Brauner Bär ist Schmetterling des Jahres 2021 – Lichtverschmutzung gefährdet die Art

Die BUND NRW Naturschutzstiftung und die Arbeitsgemeinschaft Rheinisch-Westfälischer Lepidopterologen e.V. haben den Braunen Bär (Arctia caja) zum Schmetterling des Jahres 2021 gekürt. Sie weisen mit der Wahl des Nachtfalters auf die negativen Folgen von Lebensraumverschlechterung und künstlicher Beleuchtung hin. Die Art gilt als Bioindikator für naturnahe Lebensräume. 

Brauner Bär – Schmetterling des Jahres 2020 (Fotos: Tim Laußmann)

Der Braue Bär ist mit bis zu 65 Millimetern Spannweite einer der größeren Nachtfalter in Deutschland und kommt in den gemäßigten Zonen Europas, Asiens und Nordamerikas vor. Zu seinen Lebensräumen zählen lichte Wälder, Gebüsche, Wiesen und Heiden, aber auch naturnahe Gärten.

Die Vorderflügel sind dunkelbraun gefärbt mit einem großmaschigen weißen Muster. Mit zusammengelegten Vorderflügeln sind die Falter im Gewirr von Ästen mit Licht und Schatten hervorragend getarnt, während sie tagsüber rasten. Die Hinterflügel sind dagegen leuchtend rot mit runden blauschwarz gefärbten Punkten.

(Foto: Tim Laußmann)

Durch blitzschnelles Öffnen der Vorderflügel zeigt der Falter bei Gefahr diese roten Hinterflügel und kann Vögel erschrecken und selbst entkommen. Die auffälligen Hinterflügel warnen zugleich vor der Ungenießbarkeit des Schmetterlings, denn die Körperflüssigkeit der Falter enthält giftige Stoffe.

Die Schmetterlinge fliegen im Hochsommer und nehmen keine Nahrung auf. Sie leben daher nur für kurze Zeit. Die Raupen sind in der Lage, sich von vielen unterschiedlichen Pflanzen zu ernähren und überwintern am Boden. Die Art hat ihren Namen von der dichten, bräunlichen „bärenartigen“ Behaarung der älteren Raupen.

Der Braune Bär ist bundesweit rückläufig und steht auf der Vorwarnliste der bedrohten Tiere. Neben der Intensivierung der Landwirtschaft, dem Wegfall von Hecken und Feldgehölzen in der Landschaft und dem Flächenverbrauch ist die Lichtverschmutzung eine der Ursachen für den Rückgang der Art.

Jochen Behrmann von der BUND NRW Naturschutzstiftung: „Die Braunen Bären werden von nächtlichen Lichtquellen angelockt und flattern dann orientierungslos bis zur Erschöpfung um sie herum. Neben den direkten Verlusten geht den Insekten so wertvolle Energie und Zeit für Partnersuche und Fortpflanzung verloren, und Fressfeinde wie Fledermäuse haben ein leichtes Spiel.“

Wie die meisten nachtaktiven Insekten kann sich der Braune Bär bei schwachem Mond- oder Sternenlicht gut orientieren. Dagegen lockt speziell das grelle blaue Licht von den Hochdruck-Quecksilberdampflampen der Straßen- und Industriebeleuchtung die Tiere stark an. Diese Lampen sollten daher zeitweise ausgeschaltet oder durch Natriumdampflampen und moderne sparsame LED ersetzt werden, die wenig oder gar kein blaues Licht abstrahlen.


Steckbrief des Braunen Bären – Arctia caja (LINNAEUS, 1758)

Systematik: Der Braune Bär Arctia caja ist ein Nachtfalter aus der Familie der Erebidae. Diese besteht aus einigen Unterfamilien, darunter der Unterfamilie der Arctiinae, der Bärenspinner, kurz Bären. Die Bezeichnung „Bär“ erklärt sich mit Blick auf ihre stark behaarten Raupen. Wenn Bärenraupen gestört werden, weisen einige Arten eine tapsige, an die Bären erinnernde Fortbewegungsweise auf. Auch die Gattungsbezeichnung Arctia geht auf das griechische Wort arktos für Bär zurück.

Lebensraum: Ökologische Vielfalt ist eine Hauptanforderung des Braunen Bären an seinen Lebensraum, er bevorzugt dabei strukturreiche, feuchte und kühle Habitate: im Wald etwa Wege und Schneisen, Binnen- und Außensäume, Lichtungen und Kahlschläge, feuchte Waldwiesen. Doch auch das gebüschreiche Offenland wird bewohnt, etwa extensiv bewirtschaftete, gern feuchtere Wiesen, auch Moore, Magerrasen bis hin zu Dämmen, Ufern, Böschungen, sogar Kiesgruben und naturnahe Gärten.

Dichter Bärenpelz hält Feinde ab: Raupe von Arctia caja (Foto: T. Laußmann)

Nahrung der Raupen: Die Raupen ernähren sich von unterschiedlichen Pflanzen, von Kräutern und Stauden bis zu Laubgehölzen. So wurden Raupen beispielsweise an Ampfer-Arten gefunden, an Löwenzahn und Brennesseln sowie an Mädesüß. Bei den Sträuchern sind Himbeeren und Brombeeren ebenso vertreten wie Weiden und Eichen sowie Eschen und noch viele weitere Pflanzenarten.

Beschreibung Imagines: Die Falter zählen mit einer Flügelspannweite von bis zu 65 Millimetern zu den größeren Nachtfaltern in Deutschland. Die Oberseite der Vorderflügel ist dunkelbraun mit einem großmaschigen weißen Muster. Die Hinterflügel dagegen sind leuchtend rot mit runden, blauschwarz gefärbten Punkten. Mit zusammengelegten, braun-weißen Vorderflügeln sind die Falter im Gewirr von Ästen mit Licht und Schatten hervorragend getarnt, wenn sie tagsüber etwa an Baumstämmen rasten. Durch blitzschnelles Öffnen der Vorderflügel zeigen die Falter die roten Hinterflügel mit den dunklen „Augen“ und können so Fressfeinde wie Vögel erschrecken und selbst entkommen, aber auch an ihre Ungenießbarkeit erinnern, denn die Körperflüssigkeit der Falter enthält giftige Stoffe.

