Von Alten Hasen und Eiersuche vor Ostern

Ohne Kescher, dafür mit Bergstiefeln und Wintermütze: Schmetterlings-Exkursion in Hatzenport. v.l. Volker Lang, Daniel Müller, Tim und Christian Laußmann, Armin Radtke. 29 Januar 2022.  (Foto: Armin Dahl)

Am letzten Januarwochenende 2022 stand die erste Exkursion des Jahres an: Suche nach Eiern und Raupen von Zipfel- und Edelfaltern. Die Untermosel ist auch im Winter ein Top-Platz für Schmetterlinge!

So richtig überzeugt war das halbe Dutzend Mitglieder nicht, welches sich am Samstagvormittag in Hatzenport an der Mosel traf. Das Wetter war schauderhaft, Nebelnässen, Temperaturen unter 5°C, böiger Wind. Um 10 Uhr am Morgen immer noch nicht richtig hell. Und das soll eine Schmetterlingsexkursion werden?

Aber nach 1 ½ Stunden Anfahrt kann man ja nicht einfach wieder umdrehen, und so wurden die Bergstiefel geschnürt, und nach kurzer Beratung ging es zügig den Steilhang hinter dem Dorf hinauf. Hatzenport, ein typisches Winzerdörfchen mit knapp 600 Einwohnern, liegt an der Untermosel, dem tief eingekerbten Taleinschnitt zwischen Cochem und Koblenz. Weinbau wird dort seit vielen Jahrhunderten betrieben, und entsprechend wechseln sich an den Talhängen Rebterrassen mit Felswänden und unzugänglichen, gebüschbestandenen Steilhängen ab.

Der dunkle Moselschiefer heizt sich auch bei leichtem Sonnenschein rasch auf, und so liegen in der Umgebung einige der wärmsten Plätze Deutschlands, was sich auch in der Tierwelt niederschlägt: Westliche Smaragdeidechse, Zippammer, Westliche Sattelschrecke und Segelfalter gehören zur „normalen“ Ausstattung der Region. Und natürlich auch die Zielarten der Exkursion, die Zipfelfalter Satyrium acaiae und Satyrium spini, die in Westdeutschland an Nahe, Mittelrhein und Untermosel ihren Verbreitungsschwerpunkt haben.

Die nur daumennagelkleinen Zipfelfalter sind allerdings nicht einfach zu bestimmen, sie fliegen rasant und haben kurze Flugzeiten. Und das alles spielt sich natürlich im Sommer ab, und nicht Ende Januar. Im Winter kann man dagegen sichere Vermehrungsnachweise tätigen, wenn es gelingt die überwinternden Eier an den Raupenfutterpflanzen zu finden. Wenn diese nur nicht so klein wären!

Ei von Thecla betulae. Hatzenport, 29. Januar 2022 (Foto: Tim Laußmann)

Langer Rede kurzer Sinn: Schon nach wenigen Metern bergauf hatten wir die beiden ersten Wintereier entdeckt. Thecla betulae legt seine weißen, auffälligen Eier einzeln an Schlehenaufwuchs ab, fast immer in den Winkeln von kleinen Nebenästchen. Mit der Lupe betrachtet sehen die Eier des Nierenfleck-Zipfelfalters aus wie kleine weiße Seeigel, und hat man sich einmal eingesehen, sind sie vergleichsweise leicht zu entdecken.

Ei von Favonius quercus. Hatzenport, 29. Januar 2022 (Foto: Tim Laußmann)

Ei von Favonius quercus. Hatzenport, 29. Januar 2022 (Foto: Tim Laußmann)

Etwas schwieriger schon gestaltete sich die Suche nach Favonius quercus. Der Blaue Eichen-Zipfelfalter ist zwar fast überall häufig, trotzdem muss man genau hinschauen, um ihn an den äußersten, südexponierten Knospen von Eichen zu finden. Aber auch das war eine lösbare Aufgabe, an der ersten Eiche direkt neben dem Pfad durch die Felsen.

Also weiter, steil bergauf. Mittlerweile krabbelten die Exkursionsteilnehmer am Steilhang im Gehölzaufwuchs herum, Blick für die fantastische Aussicht am Hatzenporter Laysteig hatte niemand so recht, dafür gab es klamme Finger wegen der Kälte.

Hatzenport von oben: Im Steillagenweinbau gibt es immer wieder Brachflächen mit Verbuschung. (Foto: Dahl)

Hier zeigte sich die Qualität der Truppe, vier von sechs Teilnehmern waren „Alte Hasen“ , alle sechs zusammen brachten wohl mehr als 100 Jahre Erfahrung mit Naturbeobachtungen ein. Äußerlichkeiten wie widriges Wetter treten da in den Hintergrund, wenn es etwas Neues zu entdecken gibt.

Satyrium spini Eier. Hatzenport, 29. Januar 2022 (Foto: Tim Laußmann)

Ohne die perfekte Ortskenntnis von Daniel Müller hätten wir wahrscheinlich den Kreuzdorn (Rhamnus cathartica) zwischen den ganzen Heckensträuchern glatt übersehen, und wären an den Eiern von Satyrium spini vorbeigelaufen. Die Art scheint von den regelmäßigen Pflegeeinsätzen in den trocken-heißen Hanglagen zu profitieren. Der Kreuzdorn-Zipfelfalter legt oft mehrere Eier  dicht nebeneinander ab. Beim Anblick des schönen Geleges wurden auch die Alten Hasen munter.

