Raupenfrühling und die Lehre vom richtigen Zeitpunkt

Nicht nur bei den Faltern hat der Frühling losgelegt, sondern auch bei den Raupen. So war ich Anfang April 2020 auch wieder in meinen beiden Düsseldorfer Gebieten kartieren, und habe fleißig v.a. an blühenden Schlehen geklopft und Kätzchen von Weiden und Pappeln gesammelt.

Teils durch Aufsammeln vom Boden, teils durch Klopfen von Gebüsch und krautigen Pflanzen, teils aber auch durch Klopfen an dem kätzchentragenden Gehölz selbst und weil viele Weidenkätzchen erst gerade angingen zu blühen und also noch nicht „reif“ zum Klopfen waren auch durch „pflücken“. An dem Tag selber habe ich kaum Raupen zu sehen bekommen, aber ich habe ja in diversen Plastiktüten jede Menge Proben mit nach Hause genommen, und da kamen dann in den folgenden Tagen hunderte Raupen heraus, die am Sammeltag wohl noch winzig kleine L1 in den Kätzchen oder zwischen den Schlehenblüten gewesen sein dürften: Cosmia trapezina, Amphipyra pyramidea und A. berbera, Colotois pennaria, Agriopis spec., Erannis defoliaria, Apocheima pilosaria waren u.a. schon dabei!

Interessant war, dass es blühphänologisch doch recht deutliche Unterschiede gab zwischen den Gebieten: Während auf dem Golfplatz Hubbelrath die meisten Schlehen in prächtiger Vollblüte standen und ich an der üblichen Stelle (siehe Bild 1) wieder so einige vermeintliche Rhinoprora chloerata-Raupen finden konnte, waren die Schlehen im UG Eller Forst schon durch und dort gab es dann diesmal auch leider keine Raupen dieser Gattung. Eine dieser Raupen sah ich schon gleich nach dem Klopfen im Schirm und diese hat sich auch gleich am nächsten Tag schon den Kokon gebaut, zwei weitere tauchten erst am 7.4. beim Durchwühlen der Probe auf, eine am 8.4., zwei am 9.4. und eine am 10.4. Allerdings habe ich den Verdacht, dass es sich bei den später aufgetauchten auch um die ähnliche und viel häufigere, aber normal phänologisch spätere R. rectangulata handeln könnte, deren Raupe tendenziell etwas schlanker ist (siehe dazu auch Bild 2). Zur Sicherheit werden natürlich alle gezüchtet.

Auch bei der Esche hatte ich Pech: In Hubbelrath gingen bei den beklopfbaren Eschen gerade erst die Blüten auf, im Eller Forst waren sie jedoch schon abgeblüht. Vor ein paar Jahren war es noch anders, denn da konnte ich in beiden Gebieten genau zur Eschenvollblüte daran klopfen (10.4.2015 im Eller Forst, 15.4. in Hubbelrath) und hatte an jeder Esche zahllose winzige Raupen von Agrochola circellaris im Schirm!

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Trifurcula immundella (ZELLER 1839)  – ein Minenfund aus dem Bergischen Land

Schon mehrfach wurde hier über Blattminierer berichtet – und dadurch bei vielen Interessierten die Suche danach angeregt. Über die Zwergminiermotten – Nepticulidae hatte Dieter Robrecht uns eine private systematische Zusammenstellung gezeigt – und uns praktischerweise mitgeteilt, was wann woran zu suchen ist.

Das ließen sich mein Mann Hajo und ich nicht zweimal sagen – und nahmen die Ginsterbüsche, die hier an einem warmen Hang des Siegtals zwischen licht stehenden Eichen und Birken mit Heidekraut eingestreut sind, buchstäblich unter die Lupe. Bis Ende März sollten jedenfalls die Raupen von Trifurcula immundella (ZELLER 1839) in den Zweigen des Besenginsters Cytisus scoparius minieren.

Wir hatten Glück, schon nach kurzer Zeit fanden wir eine schwarze Mine im Haupttrieb eines kleinen Ginsterbusches, die uns vielversprechend aussah. Zu Hause wurde der Zweig dann eingehend betrachtet und fotografiert. In der geöffneten Mine fand sich auch reichlich Kot, die Raupe hatte aber die Mine wohl schon verlassen.

Immerhin fanden wir den Fund so überzeugend, dass ich bei Dieter Robrecht mit einigen Fotos anfragte. Er hat die Mine nochmals genau analysiert und seine Analyse festgehalten (Mitteilung per E-mail):

  • „Der Fraßgang verläuft zunächst nach unten, das spricht für immundella.
  • Der Gang sollte gerade sein, auch am Anfang. Das ist er weitgehend: das spricht für immundella.
  • Am Beginn des Fraßganges sollte die Eischale noch haften: Das ist hier nicht der Fall oder auf dem Foto nicht gut erkennbar. Die Eischale dürfte auch nur mit einer 15-fach-Lupe sichtbar sein!
  • Die Raupe ändert dann die Richtung, und der Gang verläuft gerade nach oben: das passt auch zu immundella.
  • Am Ende des Ganges sieht man eine helle Stelle, die Austrittsöffnung der Raupe.
  • Mein Fazit: es sollte T. immundella sein, wobei ich mich bei der Diagnose auf die Literaturangaben beziehe.“

Um ganz sicher zu gehen, hat Dieter dann die Fotos dem niederländischen Experten Erik van Nieukerken vorgelegt, der die Bestimmung bestätigt hat.

