Sackträgermotte an Spiersträuchern: Coleophora spiraeella REBEL, 1916

Coleophora spiraeella REBEL, 1916, Raupensack an Spiraea x vanhouttei. Duisburg, 22. September 2021 (Foto: Willi Wiewel)

Spiersträucher stehen in vielen Gärten und Parks. Einige sind von Kleinschmetterlingen „befallen“. Mit ein wenig Glück und Ausdauer kann jede(r) seine persönliche Lepidopteren-Checkliste erweitern.

September ist DIE Zeit für die Fraßspuren- und Minensuche nach Kleinschmetterlingen. Eine bisher nur selten gemeldete Art ist die Spierstrauch-Sackmotte – Coleophora spiraeella REBEL, 1916, über deren Verbreitung im Arbeitsgebiet wir nur sehr wenig wissen. Im Faunenband über die Coleophoriden (Band 7 der Lepidopterenfauna der Rheinlande und Westfalens) ist die Art jedenfalls (noch) nicht aufgeführt. Aktuell haben verschiedene Kollegen in einer regionalen Whatsapp-Gruppe auf die Art aufmerksam gemacht, deshalb an dieser Stelle der Aufruf, einmal die Umgebung nach der Spierstrauch-Sackmotte abzusuchen.

Raupensäcke und Fraßspuren der Art finden sich offenbar an verschiedenen Spiersträuchern, zum Beispiel an der Prachtspiere (Spiraea x vanhouttei) und der Kolbenspiere (Spiraea x billardii)  Die letztere Form steht mit auffälligen fliederfarbigen Blüten in vielen Parks und Gärten.

Hier einmal ein Originalzitat von Willi Wiewel aus Duisburg, über einen Fund an S. x vanhouttii : „Der Fundort liegt im Biegerpark in Duisburg-Wanheim im MTB 4606,2. Die Minen waren auf den Blattoberseiten des Strauches gut zu erkennen, ebenso an der Unterseite des jeweiligen Blattes. An nur noch einer Mine fand ich einen Sack, etwa 6 Minen waren nicht mehr besetzt. Dort waren aber kleine, ringförmige Löcher erkennbar, ähnlich des Minenbildes am Seifenkraut. Die Minen waren aber an der Oberseite nicht so ausgeprägt, wie es am Seifenkraut auffällig ist.“

Die ausgewachsenen Raupensäcke von C. spiraeella messen etwa 8mm. Sie sind den ganzen Winter über an den Sträuchern zu finden, wo die Raupen überwintern. Die Verpuppung erfolgt im Frühjahr, das unscheinbar graue Falterchen hat ca. 10mm Spannweite.

Es steht zu vermuten dass C. spiraeella viel weiter verbreitet ist als angenommen, wie das auch schon bei einer ganzen Reihe weiterer Arten zu bemerken war, zum Beispiel bei der Seifenkraut-Miniersackmotte – Coleophora saponariella oder  der Buchenrinden-Zwergminiermotte – Zimmermannia liebwerdella.

Über weitere Meldungen oder Einträge in bekannten Online-Datenbanken freuen wir uns, auch über die Zusendung von Fotos vom lebenden Falter!  Mit den meisten Mobiltelefonen kann man mit ein wenig Übung ausreichend gute Belegfotos aufnehmen. Den Kollegen die hier die Bilder zulieferten an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön! Allen Anderen viel Erfolg bei der Suche!

Veröffentlicht unter Allgemein, Mikros | Schreib einen Kommentar

Trauermantel-Einflug aus Nordeuropa

Hier nur ein kurzer Hinweis auf ein aktuell interessantes Phänomen: Die Wetterlage Ende August war geprägt von einer ungewöhnlich lange anhaltenden Nord-Strömung. In der Folge sind offenbar in großer Zahl Falter vom Trauermantel Nymphalis antiopa in den Norden der Niederlande gelangt, und auch in Nordrhein-Westfalen gab es nach etlichen Jahren ohne Nachweise mal wieder Funde:

Trauermantel (Nymphalis antiopa), Recke, 4. September 2021 (Foto: Sieglinde Pietsch)

Beim Schmetterlingskurs am Heiligen Meer in Recke, an der Grenze zu Niedersachsen,  konnten die Teilnehmer am 4. September 2021 einen Falter beobachten und sogar in ein Glas sperren, der zusammen mit etlichen Admirälen (Vanessa atalanta) auf dem Boden an heruntergefallenen Vogelkirschen saugte. Der ziemlich zerfledderte Falter hatte offenbar schon ein bewegtes Leben hinter sich. Ein weiteres Tier wurde aus Hünxe gemeldet.

