Insektizide Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam zum Anlass, uns mit der Bitte an Sie und an die zuständigen Minister zu wenden, sich im Rahmen Ihrer politischen Möglichkeiten gegen die Wiederzulassung dieser Stoffe einzusetzen. Aus Sicht zahlreicher kompetenter Wissenschaftler sind die zuvor genannten Insektizide ein wesentlicher Grund für den derzeitigen alarmierenden, ja beängstigenden Rückgang vieler Insektenarten.

Der komplette Offene Brief als .pdf zum Download

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Naturschutz, Seltene Arten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

9 Kommentare zu Offener Brief aus Anlass des drastischen Rückgangs unserer Insektenpopulationen

  1. Johannes Kurzawa sagt:

    Wieso wird die Diskussion nur über Insektizide geführt, meiner Meinung nach gehören auch die Herbizide mit in die Waagschale. Sie vernichten wertvolle Nahrung für Insekten und werden Tonnenweise in der Kulturlandschaft verteilt. Erst werden die Pflanzen vernichtet, dann sterben die Insekten die davon leben und dann die Vögel weil sie nicht mehr genügend Nahrung finden. Was kommt dann???
    Während jetzt diskutiert wird und neue Studien in Auftrag gegeben werden, wird die Lage nur noch schlimmer.

  2. Lieber Herr Jelinek, lieber Herr Dr. Vorbrüggen,
    mit Interesse habe ich Ihren im Namen der AG Rhein.-Westf. Lepidopterologen verfassten Brief an die Regierung NRW gelesen. Vorab möchte betonen, dass ich mich nicht als Forscher, der an der Entwicklung neuer umweltfreundlicher Pflanzenschutztechnologien arbeitet, äußere, sondern hier meine persönliche Meinung als Privatmann, Biologe und Entomologe abgeben möchte.
    Dabei möchte auf eine wichtige Dimension hinweisen, die weder in Ihrem Brief noch in dem der Kollegen aus Baden-Württemberg bedacht wurde. Ein mögliches Problem stellen Notzulassungen bzw. Ausnahmegenehmigungen z. T. nicht mehr breit zugelassene oder für bestimmte Anwendungen nicht mehr zugelassene Insektizide als Notersatz dar. Häufig handelt es sich dabei um relativ alte Chemie, die aus gutem Grund nicht mehr in allen Bereichen eingesetzt werden sollte, da sich das Umweltverhalten dieser Verbindungen mitunter erheblich von moderneren Pflanzenschutzmitteln unterscheidet. Gerade in den letzten Jahren wurde z. B. im Anbau von Wein und Obst zur Bekämpfung der Kirschessigfliege Drosophila suzukii oder auch in Obst- und Forstkulturen zur Kontrolle diverser Schädlinge solche Insektizide eingesetzt (z. B. auch am Kaiserstuhl…), weil keine moderneren Mittel oder andere Methoden zur Verfügung standen und deren Nebenwirkungen auf Nicht-Ziel-Organismen sehr problematisch sein können. Da es sich bei Wein- und Obstbaulagen und nahen Naturräumen gerade um Gebiete handelt, die im besonderen Interesse der Entomologen stehen und daher intensiv beobachtet werden, sollte man sich hier die Frage stellen, ob wirklich klar ist, welche Pflanzenschutzmaßnahmen und welche anderen Faktoren für den Insektenrückgang verantwortlich gemacht werden können, wenn doch gerade die medial immer wieder angesprochenen Neonikotinoide in den letzten Jahren kaum noch zum Einsatz kamen.
    Davon abgesehen möchte ich zum Ausdruck bringen, dass ich Ihre Forderungen landes- und bundesweite Langzeit-Monitorings zur Erforschung der Dynamik der Insektenpopulationen und die Einrichtung eines unabhängigen Forschungszentrums zur Klärung der Ursachen der Insektenpopulationsschwankungen sehr unterstütze, da hier kaum belastbare, statistisch korrekt durchgeführte und wissenschaftlich unvoreingenommene Studien vorliegen. An dieser Stelle verweise ich gerne auf die Veröffentlichungen und die Vorträge von Prof. Dr. Werner Kunz, der meiner Meinung nach die wesentlichen und wichtigsten Beobachtungen zu diesem Thema zusammengefasst hat, wie dem fortschreitenden Verlust karger, offener Lebensräume zugunsten eutropher Waldgebiete und der Kontamination der Landschaft mit N – also Stickstoff. Außerdem unbestreitbar ist die starke Veränderung der Anteile unterschiedlicher Kulturpflanzen, die angebaut werden.