Erst nach der Freude über den Fund haben wir überhaupt realisiert, wie selten die Art bisher nachgewiesen wurde. Außer durch Minen ist die Art durch Genitaluntersuchung zu bestimmen, wenn während der Flugzeit von Juni bis August Tiere ans Licht kommen. In der Literatur findet sich wiederholt der Hinweis, dass die Art vermutlich weiter verbreitet ist, als die Fundorte vermuten lassen.

Eine deutschlandweite Gesamtübersicht über die Funde der Gattung Trifurcula gaben Erik J. van Nieukerken, Willy Biesenbaum und Wolfgang Wittland in der Melanargia 2010: „Innerhalb der Nepticulidae ist von den Arten der Gattung Trifurcula am wenigsten bekannt“ heißt es dort, und es wird auf die vielen „Weißen Flecken“ und die „faunistischen Wissenslücken“ hingewiesen. Dort werden von Trifurcula immundella aus Nordrhein-Westfalen nur sechs Funde aufgeführt. Dabei gehörte diese Art noch zu den Arten der Gattung, von der bundesweit relativ viele Fundorte in der Veröffentlichung aufgeführt werden konnten.

Ab 2010 wurden die weißen Flecken auch nur teilweise gefüllt. Einige Beobachtungen hat Rudi Seliger, teils mit Kollegen und dabei vor allem Armin Duchatsch, an verschiedenen Stellen der Eifel gemacht, mitunter in denselben Gebieten auch über mehrere Jahre, vgl. die Online-Datenbank des Vereins. Wie wenige es jedoch trotzdem auch bundesweit noch sind, zeigt etwa die Verbreitungskarte des Portals „Schmetterlinge Deutschlands“. Dort weist das Saarland mit sieben besetzten Meßtischblättern die größte regionale Dichte auf, alles Funde von Andreas Werno. In den angrenzenden Ländern wie Belgien oder sogar den im Mikrobereich in der Regel gut untersuchten Niederlanden sieht es nicht viel besser aus, man vergleiche etwa die Seiten von observation.org bzw. waarneming.nl und waarnemingen.be.

Nach diesen Daten dürfte unser Fund der erste Nachweis aus dem Bergischen Land seit 74 Jahren sein. 1946 fand Albert Grabe die Art im MTB 4610/2 bei Albringhausen, aus dem Norden des Bergischen Landes, während wir im Süden fündig wurden. Zu wünschen ist jedenfalls, dass dieser Art mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird und es nicht bei dieser einen gefundenen Mine bleibt – damit die weißen Flecken weniger werden!

Bedanken möchte ich mich bei Dieter Robrecht für die Anregung zur Suche sowie die genaue Analyse der Mine und bei Erik van Nieukerken für die Bestätigung der Bestimmung.

Literatur:

Nieukerken, E. J. van, Biesenbaum, W., Wittland, W. (2010): Die Gattung Trifurcula ZELLER 1848 in Deutschland mit zwei Erstnachweisen für die deutsche Fauna – Melanargia 22 (1): 1 – 26, Leverkusen

Internet:

Arbeitsgemeinschaft Rheinisch-Westfälischer Lepidopterologen: Datenbank http://nrw.schmetterlinge-bw.de/MapServerClient/Map.aspx

Trifurcula immundella im Portal Schmetterlinge Deutschlands:
https://www.schmetterlinge-d.de/Lepi/EvidenceMap.aspx?Id=432219

Observation weltweit: https://observation.org/soort/info/25472

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Dramatischer Rückgang des Moselapollos Parnassius apollo vinningensis

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Entgegen den sonstigen Gewohnheiten haben wir uns entschlossen, den soeben erschienenen Artikel über den Stand der  Apollofalter-Population bereits heute im Volltext zu veröffentlichen (siehe unten), damit auch die Schmetterlingsfreunde, Naturschutzaktivisten, Wissenschaftler und Behördenmitarbeiter außerhalb unseres Vereins darauf aufmerksam werden.

Damit verbunden ist die große Bitte in Zukunft JEDE Apollofalter-Sichtung an der Untermosel zu dokumentieren und mitzuteilen, am besten mit genauen Beobachtungsdaten / Fotos über die üblichen Portale (observation.org, naturgucker.de, artenfinder-rlp.de) oder auch über das Kontaktformular der Arbeitsgemeinschaft.