Nachweise vom Trauermantel in den Niederlanden, Quelle: waarneming.nl

Die Recherche in den Internetportalen der Nachbarländer Holland und Belgien ergab für den Zeitraum seit dem 23. August  2021 eine erstaunliche Anzahl von 93 Nachweisorten in den Niederlanden, ab dem 27. August ´21 wurden bislang aktuell sechs weitere Plätze aus Belgien gemeldet. Auch der auf Helgoland beobachtete Falter dürfte auf diesen Einflug aus Norden zurückgehen. Auf Facebook geistern weitere Meldungen aus Schleswig-Holstein herum, an Stellen wo der Falter sicher nicht bodenständig ist.

Vielleicht gibt es weitere Beobachtungen, die am besten in den gängigen Internetportalen (observation.org, naturgucker.de etc.) eingetragen werden sollten, damit sie nicht verloren gehen. Haltet die Augen offen!


[Nachtrag Stand 15.9.2021: auch am 6. September wurde am Heiligen Meer ein Falter beobachtet, das Bild legt nahe dass es sich um ein zweites Exemplar gehandelt hat. Weitere Nachweise liegen aus Detmold, Altenbeken, Krefeld, Solingen und Bad Zwischenahn (westlich von Oldenburg, Nds.) vor]

Veröffentlicht unter Allgemein, Daten, Exkursionen, Seltene Arten | 1 Kommentar

Mikro-Suchtipp: Saftschlürfermotte an der Pappel

Die Minen der Pappel-Schneckenmotte Phyllocnistis extrematrix sind aktuell relativ leicht zu finden. Die weiten, leeren Flächen auf der Verbreitungskarte könnten sich bald mit hübschen dunkelbraunen Quadraten füllen. 

Die zu den Gracillariidae gestellte Unterfamilie Phyllocnistinae (Saftschlürfermotten) sind in Deutschland mit acht Arten vertreten, sieben davon minieren als Raupe an verschiedenen Salix– und Populus-Arten.

Ph. extrematrix miniert an Schwarz- und Hybridpappel sowie Balsampappel-Arten. Laut Artseite im Lepiforum bzw. der dort verlinkten Arbeit von Tina Schulz & Thomas Fähnrich (2018) können an diesen Nahrungspflanzen die Minen von Ph. extramatrix von denen von Ph. unipunctella dadurch unterschieden werden, dass P. unipunctella an einem einzigen Blatt und P. extrematrix in Blatt, Blattstiel und Sprossachse/Zweig miniert. Bereits Hering (1957) beschreibt dieses Kriterium.

In der Vereinsdatenbank gibt es bisher nur einen einzigen Nachweis der Art, getätigt beim Westdeutschen Entomologentag 2018, direkt vor dem Löbbecke-Museum in Düsseldorf, durch den niederländischen Mikro-Spezialisten Erik van Nieukerken. Darüber hinaus fand Josef Bücker bereits 2012 in Hagen extrematrix-Minen an Pappelzweigen, die wohl den Erstnachweis für Deutschland darstellen.

Im Lepiforum steht zu lesen: „Die Omnipräsenz an einigen der Fundorte sowie die Nachweise in zwei weit auseinander liegenden Bundesländern [Bayern und Niedersachsen; der Hagener Fund ist dort noch nicht berücksichtigt] lassen vermuten, dass die Art weiter in Deutschland verbreitet ist und bisher übersehen wurde. An Fundstellen der ubiquitären, vielerorts massenhaft auftretenden Minen von Ph. unipunctella sollte also genauer nachgeschaut werden!“

Meine quasi mühelosen Funde passen zu dieser Aussage: Ende Juli wurde ich im Nordwesten von Köln erstmals auf die Art aufmerksam, als ich frische Schösslinge unten an einer Pyramidenpappel untersuchte. Neben Blattminen fand ich dabei auch Minen an den Zweigen/Sprossen/Blattstielen (siehe Fotos). Seitdem konnte ich bei sporadischen Ausflügen an circa der Hälfte aller Schwarz-/Pyramidenpappeln im Kölner Nordwesten Minen von Ph. extrematrix finden, konkret an sechs verschiedenen Standorten in vier Meßtischblatt-Quadranten (TK 25). Ein Aufzuchtversuch hat bislang noch keinen Falter ergeben.