    • Karl-Heinz Jelinek sagt:

      Lieber Sascha,
      vielen Dank für die Stellungnahme! Wichtig überhaupt ist es, eine möglichst sachliche Diskussion zu diesem schwierigen und sehr komplexen Thema zu führen. Auch nach meiner Meinung gibt es noch schwerwiegendere Ursachen für den Insektenrückgang, aber es ist wichtig, dass endlich mehr Forschungen auf diesem Gebiet in Gang kommen. Die anstehende Prüfung auf Wiederzulassung stellt eine gute Gelegenheit dar. Nach allen bisherigen Kenntnissen ist ein negativer Einfluss der Neonikotinoide aber kaum zu leugnen. Der Nachweis von Einflüssen anderer Faktoren dürfte allerdings um ein vielfaches schwieriger sein, obwohl aufgrund unserer langjährigen Beobachtungen der Schmetterlingsfauna auch dort so einiges offensichtlich zu sein scheint. Auch ich verweise in diesem Zusammenhang gerne auf Prof. Kunz, insbesondere auf sein neu erschienenes Buch.

      • Lieber Karl-Heinz,
        mich würde interessieren, ob bekannt ist, dass das Verbot bestimmter Mittel zur Anwendung von eventuell problematischeren Mitteln mit Ausnahmegenehmigung führen kann, man also das subjektiv richtige fordert (Verringerung des Insektizid-Einsatzes und/oder Ersatz vermeintlich gefährlicherer Insektizide), nicht aber unbedingt den gewünschten Effekt erzielt, sondern im Extremfall das glatte Gegenteil – Ausnahmegenehmigung für die Verwendung von Breitbandinsektiziden, die z. T. noch häufiger gespritzt werden müssen?
        Ist es dann nicht schwach immer wieder in die gleiche (politisch-ideologische) Kerbe zu schlagen, wenn die, wie Du schreibst, schwerwiegenderen Ursachen die echten Herausforderungen des Artenschutzes darstellen, wir (ehrenamtliche Umweltschützer) aber bislang nicht in der Lage waren, das richtig in die Öffentlichkeit zu transportieren? Nur weil der Nachweis von Einflüssen andere Faktoren schwieriger zu führen ist? Wie können Politiker dann zu einer besseren Umwelt- und Artschutzstrategie kommen, wenn wir immer nur auf die Lösung durch ein Verbot in Einzelfällen drängen, ohne selbst alle Konsequenzen bedacht zu haben? Entscheidet der Politiker dann nicht einfach nach dem oft wenig reflektierten Wählerwillen: Der Wähler will das Verbot, also verbieten wir es! Stattdessen – behaupte ich mal – wollen wir ja bessere Konzepte für den langfristigen Erhalt des Artenreichtums in einer abwechslungsreichen Landschaft basierend auf Wissen und Forschung. Ich führte, dass der Wunsch nach Forschung im Zusammenhang mit der Prüfung auf Wiederzulassung eines Insektizids seitens der Politik nur falsch verstanden werden kann und damit keinen Beitrag zum eigentlichen Problem leisten wird.

  3. Pingback: Drastischer Rückgangs unserer Insekten-Populationen | Moitzfeld Habitat

  4. Carola Milbert sagt:

    In den letzten zwei Jahren meiner ehrenamtlichen Tätigkeit als „Singvogelpäppler“ hatte ich schon einige Male den Fall, dass Ästlinge, oder schon ältere Nestlinge, mit Gefiederschäden zu mir gebracht wurden. Die Vermutung liegt nahe, dass die Eltern ihre Jungen mit artfremder Nahrung gefüttert haben, da sie Insekten nicht in ausreichender Menge finden konnten. Etwa 95% der heimischen Singvögel ziehen ihre Brut mit Insekten oder anderem tierischen Eiweis auf, auch wenn sie später Gemischtköstler oder Körnerfresser sind.

    • Karl-Heinz Jelinek sagt:

      Die Vogelzählungen des NABU im Rahmen der Stunde der Wintervögel deutet auch auf einen Rückgang einiger Arten, insbesondere der Meisen hin. Auffallend selten waren im vergangenen Herbst die eigentlich als Massenfalter bekannten Frostspanner. Wenn man berücksichtigt, dass Frostspannerraupen eine wesentliche Futterquelle für die Aufzucht der Meisen darstellen, ist eine Abnahme der Meisen vor diesem Hintergrund nicht verwunderlich.

  5. Möller sagt:

    Bei uns in Niedersachsen sieht es nicht anders aus. Wo sich sonst Bienen und Schmetterlinge getummelt haben, ist es leise geworden. Weder im Garten noch in der Feldmarkt sind die sonst so gewohnten Brummgeräusche noch vorhanden. Selbst die Autoscheiben sind nicht ,wie sonst nach einer längeren Strecke, mit toten Insekten behaftet. Ich bekomme Angst….

    • Karl-Heinz Jelinek sagt:

      Vorsicht! Angst wirkt lähmend. Ich kann nur empfehlen: Ran an die Politiker und auf die Probleme hinweisen. Wir dürfen nicht locker lassen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.