Nahrung der Imagines: Die Saugrüssel der Falter sind zurückgebildet, sie können keinen Nektar saugen.

Generationen: Der Braune Bär bildet eine Faltergeneration im Jahr mit Hauptflugzeit im Juli und August aus.

Arctia caja (LINNAEUS, 1758) Brauner Bär , Eigelege (Foto: Tim Laußmann)

Puppe des Branen Bären (Foto: Tim Laußmann)

Lebenszyklus: Die Weibchen legen die Eier auf der Unterseite von Blättern ab, und zwar in kleineren oder größeren einlagigen sogenannten Eispiegeln, die mehrere hundert Eier umfassen können. Die Eier sind rund und sehen frisch gelegt cremeweiß aus, sie verfärben sich blaugrau, bevor die Raupen noch im Spätsommer schlüpfen. Die Raupen überwintern und können daher sowohl im Herbst als auch im Frühjahr bis etwa Juni gefunden werden. Schon die Ei- und Jungräupchen sind haarig und bilden ihren „Bärenpelz“ mit jeder Häutung besser aus. Die pelzigen, bis 6 cm langen erwachsenen Raupen werden im Frühsommer häufiger beobachtet als später die nachtaktiven Falter, wandern sie doch bei ihrer Suche nach Verpuppungsplatzen gern auch bei Tag über Straßen und Wege. Die Verpuppung erfolgt in einem Gespinst in Bodennähe.

Gefährdungsursachen: Wie bei vielen Insekten gibt es nicht die eine Gefährdungsursache. Es handelt sich um ein multifaktorielles Geschehen: Neben den direkten Verlusten durch Fressfeinde und Schwächungen geht den Insekten durch das erschöpfende Flattern um nächtliche Lichtquellen wertvolle Zeit für Partnersuche und Vermehrung verloren. Aber auch der Wegfall von Öd- und Unland, das Verschwinden Hecken und Feldgehölzen, dunkle und monotone Wälder als Ergebnis forstwirtschaftlicher Nutzung, Intensivierung der Landwirtschaft mit Dünger- und Pestizideisatz, intensive „Pflege“ von Straßen- und Wegrändern nebst Böschungen und Gräben, Zersiedlung der Landschaft und Verkehrsbelastung sind zu nennen. Neben der Zerstörung von Lebensraum und der Verschlechterung der Habitatqualität werden die verbleibenden „guten“ Flächen immer kleiner und liegen immer weiter auseinander, was die Isolation von Populationen begünstigen und Wiederbesiedlungen erschweren kann. Der Braune Bär gilt als Bioindikator für naturnahe Lebensgemeinschaften und als Kulturflüchter. Er reagiert empfindlich auf Störquellen.

Verbreitung: Der Brauen Bär ist eine Art kühl-gemäßigter Zonen auf der Nordhalbkugel und dort in Europa von der Iberischen Halbinsel über West- und Mitteleuropa bis nach Ostasien, aber auch in Nordamerika verbreitet.

Gefährdung / Rote Liste: In Deutschland insgesamt (Rote Liste 2011) ist es eine Art der Vorwarnliste, die Einstufung dieser Art gilt jedoch als schwierig. Die Bestände dieses ehemals sehr häufigen und bekannten, auffälligen Falters sind bundesweit rückläufig, auch wenn er in allen Bundesländern vorkommt. Unklar ist, warum diese früher fast allgegenwärtige und als Raupe an vielen Pflanzenarten lebende Art in den letzten 10–15 Jahren vielerorts selten gefunden wird oder ganz verschwunden ist.

Eigene Funde melden: Beobachtungen, Fotos und Verbreitung des Braunen Bären können auf der Webseite www.observation.org eingesehen werden – dort können auch eigene Beobachtungen gemeldet werden, nicht nur solche des Braunen Bären. Die Identify-Funktion von observation hilft Ihnen zu erkennen, ob Ihre Bestimmung richtig war.

Schmetterlingsfans in Zeiten von Corona: Sie suchen eine Mundschutzmaske mit Bärenmotiv? Wir haben einige Entwürfe für Sie zusammengestellt.  Hier können Sie entsprechende Bilder downloaden und ihre Masken selbst gestalten.

Lichtverschmutzung erkennen und vermeiden: Ein aktueller Leitfaden zur Neugestaltung und Umrüstung von Außenbeleuchtungsanlagen findet sich hier.


Die BUND NRW Naturschutzstiftung und die Arbeitsgemeinschaft Rheinisch-Westfälischer Lepidopterologen e.V. küren seit 2003 den Schmetterling des Jahres, um auf die Bedeutung und Bedrohung der Arten aufmerksam zu machen. Zur BUND NRW Naturschutzstiftung: Schmetterling des Jahres

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Mit Selfie-Stick und Fernglas im Tunnel

Selbstporträt mit Durchblick. 1. November 2020

Passend zu Halloween hier mal eine kurze Abhandlung über einen schaurig-schönen Fundort in Düsseldorf, den die einheimischen FalterforscherInnen regelmäßig besuchen. Zum Beobachten gehören neben guten Nerven allerdings ein wenig Spezialausrüstung.

Im Südosten Düsseldorfs gab es früher ein unter Sammlern und Beobachtern bekanntes Gebiet, das wahlweise und je nach Startpunkt der Exkursionen den Namen “Eller”, “Vennhausen”, oder auch “Hildener Heide” trug. Aus alten Aufzeichnungen ist bekannt, dass dort früher ein Sumpfgebiet lag, das von Düsseldorf-Unterbach über Gerresheim bis nach Mörsenbroich reichte.