Literatur und Links

Lepiforum: Artseite von Phyllocnistis extrematrix http://lepiforum.org/wiki/page/Phyllocnistis_extrematrix

Naturgucker: extrematrix-Beobachtungen aus dem Nordwesten von Köln

Hering (1957): Bestimmungstabellen der Blattminen von Europa: Einschließlich des Mittelmeerbeckens und der Kanarischen Inseln. 1406 Seiten, Springer Verlag

Schulz & Fähnrich (2018): Erstnachweis von Phyllocnistis extrematrix Martynova, 1955 für Deutschland, Niedersachsen; Entomologische Zeitschrift 128 (4): 231-235PDF: http://www.lepiforum.eu/bh/personen/tina_schulz/publications/erstnachweis_niedersachsen_phyllocnistis_extrematrix.pdf

 

Veröffentlicht unter Bestimmungshilfe, Mikros, Seltene Arten | Schreib einen Kommentar

Erst kommt der Regen, dann der Bär

Brauner Bär – Arctia caja. Schmetterling des Jahres 2021. (Foto: Martine Goerigk)

Der lange geplante Leuchtabend im Vorderen Westerwald wäre fast ins Wasser gefallen. Aber nur fast! Trotz einiger Regentropfen zwischendurch und leichten Windböen kamen doch etliche Nachtfalter zum Licht und an die  Köder. Die Exkursion zum „Schmetterling des Jahres“ blieb für die Expertenaugen übersichtlich, das Publikum war trotzdem zufrieden.

Gespannt hatten wir die Wetterberichte verfolgt, die sich die ganze Woche über von Tag zu Tag verbessert hatten – um dann im letzten Moment doch noch umzuschlagen und vor Starkregen zu warnen. Dennoch waren einige Unentwegte mit ihren Leuchttürmen und Köderstreifen angerückt und warteten das plötzlich aufziehende heftige Gewitter erst mal im Auto ab.

Begleitetet von einem phantastischen doppelten Regenbogen mussten wir uns dann schnell auf die vorher ausgesuchten Plätze verteilen. Unsere Lichtfanganlagen standen alle im „Buchholzer Moor mit Lökestein“ im Landkreis Neuwied in Rheinland-Pfalz. Das Naturschutzgebiet liegt dicht an der Grenze zur „Komper Heide“ in Nordrhein-Westfalen. Rundherum ist nach drei Dürrejahren und Borkenkäferplage der Fichtenforst stark ausgelichtet oder entfernt worden. Auf den Freiflächen des Naturschutzgebietes wachsen Besen- und Glockenheide zusammen mit Lungenenzian, Moorlilie und  einer ganzen Reihe weiterer sehr seltener Pflanzenarten.

Teils mit der ganzen Familie und vorsichtshalber in Gummistiefeln – sowie immer mit dem nötigen Corona-bedingten Abstand – waren neben Vertretern aus unserer Arbeitsgemeinschaft und der BUND-Naturschutzstiftung etliche Mitglieder des ANUAL (Arbeitskreis Natur- und Umweltschutz Asbacher Land e.V.) gekommen. Der kleine, aber äußerst tatkräftige Verein entwickelt und pflegt das Buchholzer Moor auf der rheinland-pfälzischen Seite seit vielen Jahren hervorragend.

Gemeinsam zogen jung und alt mit der Taschenlampe ihre Kreise zwischen den Leuchtanlagen, bestaunten und fotografierten die besonders bunten Tiere an Licht und Köder. Roseneule, Großes Eichenkarmin und Erlen-Zackenrandspanner standen Modell und wurden gebührend bewundert.

Spannend wurde es kurz nach Mitternacht, als – wie vorhergesagt, nicht vor zwölf! – die ersten Braunen Bären (Arctia caja) anflogen und unruhig noch viel „Rot“ zeigten. Die beeindruckend großen Falter flogen ziemlich zeitgleich an den weit auseinander stehenden Türmen an. Bei dem an der Landesgrenze stehenden Turm waren es zuletzt drei, insgesamt fünf Tiere. Das kann sich sehen lassen! Schließlich ist Arctia caja der „Schmetterling des Jahres 2021“ und war die erklärte Zielart der Exkursion.