Zusammenfassung
Recht zahlreich wurde der Moselapollo Parnassius apollo vinningensis STICHEL, 1899 zum letzten Mal in 2011 beobachtet. Ein Jahr später kam es zu einer deutlichen Verringerung der Individuenzahlen an allen bekannten Vorkommen, wovon sich die Art im Folgenden kaum mehr erholte. In 2019 zeigten sich dann nur noch einzelne Exemplare, sodass ein unmittelbares Aussterben des Moselapollos zu befürchten ist. Derzeit kann über die Ursache für die negative Bestandsentwicklung nur spekuliert
werden. Die fortschreitende Verbuschung der Lebensräume sowie der Verkehrstod vieler Falter in trockenen Jahren dürften den Schmetterling zwar stellenweise, aber nicht überall gefährden. So lässt sich mutmaßen, dass ein globales Problem, wie die Klimaerwärmung, den besorgniserregenden Trend bedingt. Um die genaue Ursache für den Rückgang des Moselapollos herauszufinden, werden zielgerichtete Forschungen unerlässlich sein.

Volltext zum Download:

Dramatischer Rückgang des Moselapollos Parnassius apollo vinningensis
Apollofalter: Anschreiben an die Landesregierung RLP vom 6. Februar 2020

Abstract
Dramatic decline of the Moselle-Apollo Parnassius apollo vinningensis STICHEL, 1899
Quite a number of the Moselle-Apollo Parnassius apollo vinningensis STICHEL, 1899 were observed for the last time in May 2011. One year later there was a significant decline in the number of individuals of all known occurrences and subsequently the species hardly recovered. In 2019 only single speciments appeared so that extinction of the Moselle-Apollo seems to be imminent. At present the cause of the negative development of the population can only be speculated upon. The advancing shrub encroachment of habitats as well as the traffic death of many imagines in dry years may partially endanger this butterfly, but not everywhere. Thus, it can be conjectured that a global problem, such as climate warming, causes this alarming trend. In order to discover the exact cause for the decline of the Moselle-Apollo targeted research will be essential.

 

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Schönheit an der Weide: Adela cuprella

Kleinschmetterlinge im Gelände zu fotografieren, freihand, ohne Blitz und Stativ, ist eine Kunst, die nur wenige beherrschen. Zur Motivation für alle diejenigen, die stundenlang auf den Knien durchs Gelände rutschen, auf der Suche nach dem perfekten Bild, hier eines vom Naturfotografen Thorsten Klumb, der vor allem im Raum Aachen tätig ist.

Adela cuprella ♂  – NRW – Aldenhoven, NSG Bergsenkungsgebiet Bettendorfer Fließ © Thorsten Klumb

Die Frühe Langhornmotte Adela cuprella (Denis & Schiffermueller, 1775) ist wahrscheinlich viel häufiger, als es die Nachweis-Karten der Arbeitsgemeinschaft zeigen. Die Art fliegt früh im Jahr, an blühenden Weidenkätzchen, meist Salweide (Salix caprea). Die goldglänzenden Männchen haben lange Fühler und eine schwarze Kopfbehaarung, die “Frisur” der Weibchen ist etwas kürzer und gelbbraun, die Fühler kürzer.

Die webseite microlepidoptera.nl vermerkt zu Erkennung und Lebensraum: “instabiler Flug über blühende, kleinblättrige Weiden (z. B. kriechende Weiden), sofern eine Streuschicht vorhanden ist. An sonnigen und offenen Orten in der Nähe von Heiden, Torfmooren und Feldern“. In unseren Nachbarländern Holland und Belgien ist Adela cuprella flächendeckend verbreitet, in Deutschland kann die Datenlage sicher noch bedeutend verbessert werden.


Link:

Beobachtung von Adela cuprella bei observation.org

http://naturfotografie-aachen.de/

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Echte Motten von den Eulen

Das zeitige Frühjahr kann gut genutzt werden, um Vogelnester, Pilze oder auch Eulen-Gewölle zu suchen.  Bekanntlich kommen im Gewölle einiger Eulenarten verschiedene Tineinae (Echte Motten) zur Entwicklung. Meine bisherige Erfahrung zeigt, dass der Zeitaufwand fast durchgehend von Erfolg gekrönt ist.

GAEDIKE (2019) führt dazu aus, dass die Raupen von Tinea steueri im Gewölle der Schleiereulen leben. Er zitiert weiterhin BENGTSON (2017), der von Raupenfunden im Gewölle des Wald- und Habichtskauzes berichtet. Weiterhin führt Reinhard Gaedike aus, dass die Annahme, dass Larven in den Nestern von Hymenopteren leben (PETERSEN 1966a), nicht bestätigt werden konnte.

Auch SOBCZYK et. al. (2018) berichten, dass Leutsch die Falter aus Gewöllen von Schleiereulen zog. Daraus kann abgeleitet werden, dass das wesentliche, wenn nicht einzige Substrat für die Raupennahrung von T. steueri trockene Gewölle von Schleiereulen (Tyto alba), Habichtskauz (Strix uralensis) und Waldkauz (Strix aluco) zu sein scheinen.