Die gesamte Region ist allerdings mehrfach kräftig überformt worden, der heutige “Eller Forst” ist umgeben von Baggerseen, durchschnitten von zwei Autobahnen, der Bahnlinie Köln-Düsseldorf, der heutige Ortsteil Vennhausen liegt auf den ehemaligen Moorböden der Randsenke. Reste der ehemaligen Bergischen Heideterrasse finden sich nur noch entlang der Leitungstrassen von Bahn und Gaspipelines und unter Stromleítungen.

Der ehemalige Sumpf wurde entwässert und aufgeforstet, der Rest der Fläche ist entweder bebaut oder verwaldet. Dazu kommt eine extreme Frequentierung als Naherholungsgebiet, an schönen Sommertagen kämpfen Radfahrer, Reiter und Fußgänger um den Platz auf dem eh schon dichten Wegenetz. Kein Platz an dem man große Erwartungen an die Falterfauna haben sollte.

Großer Frostspanner – Erannis defoliaria, auf bröckelndem Grafitti. Düsseldorf, 1. November 2020 (Foto Armin Dahl)

Trotzdem suchen die Düsseldorfer “Lepidioten” den Eller Forst regelmäßig auf, Ziel ist ein besonders schauriger Platz, die – gut beleuchtete – Unterführung der Autobahn A46. Gute 50 Neonröhren, die Tag und Nacht brennen, und das schon seit etlichen Jahrzehnten: Hier kann man praktisch ganzjährig Falter beobachten, die vom Licht aus dem umgebenden Wald angelockt werden und im Tunnel an den Wänden sitzen. Der Besuch des Tunnels ist allerdings nichts für schreckhafte Menschen, man begegnet dort schon auch mal ein paar Obdachlosen, die Schutz vor dem Regen suchen, Leute bieten fragwürdige Dienstleistungen an, und nachts sind Sprayer unterwegs und verzieren die Wände.

Herbstfalter, schlecht getarnt: Colotois pennaria, Düsseldorf, 1. November 2020 (Foto Armin Dahl)

Aber was tut man nicht alles für Hobby und Wissenschaft! Der Tunnel ist knapp fünf  Meter hoch und die wenigsten Falter sitzen auf Augenhöhe. Wer dort beobachten will, braucht neben einer soliden Taschen- oder Stirnlampe erst einmal ein Fernglas, das sich auf kurze Entfernungen scharf stellen lässt. Ich habe dazu ein Glas der Firma Pentax im Handschuhfach, das sinnigerweise den Namen “Pentax Papilio” trägt. Das stellt bis auf 50cm scharf und ist extrem praktisch für Beobachtungen von Tagfaltern, Libellen und anderem Kleinzeugs.

Weiter nehme ich im Tunnel das Mobiltelefon mit, bzw. die darauf installierte App von observation.org, zum Dokumentieren der Falter und anderer Funde wie Schnecken, Käfern und Spinnen. Und weil die Tiere immer dort sitzen, wo man gerade nicht mehr hinkommt, benutze ich fürs Fotografieren das Handy über einen ordinären Selfie-Stick.  So kann ich, ohne mich in den Dreck zu knien, die bodennah sitzenden Falter fotografieren und auch mal bis in 2,50 Höhe sitzende Tiere “am langen Arm” ablichten. Die Qualität der Fotos spielt da erstmal keine große Rolle, die App bestimmt in aller Regel auch unscharfe Belegfotos richtig.

Ergebnis einer halben Stunde Tunnelkunde: Über 100 Halloween-Falter im Protokoll-Screenshot der iobs-app, 1. November 2020

Das ganze Unternehmen sieht wohl ein wenig anrüchig aus, vielleicht glauben die Passanten dass ich dort die Graffitis inspiziere oder irgendwas unanständiges tue. Spaziergänger, Jogger und Fahrradfahrer drücken sich jedenfalls meist schnell vorbei, niemand will wissen was ich dort eigentlich genau mache, mit Fernglas Lampe und dem Handystock. Das ist mir an dieser Stelle aber auch herzlich egal, wichtig ist allein die Ausbeute: Spätherbst ist im A46-Tunnel die beste Zeit, an manchen Tagen sind dort hunderte von Faltern zu finden, und weit über 100 Großschmetterlingsarten haben wir dort insgesamt schon nachgewiesen, vom Ulmen-Zipfelfalter bis zu schönen Nachtfaltern wie dem Weißen Zahnspinner Leucodonta bicoloria.

Sphinxeule – Asteroscopus sphinx. Auf blau gekacheltem Untergrund hilft die schönste Tarnfärbung nichts. Düsseldorf, 1. November 2020 (Foto Armin Dahl)

Wichtig ist der Platz auch deshalb, weil man dort die regionalen Flugzeiten der Falter so schön verfolgen kann. Star des Tunnels im November ist die graue, zottig behaarte Spinx-Eule Asteroscopus sphinx, von der man in einem Durchgang durch den A46-Tunnel schon mal 40 Tiere und mehr beobachten kann.

Die Kehrseite der Medaille ist natürlich die starke Lockwirkung der Tunnelbeleuchtung  auf die Nachtfalter der Umgebung. Gerade Tiere von A. sphinx sitzen oft tagelang auf einem Fleck und bewegen sich nicht von der Stelle, anstatt sich “ordentlich” fortzupflanzen. Ein Heer von Spinnen rund um die Lampen bedient sich außerdem an den anfliegenden Insekten.