Und wie das so geht beim Lichtfang im August, der Abend war miserabel gestartet, Moor und Heide trockneten im Verlauf der Nacht aber ab, das Publikum war schon lange im Bett und – schwupps – war es schon wieder viertel vor drei! Es tat gut, einfach mal wieder gemeinsam in die Nachtfalterwelt einzutauchen und nicht alleine im Gelände zu stehen. Anbei eine kleine Bilderschau zum Erinnern und als Eindruck für alle, die nicht dabei sein konnten.

Die vorläufige Artenliste für den Abend, in Observation.org einzusehen, listet knapp 70 Nachtfalter-Arten auf – angesichts der Wetterverhältnisse ein ganz ordentliches Ergebnis. Perfekt getarnt in der blühenden Besenheide, war die rot-weiß gefärbte Kleine Heidekrauteule Lycophotia porphyrea insgesamt die häufigste Art des Abends. Die Gesamtliste an Nachtfaltern, die in Observation für das Buchholzer Moor eingegeben sind – und das sind durchaus nicht alle Funde von dort – verlängerte sich immerhin auf über 260 Arten.

Lesetipp:
Johanna Romberg: Der Braune Bär fliegt erst nach Mitternacht. Unsere Naturschätze. Wie wir sie wiederentdecken und retten können. 288 Seiten, Quadriga Verlag, ISBN: 978-3-86995-104-1

Veröffentlicht unter Bärenjagd, Exkursionen, Pflegemaßnahmen, Seltene Arten | Schreib einen Kommentar

Thaumatotibia leucotreta (Meyrick, 1913) (Tortricidae; Lepidoptera) ein ungebetener Gast – mit dem Potenzial zum Daueraufenthalt in Deutschland?

Thaumatotibia leucotreta (Meyrick, 1913) (♂): Deutschland, Nordrhein-Westfalen, Bottrop, 2. September 2020; leg. det. und GU. Monika Weithmann.

Durch die Globalisierung der Produktion und des Handels mit Nahrungsmitteln und Pflanzen werden auch leicht Schädlinge von Kontinent zu Kontinent übertragen. Sind dann die Lebensbedingungen für den Neuankömmling in der neuen Heimat optimal, kann sich die Art etablieren und große Schäden in der einheimischen Flora anrichten. Als Beispiele in den letzten 15 Jahren können hierfür der Buchsbaum-Zünsler Cydalima perspectalis (Walker, 1859) oder auch die Kirschessigfliege Drosophila suzukii (Matsumura, 1931) dienen.

Die Wickler-Art Thaumatotibia leucotreta (Meyrick, 1913), deren Ursprungsheimat in Afrika südlich der Sahara liegt, wurde in den letzten Jahren in Europa immer wieder vereinzelt nachgewiesen. Die Art hat das Potential sich langfristig in Europa, besonders im Süden, in den Obst- und Gemüseplantagen sich zu etablieren. T. leucotreta lebt polyphag an den unterschiedlichsten Pflanzenteilen und ist auch nicht wählerisch bei den einzelnen Pflanzenfamilien. So wurde die Art unter anderem in unterschiedlichsten Citrus spp. (z.B. Zitronen und Orangen), in Capsicum spp. (z. B. Paprika und Chili), in Getreide (Mais und Hirse), in Rosaceaen (z.B. Pfirsiche und Rosen), Malvaceaen (z. B. Hibiscus, Baumwolle, Okraschoten), Quercus ssp. (Eichen) sowie in Coffea spp. (Kaffee) oder in Olea europaea (Oliven) nachgewiesen. Van der Geest et al. (1991) führte in seiner Veröffentlichung 50 Pflanzenarten in 30 Familien auf. T. leucotreta gilt weltweit als gefürchteter Schädling und wurde auch von der Europäischen Union in der Liste der 20 Quarantäne-Schädlinge aufgenommen.