Tinea steueri lässt sich habituell einwandfrei bestimmen. Ein Umstand, der zumindest denjenigen Lepidopterologen entgegen kommt, die eine Genitaluntersuchung nicht beherrschen. Bei Betrachtung der „Glaszellen” in den Vorderflügeln (je ein länglich-ovales durchsichtiges „Glasfeld“ nahe der Basis) ist eine Bestimmung möglich.

Tinea steueri G. PETERSEN, 1966. Deutschland, Nordrhein-Westfalen, Stukenbrock, 110 m, Schleiereulen-Gewölle am 6. Februar 2020 ins Haus geholt, Schlupf 21. März 2020 (leg., det. durch GU & Fotos Dieter Robrecht)

Heinz Schumacher konnte am 14. Mai 2018 in einem ehemaligen Basalt-Steinbruch bei Eulenberg (Rhein-Sieg-Kreis) diese Art erstmals für Nordrhein-Westfalen belegen, indem ein Falter zum Licht flog. Wie er mir schrieb, kommen dort (wohl) keine Schleiereulen vor, wohl aber Uhus, die dort regelmäßig brüten. Es ergibt sich aber auch die Frage, ob im Gewölle der Uhus die Raupen ebenfalls zur Entwicklung kommen. Um das zu klären, sollten Gewölle im Herbst gesammelt werden, damit diese nicht zu lange dem Verwitterungsprozess ausgesetzt sind.

Artspezifisches Merkmal: Das „Glasfeld“ bei Tinea steueri. Foto: Dieter Robrecht

Am 6. Februar 2020 hatte ich Gewölle aus einem Schleiereulenkasten entnommen, der seit Jahrzehnten im Giebel eines benachbarten Bauernhauses hängt und regelmäßig von Schleiereulen als Brutplatz genutzt wird. Der Hofeigentümer hatte bislang stets nach der Brut den Kasten gesäubert und das Gewölle im Mülleimer entsorgt. Mein Wunsch, das Gewölle nach der letztjährigen Brut im Kasten zu belassen, hatte Erfolg! Das Gewölle hatte ich sofort ins warme Zimmer geholt, der erste Falter schlüpfte am 21.m März 2020. Dieser „Zucht“-Erfolg belegt, dass die Raupen bereits im frischen Gewölle leben.

Monopis laevigella ([DENIS & SCHIFFERMÜLLER], 1775); Stukenbrock, aus Schleiereulen-Gewölle, Schlupf am 21. März 2020 (Foto: Dieter Robrecht)

 

Am selben Tag schlüpfte zudem ein Falter von Monopis laevigella. Auch ROMMEL &  PLATT (2005) berichten über die Zucht aus Eulengewölle, und führen für Nordwestthüringen die Arten Nemapogon granella und Monopis laevigella auf. Dieser sehr lesenswerte Artikel gibt hervorragende Hinweise zur Lebensweise und erfolgreichen Zuchten verschiedener Tineidae.

Genitalpräparat von Tinea steueri G. PETERSEN, 1966. Stukenbrock, Schlupf am 21. März 2020 (leg., det. & Foto:  Dieter Robrecht)


Nachtrag vom 13. April 2020

Trichophaga tapetzella (LINNAEUS, 1758) – Tapetenmotte

“Aus dem Gewölle sind seit vorgestern (11. April 2020) mittlerweile vier Falter der obigen Art geschlüpft. Zumindest ist mir ein Foto gelungen, das den Falter auf dem Gewölle mit Puppenhülle zeigt. Das ist sicher nicht alltäglich (!) und hat in Summe etwa 45 Minuten Zeit erfordert bis ein brauchbares Foto entstanden ist.”

Trichophaga tapetzella (LINNAEUS, 1758) – Tapetenmotte, auf einen Schleiereulen-Gewölle. (Foto: Dieter Robrecht)

Exuvie von Trichophaga tapetzella (LINNAEUS, 1758) – Tapetenmotte (Foto: Dieter Robrecht)

Literatur:

BENGTSSON, B.Å. (2017): Anmärkningsvärda fynd av Småfjärilar (Microlepidoptera) i Sverige 2016. — Entomologisk Tidskrift, 138 (1): 1-24.

BUCHNER, P. (2006): Tinea steueri (Tineidae) und Hypsotropa unipunctella (Pyralidae) neu für Österreich (Lepidoptera). — Beiträge zur Entomofaunistik7: 149-151

GAEDIKE, R. (2019): Tineidae II (Myrmecozelinae, Perissomasticinae, Tineinae, Hieroxestinae, Teichobiinae and Stathmopolitinae). — In: KARSHOLT, O., MUTANEN, M. & M. NUSS (2019): Microlepidopteraof Europe 9: I-XXIII, 1-248. Leiden – Boston (Brill).