Mal ganz abgesehen von dem unsinnigen Stromverbrauch, der mit etwa 1800 Watt x 24h x 365 Tagen bei über 15.000 Kilowattstunden pro Jahr liegt. Würde der A46 Tunnel mal auf moderne LED-Technik umgerüstet, hätte man das (Steuer-)Geld für den Betrieb der Lampen sicher in wenigen Monaten eingespart. Und statt zu Düsseldorfs größter Lichtfalle zu pilgern, müssten wir uns einen neuen Platz suchen.

Links:

Beobachtungen des Autors auf observation.org/

Schulungsvideo: NRW.Observation.org | Online-Kurs | Teil 1

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Nachtfalter-Untersuchungen im Süden des Ruhrgebiets

Griposia aprilina, Bochum-Stiepel, 27. Oktober 2020 (Foto: Armin Jagel) Im Meßtischblatt 4509 Bochum war G. aprilina seit 1911 nicht mehr nachgewiesen.

Seit dem Jahr 2017 extensiviere ich zusammen mit Corinne Buch die ca. 0.5 Hektar große BUND-Streuobstwiese an der Schattbachstraße in Bochum am Rand des Bergischen Landes. Im Sommer 2020 haben wir damit begonnen dort auch die Nachtfalter halbwegs systematisch zu erfassen – mit erstaunlichen Ergebnissen.

In den Jahren 2018 und 2019 haben wir versucht, neben den Pflanzen auch alle anderen möglichen Lebenswesen zu erfassen, um eine Vorstellung der Grundausstattung der Wiese zu erhalten. Wir erhoffen uns, Jahre später durch eine neue Erhebung Erfolge unserer neu eingesetzten Pflegemaßnahmen beurteilen zu können. Alle unbekannten Arten wurden anhand von Fotos und/oder Belegen von Dr. Christian Schmidt (Senckenbergmuseum Dresden) bestimmt. Die Ergebnisse sind bereits öffentlich zugänglich: JAGEL & al. 2020 .

Eine Erfassung der Nachtfauna der Wiese erfolgte aber bisher nicht, und unter den bis dahin 710 Arten fanden sich lediglich 41 Schmetterlings-Arten, darunter 26 Nachtfalter. Um diese Lücke anzugehen, luden wir am 15./16.08.2020 Armin Dahl und Armin Radtke ein und trafen uns zusammen mit weiteren Falterfreaks (Jonas Mittemeyer, Julia Niermann, Hendrik Weindorf) und vier Leuchttürmen sowie Ködernschnüren auf der Wiese. Corinne zauberte den passenden Leuchtkuchen dazu. An dem Abend konnten wir insgesamt 92 Arten erfassen, darunter 60 Nachtfalter-Arten, von denen 54 neu für die Wiese waren.

Nachtfalter-Beobachtungen am Leuchtturm. Foto: Hendrik Weindorf

Damit war das Interesse geweckt und wir haben im Bochumer Kreis noch drei weitere Male geleuchtet, wobei zwei Oktober-Termine aber lediglich drei neue Falterarten ergaben.

Darüber hinaus begann ich mit 24/7-Unterstützung von Jonas Mittemeyer Anfang September mit der Köderung, indem ich regelmäßig 15 Bäume mit Köder bestrich und zusätzlich halbierte, mit Köder versehende Äpfel im Gelände installierte. Zwischen dem 15.09. und dem 24.10.2020 fanden die Kontrollen (mit einer Ausnahme) täglich statt.

Übersicht: Köderfänge im Herbst 2020 (Daten: Armin Jagel)

Die Ergebnisse dieser knapp sechswöchigen Untersuchung ergaben 42 Nachtfalter-Arten (in Klammern, die Anzahl der Nachweistage): Abrostola triplasia (1), Agrochola circellaris (28), A. lota (15), A. lunosa (15), A. macilenta (9), Agrotis puta (1), Allophyes oxyacanthae (5), Amphipyra pyramidea/berbera (27), Campaea margaritaria (1), Caradrina clavipalpis (1), C. kadenii (1), Catocala nupta (1), C. sponsa (1), Conistra erythrocephala (26), C. ligula (7), C. rubiginea (9), C. vaccinii (29), Dryobotodes eremita (14), Emmelina monodactyla (2), Epirrita spec. (1), Eupsilia transversa (17), Hypena proboscidalis (4), Lithophane ornitopus (1), L. semibrunnea (1), Mormo maura (3), Mythimna l-album (12), Noctua comes (6), N. fimbriata (2), N. janthe (1), N. pronuba (15), Opisthograptis luteolata (1), Peribatodes rhomboidaria (1), Phlogophora meticulosa (11), Scoliopterys libatrix (1), Tilacea aurago (8), T. citrago (4), Tinea semifulvella (1), Udea ferrugalis (1), Xanthia gilvago (2), X. icteritia (6), X. togata (5), Xestia xanthographa (15).

Olivgrüne Eicheneule – Dryobotodes eremita, Bochum-Laer/Querenburg – Obstwiese Schattbachstraße, 21. Oktober 2020 (Foto: Armin Jagel)

Ulmen-Gelbeule – Xanthia gilvago, Bochum-Laer/Querenburg – Obstwiese Schattbachstraße, 22. Oktober 2020 (Foto: Armin Jagel)

Als besondere Highlights können wohl die Olivgrüne Eicheneule (Dryobotodes eremita, 14 x jeweils 1 Ex., 17.09.–21.10.) und die Ulmen-Gelbeule (Xanthia gilvago, 2x jeweils ein Ex., 19.09., 22.10.) gelten. Letztere profitiert sicherlich von der großen, zweistämmigen Feld-Ulme in der Randbepflanzung, die jährlich zahlreich blüht und fruchtet.

Strukturreiche, extensive Obstwiesen gelten weithin als artenreich. Gründe für den Artenreichtum auf der Bochumer BUND-Wiese dürften zwar auch in der strukturreichen Umgebung der Wiese zu suchen sein (Friedhof, Wohnbesiedlung mit Gärten, Wald, Bachaue, Pferde- und Schafweide, Acker). Aber wahrscheinlich auch in der bereits schon jetzt guten Qualität der Wiese, die seit mehr als 100 Jahre keiner landwirtschaftlichen Nutzung unterliegt.