Im September 2020 fand ich im Siedlungsbereich in Bottrop an einer UV-Lampe eine unscheinbare, leicht ramponierte Tortricide, die ich nicht richtig zu ordnen konnte. Eine schnelle Durchsicht der Bestimmungsbücher Tortricidae of Europe von J. Razowski (2002) führten auch zu keinem brauchbaren Ergebnis. Also beschloss ich, den Falter zu präparieren, um später für eine genaue Bestimmung eine Genitaluntersuchung durchzuführen. Bei der Präparation des Falters fielen die „Macken“ an den beiden Hinterflügeln und die farbig abgesetzten Haarbüschel an den Hinterbeinen auf (siehe Foto). Die beiden Macken an den Hinterflügeln interpretierte ich erst fälschlicherweise als eine Störung in der Metamorphose bei der Falterentwicklung und schenkte dem Merkmal leider keine weitere Beachtung. Die durchgeführte Genitaluntersuchung brachte für mich die nächste Überraschung. Das männliche Genital hatte zwar sehr große Ähnlichkeiten mit den typischen Merkmalen von Cydia spp., jedoch gab es keine 100-prozentige Übereinstimmung mit den GU-Vorlagen aus dem Bestimmungsbuch.

Nach einer anschließenden ausführlichen Recherche in der Bestimmungshilfe des Lepiforums wurde ich tatsächlich fündig und konnte dem Falter endlich den wohlverdienten Namen geben: es war ein Thaumatotibia leucotreta (Meyrick, 1913). Die Art wurde im Jahr 2020 in Deutschland, laut Lepiforum, noch in Niedersachen (Selsingen, Frank Geisler) und in Baden-Württemberg (Blumberg, Hans-Peter Deuring) außerhalb von Gewächshäusern nachgewiesen.

Bei der Art T. leucotreta liegt eindeutig ein Sexualdimorphismus vor. Nur die Männchen haben die beiden Makel auf den Hinterflügeln und ebenso die beiden unterschiedlichen gefärbten Haarbüschel an den Hinterbeinen (siehe Foto). Die Vorderflügel können in der Braunfärbung variieren. Die Größe der Falter wird in der Literatur beim Männchen mit 15 – 16 mm und beim Weibchen mit 19-20 mm angegeben. Eine sehr ausführliche Beschreibung und Fotos der einzelnen Stadien von T. leucotreta hat die European and Mediterranean Plant Protection Organization herausgegeben ( PM 7/137 (1) Thaumatotibia leucotreta (wiley.com) .

Ob T. leucotreta (Meyrick, 1913) sich hier in Deutschland dauerhaft in der freien Natur ansiedeln kann, oder nur als lästiger „Gewächshaus-Schädling“ in Gemüse- oder Zierpflanzenkulturen hält, wird nur von der tatsächlichen Kältetoleranz der Art innerhalb der einzelnen Stadien abhängen. Zur Zeit wird im Gartenbau davon ausgegangen, dass die Entwicklung der Art unter 10 °C gehemmt wird und unter 1 °C alle Stadien absterben. Pro Jahr kann die Art bei optimalen Lebensbedingungen fünf Generationen hervorbringen. Bei Temperaturen über 16 °C dauert ein Entwicklungszyklus vom Ei bis zum Falter 40 Tage (EPPO-Global Database). Eine reichliche Auswahl von Futterpflanzen über Gemüse (z. B. Erbsen, Tomaten, Paprika), Mais, Rosen, Eichen oder bestimmte Zierpflanzen (z.B. Hibiscus, Oleander usw.) ist in Deutschland vorhanden. Viele dieser Pflanzen werden im Gartenbau in Deutschland frostfrei überwintert.

Zukünftige milde Winter würden die Art ebenfalls unterstützen. Im Sommerhalbjahr wären, von den üblichen Temperaturen her, mehrere Generationen theoretisch möglich. In wie weit die Falter mit heißen Winden aus den südlichen Ländern wie z.B. Italien oder Frankreich oder vielleicht aus den Gartenbau-Gebieten der Niederlande nach Deutschland transportiert werden können, kann bis jetzt auch noch nicht beantwortet werden. Das letzte Jahr in Deutschland war von den Temperaturen optimal für die Entwicklung der Art T. leucotreta. Vielleicht auch deswegen sind die beiden Nachweise im Lepiforum und der eigene quer über das Land verteilt. Die nächsten Jahre werden es zeigen, ob sich eine Art aus Afrika in Deutschland dauerhaft etablieren kann.