ROMMEL, R.-P. & H. PLATT (2005): Die Kleinschmetterlingsfauna Nordwestthüringens (Lepidoptera). 2. Beitrag: Familie Tineidae (Echte Motten). — Thüringer Faunistische Abhandlungen 10: 265-283   >> .pdf auf zobodat.at

SOBCZYK, T., STÖCKEL, D., GRAF, F., JORNITZ, H., KARISCH, T. & S. WAUER (2018): Die Schmetterlingsfauna (Lepidoptera) der Oberlausitz. Teil 5: Kleinschmetterlinge (Microlepidoptera) 1. Teil.  – Beiträge zur Insektenfauna Sachsens Band 20. — Entomologische Nachrichten und Berichte (Dresden), Beiheft 22

Web:

Lepiforum vom 20. März 2020: 00681 Tinea steueri: Falter aus Schleiereulengewölle

Kleine Vlinders: Bestimmunsgschlüssel für Tineiden

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Volle Fahrt voraus auf der Datenautobahn

Stigmella aurella/splendidissimella-Mine an Brombeere, Dormagen, 21. Februar 2020.
Bestimmt mit iObs für Apple/Iphone/Ipad (Foto: Armin Dahl)

 

Nichts bleibt wie es ist, auch nicht in der Insektenkunde. Neue Techniken halten Einzug, und die Arbeitsweise verändert sich. Wer sich gegen die Entwicklung stellt, landet wortwörtlich in der Mottenkiste. Ein Zwischenstand aus dem Frühjahr 2020.

Den 5. Juli 2015 werde ich in meinem Leben nicht vergessen. Im bayerischen Kitzingen wurden an diesem Tag 40,3°C gemessen, ein neuer Hitzerekord in Deutschland. Wir waren an diesem Termin auf Tagfalterexkursion am Mittelrhein unterwegs. Nachmittags um 15.00 Uhr hatte sich die Dörscheider Heide oberhalb von Kaub in einen Backofen verwandelt, die Zunge klebte am Gaumen, Falter wurden keine registriert – viel zu heiß!

Kaum vier Jahre hielt der Rekord.  Am 25. Juli 2019 wurde in Lingen im Nordwesten unseres Arbeitsgebiets ein neuer Rekord in Deutschland aufgestellt, die Messstation registrierte unfassbare 42,6 Grad Celsius. An diesem Tag wurden übrigens an weiteren 14 Messstationen Rekordtemperaturen gemessen, die über dem bisherigen Rekord in Kitzingen im Juli/August 2015 lagen. In meinem Garten waren es gemessene 41°,  bei solchen Temperaturen geht der Lichtfang erst um Mitternacht so richtig los, vorher ist es selbst den Motten zu warm.

Entomologisch betrachtet sind das extrem spannende Zeiten, wird doch der allgemeine, unter anderem durch Agrargifte und -methoden, Nutzungsaufgabe und “falschen” Waldbau hervorgerufene Artenrückgang, zusammengefasst “Insektensterben”, in Teilen vom Klimawandel hinterrücks eingeholt: Einflüge von südlich verbreiteten Arten häufen sich, Arealgrenzen verschieben sich nach Norden, verschollen geglaubte Arten tauchen wieder auf.

Auf meinen Hausgarten im Niederbergischen zwischen Düsseldorf und Wuppertal bezogen bedeutet das: Alleine in den vergangenen zehn Jahren sind vier neue Tagfalterarten hinzugekommen (Cupido argiades, Aricia agestis, Argynnis paphia, Pieris mannii) die sich dort regelmäßig beobachten lassen, und die in der Region offensichtlich etabliert sind. Das ist viel bei insgesamt unter 30 Tagfalter-Arten! In den Sommernächten fliegen hier plötzlich Nachtfalter-Arten wie Spanische Flagge, Labkrautschwärmer und das tropisch-bunte Eulchen Eublemma purpurina an – vor zehn Jahren noch unvorstellbar.

Jeden Tag neue Daten! Selbst im Winter, zumal wenn es keinen Frost gibt wie in der Saison 2019/20. Wintereulen fliegen fast bei jedem Wetter, zudem gibt es Blattminierer, die keine Jahreszeit scheuen, und alles muss festgehalten werden. Blöckchen, Kugelschreiber und Digitalkamera kommen bei der Dokumentation der Tiere immer seltener zum Einsatz, Belegbilder macht jetzt das Smartphone, das gleichzeitig die Falterzahlen registriert, Funde verortet und beim Bestimmen hilft.

Und bevor jetzt jemand aufschreit: Ja, man kann Tag- und Nachtfalter mit dem Handy bestimmen! Die Technik, mit der man eineinhalb Milliarden Chinesen beim überqueren einer Straßenkreuzung voneinander unterscheiden kann, ist auch in der Lage, ein paar hundert Eulenfalter, Graszünsler- und Wicklerarten mehr oder weniger sicher auseinanderzuhalten. Das alles hat mit künstlicher Intelligenz nichts zu tun, ist ein Produkt aus Mustererkennung und Erfahrung, und muss natürlich gelernt werden. Genau wie sich unsereiner die Falter vom Experten beibringen lässt, oder aus dem Bestimmungsbuch oder Lepiforum abschaut, lernen die Maschinen und Algorithmen an vom Menschen vorbestimmten Digitalfotos, und sie lernen fix!