Die Nachtfalter-Untersuchungen auf unserer Obstwiese sollen weitergeführt werden und nach den bisherigen Ergebnissen kann man erwarten, dass noch weitere interessante Funde gelingen werden. Zu erreichen bin ich unter armin@jagel.nrw

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Winter is coming! Wear a mask!

Der Winter naht. Wer hätte vor einem Jahr geahnt, was uns das Jahr 2020 bringen würde? Nun müssen wir wohl erst einmal mit “COVID-19” leben. Während also die Mechanismen der Natur versuchen uns endlich los zu werden, halten wir dagegen – mit Abstand und Maske! Machen wir also das Beste daraus und sehen die Gesichtsmaske als neues Accessoire für die modebewusste Dame und den smarten Herrn an. Gerade die Herren können hier profitieren – waren doch vorher die einzigen modische Utensilien die Krawatte und die Armbanduhr. Lasst uns daher ein Statement für die Lepidopteren setzen – mit einer Mund-Nase Maske mit entsprechendem Motiv. Diese kann man inzwischen überall bestellen – einfach mal “Maske mit Foto” googeln! Ich habe bisher bei meinfoto.de bestellt. Die Premiumversion ist nicht ganz billig, aber waschbar und hochwertig. Unsere Familienmitglieder benutzen diese schon seit sechs Monaten, ohne dass ein Qualitätsverlust nach zahlreichen Waschgängen zu beobachten wäre. Unsere „Moth Hunters“ Maske für “Mottenzotten” ist inzwischen schon weit verbreitet. Ich habe hier mal eine Reihe Motivvorschläge zum Download und zur freien privaten Verwendung bereitgestellt, viel Spaß damit! Einfach das Bild anklicken, es öffnet sich dann in einem neuen Fenster, rechte Maustaste – Bild speichern unter…, dann nach gusto selbst hochladen und bestellen.

Hier das Wappentier unseres Vereins:

Vielleicht etwas für die “Frühlingstypen” unter den Damen (und Herren):

Wie wäre es mit einem “Blutströpfen” auf einer Wiesen-Witwenblume?

 

Oder lieber ein Schwalbenschwanz?

Für Nachteulen, mein Dank gilt hier Jonas Mittemeyer. Er hat Catocala fraxini gefangen, so dass ich das Tier nach dreißig Jahren Suche endlich gesehen und abgelichtet habe. Sieht im Ausdruck sehr edel aus und ist jetzt das Motiv meiner Lieblings-Maske!

Für die Ranger und Hartgesottenen unter uns mit leicht morbider Neigung:

Oder: der von Karl-Heinz Jelinek präparierte und fotografierte Totenkopfschwärmer im “Schweigen der Lämmer” – Stil. Tipp: den freigestellten Falter einfach mit Photoshop in ein Foto des eigenen Gesichts auf den Mund montieren!

Der Beamte würde sagen: “Aus gegebenem Anlass weise ich auf Parnassius apollo vinnigensis hin, mit der Bitte um Kenntnisnahme und weitere Veranlassung”:

Maskenmotiv Apollofalter

Oder: ein sommerlicher Brauner Bär (Arctia caja), mit Raupe.

Alternativ etwas stylischer vor dem Sternenhimmel:

Ein Wimmelbild für die ganze Familie:

Und die legendäre “Moth-Hunters” Maske… :

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Blaues Ordensband im Bergischen Land

Der September kommt und mit ihm gehen die Artenzahlen bei den Nachtfaltern herunter. Umso erstaunter war ich, als am 29. August 2020 ein Blaues Ordensband – Catocala fraxini in einer eigens gebauten Köderfalle saß.

Catocala fraxini, Ennepetal-Büttenberg, Schiefelbusch, 29. August 2020 (Foto: Jonas Mittemeyer)

Der männliche Falter hat eine beachtliche Flügelspannweite von knapp 10cm. Fundort des  Tieres ist das Biotop Schiefelbusch auf 270m.  Die Falle hing an einer Späten Traubenkirsche (Prunus serotina), unweit eines großen Pappelbestandes (Populus alba, P. tremula, P. nigra-Hybriden) Nach Funden von Eublemma purpurina und Helicoverpa armigera in unserem Garten ist das Blaue Ordensband sicherlich der spektakulärste Fund des Sommers 2020 vor meiner Haustür.

Köderfalle, Marke Eigenbau. Foto: Jonas Mittemeyer

Der Fundort Ennepetal-Büttenberg liegt im Bergischen Land, in dem C. fraxini in der Roten Liste von 2011 noch in der Kategorie 0 – ausgestorben oder verschollen – angegeben ist. Da gibt es jetzt Korrekturbedarf: 2020 gab es weitere Nachweise vom Blauen Ordensband im Bergischen Land, so in Hagen-Haspe und auch in Overath-Untereschbach, und schon 2018 einen Fund mitten im Stadtgebiet von Wuppertal.

Mehr: Beobachtungen von Catocala fraxini in germany.observation.org

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Moore bei Meppen ein Jahr nach dem Brand

Hallo zusammen
wie die meisten von euch sicher wissen, gab es vor zwei Jahren in Westniedersachsen einen großen Moorbrand in der als militärisches Schießgelände genutzten “Tinner Dose”. Die “Tinner Dose” umfasst eines der letzten großen nordwestdeutschen Hochmoore, das aufgrund der militärischen Nutzung von industrieller Abtorfung verschont geblieben ist. Wir hatten vor dem Brand über mehrere Jahre die dortige Schmetterlingsfauna untersucht ( http://www.ag-rh-w-lepidopterologen.de/_mGala-16_Thea/wp-content/uploads/Melanargia-27H1.pdf und weiteres Manuskript in Vorbereitung).