Literatur und Internet (Zugriff: 05.07.2021):

COMMISSION DELEGATED REGULATION (EU) 2019/1702 of 1 August 2019 supplementing Regulation (EU) 2016/2031 of the European Parliament and of the Council by establishing the list of priority pests;  Official Journal of the European Union L 260/8 11.10.2019; EUR-Lex – 32019R1702 – EN – EUR-Lex (europa.eu)

European and Mediterranean Plant Protection Organization: Diagnostics PM 7/137 (1) Thaumatotibia leucotreta; Bulletin OEPP/EPPO Bulletin (2019) 49 (2), 248–258; PM 7/137 (1) Thaumatotibia leucotreta (wiley.com)

EPPO Global Database
Thaumatotibia leucotreta (ARGPLE)[Overview]| EPPO Global Database

GBIF/Global Biodiversity Information Facility: Thaumatotibia leucotreta (Meyrick, 1913) (gbif.org)

Lepiforum: Thaumatotibia leucotreta – LepiWiki (lepiforum.org)

Razowski, J.(2003): Tortricidae (Lepidoptera) of Europe. Volume 1 und 2.Verlag F. Slamka, Bratislava.

Van Der Geest LPS, Wearing CH and Dugdale JS (1991) Tortricids in miscellaneous crops.. In L. P. S.van der Geest and H. H. Evenhius, eds. Tortricid Pests: Their Biology, Natural Enemies, and Control. World Crop Pests, Vol. 5.pp. 563–577. Elsevier, Amsterdam.

Veröffentlicht unter Bestimmungshilfe, Mikros, Seltene Arten | Verschlagwortet mit , , , | Schreib einen Kommentar

Apollofalter, Verbuschung und Präsenz

Kleiner Schillerfalter – Apatura ilia, Pommern, 28. Juni 2021 (Foto: Dahl)

Die neueste Ausgabe der Melanargia liegt in den Briefkästen oder bereits auf Euren Tischen, 64 Seiten stark und dicht gepackt mit faunistischen Informationen. Wer gedacht hatte, die Schmetterlingsforschung würde mangels Nachwuchs aussterben, der lag gründlich daneben.

Momentan wächst eine ganze Generation hervorragend ausgebildeter und mit reichlich Geländeerfahrung gesegneter Menschen heran, die das „Geschäft“ übernehmen werden. Seit vielen Jahrzehnten von besonderem Interesse ist der Zustand der Populationen des Apollofalters an der Untermosel. „Mister Apollo“ ist aktuell der aus Lehmen stammende Daniel Müller, Jahrgang 1996 (!), der sich schon sein halbes Leben professionell mit den Faltern der Untermosel beschäftigt. Dessen ausführliche Aufarbeitung der Fundortlage lesen wir mit gemischten Gefühlen: Der Apollo, DAS Aushängeschild unserer Arbeitsgemeinschaft, ist in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen. Liegt es am Klimawandel oder an der „Bordeauxbrühe“, der Mischung aus gebranntem Kalk und Kupfersulfat, die im Weinbau reichlich als Fungizide ausgebracht wird? Oder ist es doch die „Lunarerotik“, wie von Aktivisten spekuliert wird? Jedenfalls findet in 2021 ein ausführliches Monitoring der Apollo-Fluggebiete statt, und so ganz schlecht schaut es momentan nicht aus. Bitte meldet Eure Apollo-Sichtungen mit genauen Datums- und Ortsangaben direkt an Daniel Müller oder bei observation.org, die Funde werden dort bis auf weiteres wegen der Seltenheit der Falter nur verdeckt dargestellt, aber zu gegebener Zeit publiziert.

Zwei Hohlwege südlich von Bonn lieferten in den vergangenen 45 Jahren immerhin 573 Schmetterlingsarten, der Schwerpunkt der Beobachtungstätigkeit von Heinz Schumacher und Rolf Mörtter lag zwischen 2017 und 2019. Faszinierend die schier endlose Liste von „Mikros“, hier konnten sich die beiden Experten mal so richtig austoben. Außerdem gibt es erste Hinweise auf die neue Rote Liste für Nordrhein-Westfalen, die unter der Federführung von Heinz Schumacher noch 2021 publiziert werden soll.