Mal ganz abgesehen davon ist das alles völlig kostenfrei zu haben, man muss sich nur einmal online registrieren, und kann dann die Bestimmungs- und Kartierapps nutzen. Im Auslandsurlaub wie zu Hause, 24 Stunden rund um die Uhr, auch mitten im Wald im Funkloch, mit Smartphone, Tablet oder PC.

Das alles erscheint mir ähnlich revolutionär wie vor wenigen Jahren die neue Möglichkeit, mittels Genomanalyse die Verwandschaftsverhältnisse von Arten, Gattungen und Schmetterlingsfamilien aufzuklären. Auch wenn ich als braver Faunist die High-Tec-Methoden beim Barcoding, Analyse der Mitochondrien-DNA usw. nicht mehr komplett verstehe: Die Methoden sind etabliert, auseinandersetzen muss ich mich  damit, spätestens wenn es mal wieder systematische Umgruppierungen gibt. Jüngstes Opfer der Methode sind die Dickkopffalter, bei denen eine Reihe von Arten der Gattung Carcharodus zukünftig unter Muschampia zu laufen haben, in unserem Arbeitsgebiet zum Beispiel der Loreley-Dickkopffalter Muschampia lavatherae.

Ausschnitt aus ZHANG et al. 2020. Quelle: Zootaxa

Wo stehen wir nun im Frühjahr 2020 als Verein, mit einem etwas angestaubt wirkenden Hobby, in Zeiten von Insektensterben und Klimawandel? Nach meinem Eindruck sind wir vergleichsweise gut aufgestellt! Der EDV-erfasste Datenbestand der Arbeitsgemeinschaft in der Insectis©-Datenbank hat sich in sechs Jahren mehr als vervierfacht, angefeuert von unermüdlichen Mitgliedern in den verschiedenen Landesteilen, die jeder Jahr für Jahr mehrere tausend Einzelbeobachtungen beisteuern. Wir sitzen auf einem riesigen Datenberg, in Deutschland haben nach meiner Einschätzung nur die Kollegen aus dem Karlsruher Museum Zugriff auf ähnliche Mengen an Schmetterlingsdaten von Tag- und Nachtfaltern.

Datenstand der Vereinsdatenbank, Exportdatensätze, Stand 7. März 2020

Das gibt uns gute Möglichkeiten, größere Auswertungen vorzunehmen, der Aufwand dafür ist zwar erheblich, das Ergebnis kann sich dann aber auch sehen lassen. Siehe zum Beispiel die neueste Publikation von Rudi Pähler, der keine Mühen und Kosten gescheut hat um aus dem Konvolut von Beobachtungen 37 häufiger Arten ein lesbares Buch zu erstellen – leider sind die Ergebnisse und Aussichten dabei eher düster. Dass wir mit der Melanargia unter Schriftleiter Günter Swoboda zudem eine solide Publikationsmöglichkeit haben, die in diesem Jahr ihren 32 Jahrgang erlebt, davon träumen andere Vereine und ganze Bundesländer nur!

Die Mitgliederzahl des Vereins ist mit über 300 stabil bis steigend, das ist eine sehr gute Nachricht. Das Interesse an Insekten ist insgesamt in der Bevölkerung stark gestiegen, hier mal nur ein Beispiel als Vergleich: Beim oft gescholtenen Netzwerk Facebook sind alleine in der Gruppe “Einheimische Schmetterlinge” mehr als 3000! registrierte Nutzer unterwegs, darunter viele professionelle Fotografen mit phantastischen Bildern von seltenen Arten. Naturschutzbegeisterte Laien mit viel Freizeit und Reiselust findet man dort zuhauf, wer regionalen Anschluss braucht, der muss nicht lange suchen. Etliche dieser Nutzer konnten wir in den vergangenen Jahren als Vereinsmitglieder rekrutieren, sei es über Hilfe bei der Bestimmung, Exkursionen oder Veranstaltungen und Vorträge. Selbst die Facebook-Gruppe “Buchsbaumzünsler” (über 500 Mitglieder, die meisten davon keine echten Insektenfans!) liefert noch wertvolle Informationen, zum Beispiel Hinweise auf Sekundärliteratur wie“Buchsbaumzünsler – Die Natur schlägt zurück”.