Falls es den ein oder anderen interessiert, hier ein zwar nicht mehr ganz aktueller, aber informativer Fernsehbeitrag über die möglichen Folgeschäden des Brands:

Ich hoffe die Bundeswehr erteilt uns bald eine Genehmigung, die Brandfolgen auf die Schmetterlingsfauna untersuchen zu können.

Grüße
Frank

ROSENBAUER, F., HEINICKE, C., BOCZKI, R. & KOSTEWITZ, J. (2015): Der Schießplatz Meppen als bedeutendes Rückzugsgebiet für die Schmetterlingsfauna atlantischer Sand-Moorheidekomplexe (Lepidoptera) . Melanargia, 27 (1): 4-23

 

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Den Schmetterlingen geht es schlecht – es fehlt der Große Wurf!

Auszug aus dem FFH-Bericht 2019

Der FFH-Bericht zum Zustand der Tier- und Pflanzenarten spricht eine klare Sprache: Den Schmetterlingen geht es schlecht. Viele Menschen sagen: Das ist eine traurige Sache, “da muss man was tun”. Die Experten bewegen sich in einer “Schmetterlings-Blase”, das klare Bekenntnis der Politik zum Naturschutz fehlt noch immer, Behörden können beim Aussterben oft nur zuschauen.

Ein Meinungsbeitrag von Tim Laußmann

Natürlich tun wir in unseren Vereinen seit vielen Jahrzehnten etwas: Vorträge halten, Artikel schreiben, Blogbeiträge posten, Bücher verfassen, auf die Probleme in der industriellen Land- und Forstwirtschaft hinweisen, extensiv gepflegtes Offenland fördern, wo immer es geht. Wir berichten uns in unserer “Lepidopterologen-Blase” gegenseitig, wo die Probleme liegen. Viele von uns haben sich für kleinere und größere Projekte auf lokaler Ebene eingesetzt und tun dies immer noch. Oftmals stieß man auch auf Widerstand aus der Lokalpolitik – Ökonomie und Ökologie wurden gerne gegeneinander ausgespielt – und: letztlich endet alles beim Geld.

Fangen wir deshalb beim Geld an: Haben die Biostationen (oder vergleichbare Institutionen, wenn überhaupt vorhanden) genug Geld? Sind dort in ausreichender Anzahl fachkundige Personen dauerhaft angestellt? Ist genug Geld für professionelle Biotoppflege vorhanden? Können “Schutzzonen” um wertvolle Lebensräume aufgekauft werden? Wer koordiniert das Ganze: Bund, Land oder Kommune? Oder läuft das nach dem Motto: machst Du es nicht oder lass ich es liegen? Sicher können wir weiter auf lokaler Ebene mit Ehrenamtlern und engagierten Biostationen Biotope erhalten. Aber das steht und fällt mit einzelnen Personen, sowohl an den Biostationen als auch in den Vereinen.

Daher frage ich mich seit Jahren: Wo ist der große Wurf, wo das klare Bekenntnis der Politik zum Naturschutz, das Geld für echte Veränderungen? Werden “Naturschützer” immer noch als störend empfunden, als Querulanten mit Außenseiterhobby? Leute, die ja nur diese und jene Viecher schützen wollen, damit sie ihrem Hobby nachgehen können, aber dabei dem neuen Industriegebiet auf der grünen Wiese im Weg stehen? Ich meine, der Schutz der Natur und der Artenvielfalt muss eine allgemein anerkannte Gesellschaftsaufgabe sein!

Ja, ich liebe Schmetterlinge. Ich will nicht, dass sie verschwinden. Daher hier zwei Beispiele weshalb ich meine, dass es mit “kleinen, lokalen Projekten” alleine nicht mehr getan ist:

Der Dukatenfalter:

Lycaena virgaureae, Dukatenfalter, 13.07.2020 Kahler Asten (Foto: Tim Laußmann)

Jeden Frühling plane ich, welche gefährdeten Schmetterlingsarten ich dieses Jahr “besuchen” will. Viele schöne Biotope werden gut erhalten und sogar verbessert – da muss man nichts schlecht reden. Für dieses Jahr hatte ich mir den Dukatenfalter vorgenommen. Sorgen bereitete mir ein Bericht in der aktuellen “Melanargia” (Heft 2, XXXII. Jahrgang) in dem die Biostation Siegen Wittgenstein schreibt, dass die noch vor 10 Jahren sehr starke Population auf der Trupbacher Heide bei Siegen verschollen ist. Meine persönlichen Beobachtungen habe ich hier zusammengefasst.

Was mich aber überrascht hat: aus anderen Regionen Deutschlands kamen als Kommentare zu dem Blogbeitrag ähnliche Berichte: Die Bestände an Dukatenfaltern sind demnach in folgenden Gebieten rückläufig oder gar nicht mehr vorhanden: Rhön, Odenwald, Raum Offenbach, Raum Augsburg und im Spessart. Auch aus dem Saarland hört man nichts Gutes. Was ist da los? Das Bundesamt für Naturschutz schrieb mir am 28.07.2020 als Antwort auf meine Anfrage, dass keine Informationen zu den Beständen des Dukatenfalters vorlägen und verwies mich auf den bekannten Artikel von Zapp, Delattinia 35-36 (2010). Zudem wurde mir mitgeteilt, dass man an einer Gefährdungsanalyse arbeite, deren Ergebnisse aber wahrscheinlich nicht vor 2022 zu erwarten sind.