Beide oben genannten Arbeiten berichten über einen wichtigen Faktor bei der Entwicklung und Pflege der heimischen Natur(schutz)gebiete: Die weiter zunehmende Verbuschung und Verwaldung,  der man im verregneten Frühsommer 2021 sozusagen „live“ zuschauen kann. Viele Lebensräume werden ohne regelmäßige Pflege immer dunkler, feuchter und dadurch immer kälter, mit verheerenden Folgen für die Fauna. Obwohl das alles seit Jahrzehnten bekannt ist, wird hier von den Verantwortlichen und Behörden erst reagiert, wenn es schon „Fünf vor Zwölf“ ist.

Stigmella prunetorum

Laut Plant Parasites of Europe „so unmistakable“: Mine der Pflaumen-Zwergmotte Stigmella prunetorum an Vogelkirsche, Eitorf-Merten, 1. Juli 2021 (Foto: Brigitte Schmälter)

Zum Schluß noch eine gute Nachricht: Wir können uns wieder treffen! Die Mitgliederversammlung ist auf den 24. Oktober angesetzt und findet hoffentlich in Bonn im Museum König statt. Neben Vorstandswahlen und den üblichen Regularien versuchen wir Euch wieder ein anspruchsvolles Vortragsprogramm zu bieten. Um rechtzeitige Anmeldung bei der Geschäftsführung wird gebeten, es gibt vorerst eine Maximalzahl an Teilnehmern und ein Hygienekonzept. Details findet ihr demnächst unter >> Termine

Wir sehen uns dann! Einen falterreichen Sommer wünscht

Armin Dahl

 

 

 

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Literatur, Pflegemaßnahmen, Seltene Arten, Termine | Schreib einen Kommentar

Blauschillernd und golden – Juwelen der Lüfte

Blauschillernder Feuerfalter - Lycaena helle

Blauschillernder Feuerfalter – Lycaena helle. Foto: Andreas Kolossa

Mit dem Naturschutzprojekt LIFE helle Eifeltäler werden in den nächsten sieben Jahren grundlegende Schritte unternommen, um die Ziele der „Convention on Biological Diversity (CBD)“ zur Erhaltung der biologischen Vielfalt im Kreis Euskirchen langfristig zu erreichen. Zum Internationalen Tag der Biologischen Vielfalt am 22. Mai 2021 gibt die Biologischen Station im Kreis Euskirchen e.V. den Projektstart bekannt!

Das mit 4,7 Millionen Euro geförderte Projekt wird von 2021 bis 2027 in der Nordeifel im Kreis Euskirchen durchgeführt. Dabei konzentriert sich LIFE helle Eifeltäler auf die Erhaltung und Förderung der beiden bedrohten Tagfalter-Arten Blauschillernder Feuerfalter (Lycaena helle) und Goldener Scheckenfalter (Euphydrias aurinia). Die Lebensräume beider Arten werden wiederhergestellt, optimiert und vernetzt. Für den Goldenen Scheckenfalter ist eine (Wieder-)ansiedlung im Projektgebiet geplant. Mit einer großangelegten Kampagne: „Blauschillernd und golden – Juwelen der Lüfte“ wird die Öffentlichkeit informiert, eingebunden und für das Projekt, dessen Ziele und die beiden gefährdeten Arten und deren Lebensgemeinschaften begeistert.

Goldener Scheckenfalter – Euphydryas aurinia. Foto: Tim Laußmann

In Zeiten des großen Insektensterbens sollen die beiden besonderen Tagfalterarten natürlich selbst geschützt und deren Vorkommen stabilisiert werden. Sie sind aber auch sogenannte „Flaggschiffarten“: Im Naturschutz sind damit attraktive Tier- oder Pflanzenspezies gemeint, mit denen sich in der Öffentlichkeit eine emotionale Motivation für Natur- und Artenschutz begründen lässt. Mit den Maßnahmen für die charismatischen Arten werden nicht nur deren besondere Lebensräume wie Mittelgebirgs-Feuchtwiesen und feuchte Hochstaudenfluren optimiert und geschützt.

Es profitieren auch die damit verbundenen Pflanzen- und Tierarten. „Das Projekt wird sich auf die Biodiversität des Projektgebietes und auch darüber hinaus positiv auswirken!“ begründet Stefan Meisberger, Geschäftsführer und wissenschaftlicher Leiter der Biologischen Station, den Einsatz so hoher Finanzmittel für „zwei Schmetterlinge“. „Wir handeln damit ganz im Sinne unserer Maxime: Kein Artenschutz ohne Schutz der Lebensräume!“

Mehr Infos und Kontakt:

LIFE helle Eifeltäler (LIFE19 NAT/DE/000871)
Marietta Schmitz – Projektleitung u. -management, Öffentlichkeitsarbeit
Biologische Station im Kreis Euskirchen e.V.