Im Lebensraum des Kreuzdorn-Zipfelfalters. (Foto: Dahl)

Mit Retro-Adapter und Ringblitz: Tim Laußmann, Experte für Freihand-Makro, im Einsatz. (Foto: Dahl)

Auch technisch gab es einiges zu lernen: Zum Beispiel dass man mit einem handelsüblichen Weitwinkel-Objektiv und einem sogenannten Retro-Adapter auch von kleinsten Strukturen scharfe Digitalbilder schießen kann. Die Eiersuche vor Ostern wurde zudem ausgiebig gefilmt, soll noch zu einem youtube-Video verarbeitet werden.

Satyrium acaciae Ei, Pommern, 29. Januar 2022 (Foto: Tim Laußmann)

Nach einem Ortswechsel an die Kapelle oberhalb von Pommern kamm dann auch Art Nr. 4 auf unserer Wunschliste zu Tage. Der Suchauftrag lautete: An der Unterseite von niedrigem  Schlehenaufwuchs, bodennah, an heißen Stellen. Ein Ei des Kleinen Schlehenzipfelfalters Satyrium acaciae wurde dann auch zum Entzücken der Teilnehmer entdeckt und ausgiebig bewundert. 

Satyrium w-album, Pommern, 29. Januar 2022 (Foto: Tim Laußmann)

Weiter ging es zum Dortebachtal in Klotten, neben der Brauselay in Cochem wohl der berühmteste Schmetterlingsplatz an der Untermosel. Hier wurde nach wenigen Sekunden ein Ei des Ulmen-Zipfelfalters entdeckt, das aussieht wie ein winziger umgedrehter Suppenteller. Zielart Nr. 5 war „im Kasten“!

Zum Abschluss des Tages kam dann sogar noch die Sonne zum Vorschein, und auch das Gekraxel war vorbei, die letzte Exkursionsstrecke im Pommerbachtal war ein normaler steigungsfreier Waldweg.

Und als Zückerchen obendrauf zauberte uns Daniel Müller ein Hibernarium von Limenitis camilla aus einem unscheinbaren Heckenkirschen-Busch. Der Kleine Eisvogel überwintert als winzige Raupe in einem zusammengesponnenen Blättchen. Nur wer sehr genau hinschaut kann die Dornen der Raupe erkennen: Wer das jedoch einmal gesehen hat, der vergisst es nie wieder!

Blatttüte mit Raupe von Limenitis camilla, Pommern, 29. Januar 2022 (Foto: Tim Laußmann)

Kurzes Fazit eines langen Tages: Auch mitten im Winter kann man tolle Schmetterlingsexkursionen machen.  Vielen Dank an Daniel Müller für die Organisation und die Hilfe beim Suchen!

Den Exkursionsbericht gibt es übrigens auch als Video!

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3 Antworten zu Von Alten Hasen und Eiersuche vor Ostern

  1. Wirooks, Ludger sagt:

    Schöne Aktion! Sehr vorbildlich!
    Das bestätigt die Worte „wer suchet, der findet!“
    Noch als Hinweis für diejenigen, die nun auch mal so etwas probieren wollen:
    Viele der genannten Arten gibt es nicht nur an der Mosel, sondern auch gleich vor der Haustür – z.B. quercus, betulae oder w-latinum. Die Eier des Ulmenzipfelfalters gibt es sogar häufig mitten in der Stadt zu finden (s. hier Philipper, S. & Kamp, J. (2020): Verbreitung und Eiablageverhalten des Ulmen-Zipfelfalters Satyrum w-album (Knoch 1782) im Stadtgebiet von Münster (Lep., Lycaenidae). – Melanargia 32: 137-149,. Leverkusen.). Wenn viel mehr Leute auch in der gewöhnlichen Normallandschaft suchen würden, wären sicherlich viele Arten nicht mehr so extrem lokal verbreitet wie es die Insectis-Karten glauben machen!

    Hier übrigens noch ein paar schöne Anleitungen per Youtube-Video zur winterlichen Eier- und Raupensuche – sogar die Eier von fraxini lassen sich anscheinend leicht finden – und ich dachte vorher immer, das sei ein sensationell seltenes Tier:
    https://www.actias.de/forum/thread/58612-video-tutorials-zur-eier-raupensuche/?pageNo=1
    https://www.actias.de/forum/thread/75534-denkt-an-die-wald-arten/
    Das kann man nur sagen: gewußt wie!

    Allen viel Erfolg bei winterlichen Suchaktionen,
    Ludger

  2. Siegfried Winkler sagt:

    Grossartiger und spannender Exkursionsbericht!
    Danke fürs „Teilhaben…! „

  3. Markus Oliver Braun sagt:

    Hallo ihr Lieben,
    vielen Dank für den schönen Bericht. Ich war ganz gespannt welche Ergebnisse dieser Tag wohl bringen würde.
    Wahrhaftig erstaunlich, welche Raritäten ihr auffinden konntet.
    Im Sommer komm ich auch ein paar Tage zur Mosel und helfe beim Suchen mit.

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