Insgesamt gesehen nimmt der Umgang mit dem Internet einen immer breiteren Raum ein, niemand kann z.B. heutzutage über Eifel-Falter publizieren, ohne einen (neidischen) Blick in die observation-Datenbanken der westlichen Nachbarländer zu werfen. Das hat uns natürlich keine Ruhe gelassen, und seit wenigen Wochen haben wir jetzt die Möglichkeit, Daten von observation “per Knopfdruck” (jedenfalls fast) in unsere Insectis-Anwendung zu übertragen. Das gleiche gilt für alle, die ihre Daten und Digitalbilder unter naturgucker.de aufbewahren. Dank geht hier vor allen an das “Konvertiten”-Team Uli Retzlaff, Brigitte & Hajo Schmälter sowie Jörg Siemers.

Beobachtungsstatistik aus observation.org: Es gibt ja nicht nur Schmetterlinge!

Wo der Vorteil dieser Online-Datenbanken liegt, das muss jeder für sich selbst ausprobieren. Nutzerfreundlich, schnell, und zudem viel genauer als die Datenerhebungen aus der Vergangenheit sind sie allemal. Als Nutzer hat man einen tagesgenauen Überblick über das, was die Kollegen so machen, Fotos werden bei den Beobachtungen abgelegt und angezeigt, Statistiken und Verbreitungskarten angeboten. Technisch ist das ziemlich ausgereift, auch was die immens wichtige Qualitätskontrolle angeht. Wer wie ich (und übrigens auch Heinz Schumacher!) seit 10 Jahren Tipp- und Eingabefehler aus Excel- oder Access-Tabellen heraussucht, sagt schon jetzt Danke!

Nur ein Beispiel, an dem man erkennt, wie das Hobby zur Last werden kann: Die Erstellung der Roten Listen frisst momentan bei einigen Mitgliedern erhebliche Zeit, die man/frau auch gerne für andere Dinge verwenden würde. Den Schwarzen Peter als Koordinator hat dabei Heinz (-Peter) Schumacher, der sich mit endlosen Excel-Listen aus verschiedensten Naturräumen herumschlagen darf, alles für die Ehre natürlich. Das schreit förmlich nach einer vernünftigen EDV-Lösung, bei der man mit verschiedenen Menschen parallel an einem Projekt arbeiten kann. Den Internet-Datenbanken gehört dabei meines Erachtens die Zukunft!

Schnelle Übersicht: Nachweise von Zimmermannia liebwerdella aus NRW, Stand 5. März 2020, Quelle: nrw.observation.org

 

 

Das alles bedeutet übrigens keineswegs, dass wir vom Klassiker Insectis als Vereinsdatenbank abrücken. Es gibt Euch jedoch die Möglichkeit, Daten auch in die modernen Online-Systeme abzulegen. Einarbeiten und eingewöhnen muss man sich allerdings überall. Ich selbst habe ein komplettes Jahr auf beiden Systemen meine Funde eingegeben. Ich möchte die online-Versionen nicht mehr missen, werde 2020 meine Daten ausschließlich dort eingeben und von dort nach Insectis exportieren. Wer mithelfen will, zum Beispiel die Vorbestimmungen bei den “Mikros” zu überprüfen, der möge sich gerne melden, es werden noch Administratoren gesucht.

Á propos melden: Bitte teilt mir oder irgend jemand anderem aus dem Melanargia-Vorstand alle Termine, Vorträge, Exkursionen rund um das Thema Schmetterlinge rechtzeitig mit, wir übernehmen diese dann in den Terminkalender der Webseite.

Die Mitgliederversammlung der Arbeitsgemeinschaft musste in diesem Frühjahr leider wegen der allgemeinen Coronavirus-Verunsicherung ausfallen. Sie wird irgendwann im Sommer nachgeholt, eventuell in Verbindung mit einer Exkursion. Der Termin steht noch nicht fest, Vorschläge erbeten! Bis dahin allen eine falterreiche Saison 2020!

 

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PÄHLER, DUDLER & HILLE (2019): Das stille Sterben der Schmetterlinge

Alle reden vom Insektensterben! Allerdings sind die wenigsten Wissenschaftler und Autoren in der Lage, die abnehmenden Bestände der Tag- und Nachtfalter auch mit stabilem Datenmaterial  über einen langen Zeitraum zu unterlegen. Aber es gibt sie doch, die Daten!

Zusammen mit den Co-Autoren Hans Dudler und Dr. Axel Hille hat Rudolf Pähler eine Studie zum Thema Bestandsentwicklungen von häufigen Schmetterlingsarten in Nordrhein-Westfalen und dem Rheinland als Buch herausgegeben, auf über 300 Seiten mit dem Titel: “Das stille Sterben der Schmetterlinge”

Rudi Pähler und Hans Dudler  sind seit vielen Jahrzehnten in Ostwestfalen feste Größen in der Freilandforschung mit Schmetterlingen und Nachtfaltern, Dr. Axel Hille hat zudem als Biometriker ein ausgesprochenes Faible für Zahlen und Statistik.

