Malveneule Acontia lucida an der Untermosel angekommen

Lichtfänge an der Mosel sind immer etwas Besonderes:  Wenn das Wetter mitspielt sind vergleichsweise lange Artenlisten garantiert, besonders im tief eingeschnittenen Unteren Moseltal sind zahlreiche wärmeliebende Felsbewohner zu finden, die dort seit langem bekannte Reliktstandorte haben. Aber immer wieder gibt es auch Überraschungen!

In den Tagen um die Sommersonnenwende herum kann so ein Leuchtabend richtig anstrengend werden, mehr als 100 Arten Großschmetterlinge sind dann die Regel: Erst nachts um 23.00 Uhr wird es dunkel genug für den Lichtfang, und morgens um halb vier, wenn die Vögel schon wieder pfeifen, kommen immer noch neue Arten hinzu.

Solche „Bombenabende“ mit Massenanflug an Insekten sind unvergessliche Erlebnisse, und das entschädigt unsereinen – zumal die An- und Abfahrt sich in die Länge zieht – für alle Mühen. Denn auch für eingefleischte „Alte Hasen“ gibt es immer etwas Neues zu entdecken: Die Weinbaulagen in Verbindung mit Felsen sind eh schon extrem artenreich. Der Klimawandel schickt zudem ständig neue Arten auf die Reise Richtung Norden, die sich dann an den Hängen des Rheinischen Schiefergebirges bei subtropischen Temperaturen und großer Trockenheit heimisch fühlen. In den vergangenen Jahren war das zu Beispiel das Purpur-Zwergeulchen Eublemma purpurina, das auch 2019 wieder im Moseltal fliegt.

Am Tag vor Fronleichnam 2019 waren zwar kleinere Unwetter gemeldet, zudem Dreiviertel-Mond, aber das musste riskiert werden. Also trafen wir uns in der Dämmerung am Oberhang westlich von Klotten, dort findet sich ein Mix aus Weinbergsbrachen, von Felsen durchsetzten Hecken, Mischwald mit Eiche und Kiefer, alles auf engem Raum zusammengedrängt und noch dazu windgeschützt. Lichtfang mit Freunden macht am meisten Spaß, und so waren die niederländischen Kollegen Violet Middelman und Remco Vos mit am Start, ausgewiesene Mikro-Spezialisten, die bereits 2018 in der Region aktiv waren (MIDDELMAN et al. 2018). Die beiden sind ein eingespieltes Team, alles wird mittels Digitalkamera dokumentiert, parallel per App in die Datenbank übertragen, und dreierlei Käsewürfel beim Lichtfang bekommt man auch nicht alle Tage!

Der Abend entwickelte sich wie erwartet, schon um Mitternacht waren etwa 100 Makro- und Mikrolepidoptern registriert, darunter die für Steppen- und Felsheide typische Kammerjungfer Dysauxes ancilla und selten nachgewiesene Arten wie das Hellgraue Graueulchen Meganola strigula. Nach Mitternacht kamen dann in rascher Folge die moseltypischen „Highlights“ ans Licht,  unter anderen  Dichagyris forcipula, Dichagyris candelisequa und Chersotis multangula, alle drei in Felsgeröllhalden zu finden.

Acontia lucida (HUFNAGEL, 1766) – Malveneule. Klotten (Mosel), 19. Juni 2019 (Foto: Armin Dahl)

Und dann der faunistische Höhepunkt des Abends: Als Violet Middelman mir das erste unscharfe Foto von Acontia lucida zeigte, – der Falter war erst einmal wieder verschwunden – traute ich meinen Augen kaum. Die Malveneule, ehemals in Deutschland ausgestorben, ist erst seit 2013 wieder nachgewiesen. Zuerst am Kaiserstuhl in Südbaden, und seit 2016 am Rand des Pfälzerwalds in Rheinland-Pfalz. Der letztgenannte Fundort liegt ziemlich genau 100 Kilometer Luftlinie entfernt im Südosten von Klotten.  Dort ist die Art mittlerweile gar nicht so selten, so berichtet Michael Ochse in einem Beitrag für das Lepiforum von  sieben Exemplaren bei einem Lichtfang  Mitte Juli 2017, und fand auch Raupen an Malva sylvestris und Malva moschata.  Aktuell (6. Juni 2019) gibt es auch einen Nachweis aus dem Hessischen Ried bei Lampertheim, der bei naturgucker.de veröffentlicht wurde.

Beim Lichtfang begann jetzt das Geduldspiel, ob der Fakter sich wohl noch einmal zeigen wollte? Und nach zwei weitere Stunden war es dann so weit, wir konnten das offenbar frisch geschlüpfte Tier in Ruhe bewundern und fotografieren. Der Leuchtabend endete übrigens wie gewohnt in der Morgendämmerung, alleine in meinen Unterlagen standen zu dem Zeitpunkt mehr als 140 Großschmetterlingsarten.

Ein paar Eindrücke vom vom Lichtfang

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Malveneulen kannte ich selbst bisher aus Südeuropa und von den Kanarischen Inseln, nach HOFMANN (1997) hat die Art ihre Arealgrenze im vergangenen Jahrhundert deutlich nach Süden verschoben – das war bevor der Klimawandel Thema wurde. Dass sich eine einzelne Acontia lucida von der Pfalz-Population ausgerechnet ins Moseltal verirrt und dort zufällig beim Lichtfang nachgewiesen wird, darf man getrost auschließen. Mit weiteren Funden der – normalerweise tagaktiven – Malveneule an der Mosel ist zu rechnen.

Literatur und Links

DUEHR, K. 2016: Malveneule – Wiederfunde in Deutschland. https://naturwerke.net/?beitrag=655  [Abgerufen 23. Juni 2019]

HOFMANN, A. (1997): Acontia lucida. – in EBERT, G. [Hrsg.] (1997 a): Die Schmetterlinge Baden-Württembergs. Band 5: Nachtfalter III. – 575 S.; Stuttgart (Ulmer).

MIDDELMAN,V., VOS, R. & DAHL, A.: Ein weiterer Fund von Heliothela wulfeniana (SCOPOLI,1763) in der Eifel (Lep., Crambidae). – Melanargia 30 (4): 173-175

Malveneule bei naturgucker.de: https://www.naturgucker.de/?art=749381769

 

 

 

 

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