Meine Anfrage beim “Rote-Liste-Zentrum” ergab, dass die Dukatenfalter tatsächlich verschwinden: Klimawandel steht hier im Vordergrund: trockene Frühjahre, warme Winter, das ist nicht optimal für die im Ei überwinternden Raupen des Dukatenfalters. Zudem müssten die Biotope (aktuell z.B. noch im Hochsauerland) optimiert werden. Als Art, die gerne am Waldrand lebt, braucht sie offene Waldstrukturen mit blühenden Hochstauden im Sommer. Diese werden unnötigerweise durch die Waldwirtschaft zu früh abgemäht – eine Verschiebung der Mahd würde nicht einmal etwas kosten.

Der Apollofalter:

Mosel – Apollofalter, Parnassius apollo, Valwig (Mosel) 02.07.1995, aufgenommen am Apolloweg, Mitte zwischen Parkplatz und Brauselay, Falter wurden auf ca. 10-20 m nach einem Gewitterregen aus dem Sedum zusammengesammelt (Foto: Tim Laußmann)

Gut erinnere ich mich an die “legendären” Moselapollo-Exkursionen mit den Rheinisch-Westfälischen Lepidopterologen. Zwischen 1992 und 1995 habe ich mir jährlich das Spektakel mit den zahlreichen Apollofaltern beginnend an der Moseltalbrücke bis zum Apollofalter-Weg angesehen. Andächtig standen wir am Fuß der Brauselay bei Cochem und sahen bis zu 50 Falter auf einmal im Fels fliegen. Nach einem Gewitter konnte ich am “Apolloweg” auf 20 Metern sieben im Sedum album (weiße Fetthenne) ruhende Apollofalter zusammentragen (Bild). Jahrelang dachte ich: da kann nichts passieren, die Biotope sind so beschaffen, dass man sie nicht bebauen, überdüngen oder sonst etwas damit machen kann.

Aber trotzdem: seit etwa zehn Jahren geht es auch dort bergab (Müller und Hanisch, Melanargia Heft 1, XXXII. Jahrgang). Was ist los? Extreme Wetterereignisse und milde Winter werden hier eine Rolle spielen. Aber auch der Verlust an blühenden Pflanzen. Das kann jeder sehen, der darauf achtet. Kann man hier nicht konsequent umliegende Flächen so einsäen und pflegen, dass die Apollofalter weiter eine Nektarquelle haben? Ist genügend Geld für solche Sofortmaßnahmen vorhanden? Das Bundesamt für Naturschutz teilte mir mit, dass ich mich an die lokalen entomologischen Vereine (also an uns selbst?) wenden soll. Ich weise an dieser Stelle darauf hin, dass der Apollofalter eine weltweit besonders geschützte Art und zudem eine FFH-Art ist. Wenn wir diese verlieren, wird die Bundesrepublik Deutschland darlegen müssen, wie das passieren konnte. Ggf. kann es auch zu Klagen und Strafzahlungen kommen.

Was tun!

Meine Frage: Werden solche, teils bundeslandübergreifenden Phänomene überhaupt öffentlich wahrgenommen? Sollten wir das nicht richtig publik machen? Wenn schon Klimawandel im Spiel ist, können der Apollofalter und der Dukatenfalter vielleicht zusammen mit dem Lilagold-Feuerfalter und dem Blauschillernden Feuerfalter nicht als Paradebeispiele dienen, dass viel, viel mehr gegen den Klimawandel und für den Biotopschutz getan werden muss? Diese Schmetterlinge sind bunt und attraktiv – das finden bestimmt auch “normale Menschen” schade, wenn diese Arten weg wären. Kann man auf politischer Ebene für mehr Geld für vernünftige Biotoppflege sorgen?

Welcher hochranginge Politiker würde sich das auf die Fahne schreiben und hat das Rückgrad zu sagen: ja, ich unterstütze den Naturschutz, ich stelle mich persönlich vor die Naturschützer, die Biostationen, die Behörden und sitze den Lobbisten nicht mehr auf dem Schoß? Finden sich engagierte Sponsoren (Firmen, Privatpersonen)? Ein Engagement im Naturschutz stünde mancher großen Firma, die sich in dieser Hinsicht nicht mit Ruhm bekleckert hat, vielleicht ganz gut zu Gesicht, oder? Da kann man ja auch drüber reden: “Tue Gutes und rede darüber!”. Auch das Sterben der Fichtenwälder könnte hier eine Chance sein, die noch vorhandenen Lebensräume (Dukatenfalter) zu erhalten bzw. zu vergrößern und zu verbessern. Und: kann man nicht öffentliche Flächen viel konsequenter insektenfreundlich pflegen, wo immer das möglich ist – “Balkenmäher statt Schlegelmulcher”? Auf Bundesebene wäre  die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben zuständig – da kann der Bund selbst aktiv werden und müsste nicht auf das “klein-klein” der Kommunen warten! Beispiele gibt es schon. Auch das wäre kostenneutral zu leisten. Kurz gesagt: Ideen gibt es genug, um etwas zu tun. Und diese simplen “Ideen” sind auch plausibel und logisch – da braucht man keine Arbeitsgruppe, keine Analyse, nicht noch ein Gutachten, keine Beraterfirma. Will man uns für dumm verkaufen?

Um das mal ganz klar zu machen: Ich gebe hier keiner Behörde, keiner Biostation die Schuld. Chronisch unterfinanziert, mit Personalmangel, befristeten Stellen usw. tun sie sicher ihr Bestes. Diese müssen gestärkt werden mit Geld, Personal, Infrastruktur und vor allem: POLITISCHEM WILLEN. Ich gehe zudem davon aus, dass kein Bauer übers Feld fährt und sagt: “jetzt kann ich endlich den letzten Schachbrettfalter erledigen”. Ich glaube immer noch an die friedliche Koexistenz von Landwirtschaft und Naturschutz! Aber: nur mit Forderungen an die Landwirtschaft wird es nicht gelingen, auch hier muss Geld fließen, andere Anreize müssen gesetzt werden. Bauern für die “Produktion” von Insekten bezahlen! So funktioniert unsere Gesellschaft nun mal.