Veröffentlicht unter Insektensterben, Naturschutz, Seltene Arten | Schreib einen Kommentar

Eselswolfsmilch-Glasflügler starten in die Saison

Ch. tenthrediniformis (♀), Leverkusen-Hitdorf, Hafen, 16. Mai 2021 (Foto: Dahl)

Wer noch nie im Leben einen Glasflügler gesehen hat: Aktuell Mitte Mai ist es ziemlich einfach! Entlang der großen Flüsse wächst überall die Eselswolfsmilch (Euphorbia esula), und an Rhein und Mosel gibt es auch aus 2021 schon etliche aktuelle Nachweise vom Eselwolfsmilch-Glasflügler Chamaesphecia tenthrediniformis. Die Flugzeit reicht von Mitte Mai bis Anfang Juni.

Das Tierchen hat zwar einen komplizierten Namen, ist aber um so einfacher zu finden:  Hat man einmal die blühende Wolfsmilch lokalisiert, ist es oft nur eine Frage von Minuten, bis man bei sonnigem Wetter die kleinen, wespenfarbig gelb/schwarz gezeichneten Falter direkt auf den Pflanzen sitzen oder in der Umgebung herumfliegen sieht. Im Gegensatz zu den meisten anderen Glasflügler-Arten ist Ch. tenthrediniformis ziemlich flugfaul und nicht scheu.

Hafenwiese mit Massenbestand von Schnittlauch und blühender Eselswolfsmilch (Bildmitte), Leverkusen-Hitdorf, 16. Mai 2021 (Foto: Dahl)

Die Eselswolfsmilch wächst zumindest an Rhein und Mosel im direkten Bereich des Hochwassers, bevorzugt an befestigten Stellen, oft mitten zwischen Ufer-Steinpackungen oder an Fährstellen. In den Eselswolfsmilch-Beständen sind allerdings zur besten Blütezeit noch ein paar andere, ähnlich aussehende Insektenarten unterwegs, zum Beispiel Schwebfliegen und kleine Wespen. Und natürlich wächst an manchen Stellen außerhalb der Deiche auch die Zypressenwolfsmilch (Euphorbia cyparissias). Und auch an dieser Pflanze lebt ein  Glasflügler, nämlich die äußerlich nicht zu unterscheidende, aber viel agilere Chamaesphecia empiformis. 

Hat man allerdings einen trägen, auf oder im direkten Umfeld der Eselswolfsmilch sitzenden Glasflügler beobachtet, kann man den wohl getrost als Ch. tenthrediniformis aufschreiben.

Eselswolfsmilch in der Uferbefestigung, Leverkusen, 16. Mai 2021 (Foto: Dahl)

Hat man sich einmal eingesehen, kann man die langsam durch die Vegetation patroullierenden Männchen gut verfolgen, fotografieren und oft auch direkt mit einem  Beobachtungsgläschen einsammeln. Bevorzugte Aktivitätszeit der Art scheint der Nachmittag zu sein.

Auch die Männchen von Ch. tenthrediniformis sind leicht zu fangen bzw. zu fotografieren, hier freihand mit dem Iphone. Leverkusen, 16 Mai 2021, (Foto: Dahl)

In den vergangenen Jahren haben verschiedene Aktivisten schon eine Menge Fundorte entlang von Rhein und Mosel kartiert, was bei der Größe unseres Vereinsgebietes einen erheblichen Aufwand macht. Weitere Nachweise auch von Weser, Ems, Ruhr und Lippe sind eigentlich zu erwarten, sie haben vielleicht nur noch nicht den Weg in die Daten gefunden.

Meldungen können per Mail oder am einfachsten in die öffentlichen Datenbanken, z.B. observation.org oder naturgucker.de eingegeben werden. Wenn noch einige weitere Kartierlücken geschlossen werden können, ist eine kleine Publikation in der „Melanargia“ geplant.

Viel Spaß bei der Suche!

Veröffentlicht unter Methoden, Seltene Arten | 1 Kommentar