Also: wie können wir die Politik beeinflussen? Auf irgendjemanden zu warten, der die Sache anpackt, hat meiner Meinung nach keinen Sinn. Oder soll sich der Artenschutz hinter anderen “Erfolgsprojekten” wie der Energiewende, Verkehrswende, Bildungsoffensive, Digitalisierung,… einreihen? Schade, dass unsere Volksvertreter ihre von uns allen verliehene Macht nicht nutzen: Selbst einfachste, kostenneutrale Dinge, wie oben beschrieben, werden unter der selbst geschaffenen Bürokratie begraben. Wenn man politisch etwas verhindern will, findet sich für alles ein Bedenkenträger. Liebe Leute: sprecht über Lösungen, nicht über Probleme!

Was wir brauchen, sind Personen mit “Gewicht”. Wir “Hobbyentomologen”, die zwar eine sehr gute Artenkenntnis, aber letztlich keine Stimme haben, werden wahrscheinlich kaum etwas erreichen. Wir predigen schon so viele Jahre, viele von uns sind auch entmutigt und desillusioniert. Ich würde mir auch noch viel mehr Unterstützung und Rückendeckung aus dem akademischen Bereich wünschen! Zu schnell werden unsere jahrelangen Beobachtungen als “lediglich deskriptiv”, “wissenschaftlich fragwürdig” oder als “Erkenntnisse aus dem Amateurbereich” abgetan (siehe die “Krefeld-Studie”). Das hilft der Sache nicht. Wir müssen uns gegenseitig fördern! Hochrangige Professoren würden vielleicht angehört zu werden. Damit meine ich letzten Endes nicht nur Biologen, ich halte unseren Umgang mit der Natur und deren Ressourcen für desaströs – das wird uns langfristig ruinieren, nur um jetzt das schnelle Geld zu machen? Die Schmetterlinge sind doch nur die empfindlichen Vorboten dessen, was da auf uns zukommt. Also, liebe Ökonomen, wo ist Eure Stimme? Auch “Fridays for Future” halte ich in diesem Zusammenhang für einen guten Ansprechpartner!

Übrigens: letztes Jahr bekam ich zwei ernst gemeinte Anfragen, ob wir (der Naturwissenschaftliche Verein Wuppertal) Schmetterlinge (gewünscht waren Segelfalter, Schwalbenschwanz, Schillerfalter,… ich vermute, dass hier ein buntes Bestimmungsbuch bemüht wurde) zur Ansiedlung im Garten verkaufen würden und was diese kosten würden. Auch wenn so ein Projekt zum Scheitern verurteilt und auch rechtlich mehr als fragwürdig ist, zeigt es mir, dass das Problem Insektensterben – auch über die Honigbienen hinaus (sind ja eigentlich auch „Nutztiere“!) – so langsam in der breiten Öffentlichkeit ankommt. Gut, der Ansatz „Wiederansiedlung“ ist hier noch ausbaufähig, aber nach einer kurzen Beratung waren die Anfragenden ganz begeistert, dass sie selbst ihren Garten schmetterlingsfreundlich gestalten können.

Jedoch muss man zumindest für Dukatenfalter und Apollofalter sagen: wenn weg, dann weg, dann hilft auch alles Geld nicht mehr! Wenn  jetzt nicht gehandelt wird, wann dann? Und bitte, liebe Politik: nicht noch eine Arbeitsgruppe, noch eine Anhörung, noch eine Beraterfirma… ich persönlich habe ein echtes Problem mit dieser „Ankündigungspolitik“ – einfach mal machen! – Wir können das besser – alle zusammen!

Kommentare (s.u.) willkommen!

Lesen Sie hierzu einen Beitrag von Prof. Dr. Kunz, Institut für Genetik, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.


Dr. Tim Laußmann ist Leiter der Entomologischen Sektion des Naturwissenschaftlichen Vereins Wuppertal, der im kommenden Jahr 175 Jahre alt wird. Der Diplom-​​Chemiker lebt in Leverkusen.
https://www.researchgate.net/profile/Tim_Laussmann

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Die Helle Pfeifengras-Grasbüschel-Eule und das Sommerloch

Nicht alles was in der Zeitung steht muss stimmen! Im Fall von Pabulatrix pabulatricula hätte ein bisschen mehr Recherche gut getan.

Eine kleine faunistische Sensation treibt die Kollegen in Bayern um: in einem Wald bei Wiesentheid in Unterfranken östlich von Würzburg ist Pabulatrix pabulatricula aufgetaucht, die “Helle Pfeifengras-Grasbüscheleule”. Die Kollegen von der Uni Würzburg, die dort die Fauna erfassen, diktierten der Deutschen Presseagentur (dpa)  in den Block:

“in einem Eichenwald in Unterfranken haben Wissenschaftler einen als in Mitteleuropa ausgestorben geltenden Nachtfalter entdeckt. [….]  Der Nachtfalter verschwand demnach vor 100 bis 150 Jahren aus den mitteleuropäischen Wälder […] Der erste überraschende Fund eines Exemplars gelang den Angaben zufolge im Juli 2019, inzwischen seien bei gezielten Suchaktionen im Sommer 2020 gleich mehrere Exemplare des seltenen Falters nachgewiesen worden.”

Der Sensationsfund wurde landauf landab in den Zeitungen abgedruckt, und schaffte es sogar auf die Webseiten des Bayerischen Rundfunks und von seriösen Medien wie Deutschlandfunk Nova. Insekten die aussterben und wieder auferstehen, und das auch noch ausgerechnet in Bayern, das ist ein toller Füllstoff für das Sommerloch!

Was nun die angeblich ausgestorbene Eulenfalter-Art angeht, so ist die Aussage definitiv falsch: Pabulatris pabulatricula war in Deutschland keineswegs ausgestorben! Weiterlesen

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