Grundlage für die statistische Auswertung ist die Insectis-Datenbank der Arbeitsgemeinschaft Rheinisch-Westfälische Lepidopterologen e. V., die als Mitherausgeber fungiert. Dazu wurden von den Autoren über 50.000 Datensätze (Fundmeldungen) von 37 häufigen Tag- und Nachtfalterarten in einem Zeitraum von 1975 bis 2017 ausgewertet und dokumentiert. Die Auswahl an Tag- und Nachtfaltern stellt in der Mehrzahl der Fälle keine besonderen Ansprüche an ihre Umwelt, sie steht stellvertretend für viele andere Arten der Kulturlandschaft.

Sandra Balzert, im Bundesamt für Naturschutz für das Fachgebiet “Zoologischer Artenschutz” zuständig, schreibt dazu im Vorwort:
“Mit diesem Buch wird die Auswertung der Bestandsentwicklung verschiedener häufiger Tag- und Nachtfalterarten vorgelegt, die über einen Zeitraum von 43 Jahren durch die Arbeitsgemeinschaft Rheinisch-Westfälischer Lepidopterologen e. V. erhoben wurden. Nur durch die kontinuierliche Kartierung von ehrenamtlichen Expertinnen und Experten über einen langen Zeitraum ist die Zusammenstellung und Analyse möglich geworden.
Diesen weit über 1000 ehrenamtlichen Kartiererinnen und Kartierern möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich für Ihren unermüdlichen Einsatz danken!
Neben der großen Datenmenge, die in aufwendiger Arbeit durch die Autorengemeinschaft eingesammelt und ausgewertet wurde, sind auch die kurzen, anschaulichen Steckbriefe und die Bezüge zu möglichen Ursachen der  Bestandsänderungen herauszustellen.
Diese gebündelte Information über die Bestandsentwicklung von ausgewählten Tag- und Nachtfaltern im Rheinland und Westfalen leistet einen wichtigen Beitrag sowohl für die Planung von Maßnahmen im Naturschutz als auch für die Diskussion der Ursachen des Rückgangs der biologischen Vielfalt in Deutschland.”

Beispiel: Log-linearer Trend beim Großen Kohlweißling – Pieris brassicae Quelle: PÄHLER, DUDLER & HILLE (2019)

Im zweiten Teil des Buches beschreiben die Autoren die in Betracht kommenden Ursachen für die festgestellten Bestandsveränderungen und diskutieren Maßnahmen, die nach Meinung der Autoren zu Verbesserungen der Bestandssituationen führen würden.

Für Interessierte findet sich hier eine Leseprobe: Das stille Sterben der Schmetterlinge.

Das Buch wurde wie schon die zwei Bänder der “Schmetterlingsfauna von Ostwestfalen-Lippe” im Eigenverlag herausgegeben.

Der Preis beträgt 29,80 € plus Versandkosten (In Deutschland 4,50 €).

Bestelladresse:

Rudolf Pähler
Arndtstraße 50
D-33415 Verl

rudolf@paehler.biz

Tel.: 05246/2316
Mobil: 0151/645 85 910

Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft erhalten jeweils ein Exemplar kostenfrei!

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Außenbeleuchtung effizient gestalten – Lichtverschmutzung reduzieren

Die Erhellung der Nachtlandschaften durch künstliche Beleuchtung nimmt global im Jahr um ungefähr 2 bis 6 Prozent zu – mit Auswirkungen auf Mensch und Natur. Wie es Kommunen gelingen kann, die Lichtverschmutzung zu minimieren, indem sie ihre Straßen- und Gebäudebeleuchtung effizienter gestalten, beschreibt ein neuer Handlungsleitfaden des Bundesamts für Naturschutz (BfN).

Lichtverschmutzung im Moseltal bei Traben-Trarbach. Foto: Tim Laussmann

Den Leitfaden zur Neugestaltung und Umrüstung der Außenbeleuchtung haben Forschende vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB), vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) und der Universität Münster jetzt gemeinsam veröffentlicht.
„Etwa 30 Prozent der Wirbeltiere und sogar über 60 Prozent der Wirbellosen sind nachtaktiv und können durch künstliches Licht in der Nacht beeinträchtigt werden. Der Schutz der Nacht muss daher stärker als bisher als eine grundlegende Aufgabe des Natur- und Landschaftsschutzes begriffen werden“, sagt Prof. Dr. Beate Jessel, Präsidentin des BfN. „Dass es gelingen kann, die ökologischen Beeinträchtigungen durch künstliche Beleuchtung zu minimieren, zeigt der jetzt veröffentlichte Handlungsleitfaden. Er enthält zahlreiche konkrete Handlungsempfehlungen und Praxistipps für die Außenbeleuchtung.“

„Eine gute Beleuchtung ist effizient und senkt den Stromverbrauch, erhöht gleichzeitig die Sichtbarkeit und Sicherheit. Sie ist ästhetisch und begrenzt Umweltbelastungen auf ein Mindestmaß. Viele der im Handlungsleitfaden vorgestellten Maßnahmen sind zudem einfach und kostengünstig umsetzbar“, so fasst der IGB-Forscher und Studienleiter Dr. Franz Hölker die Anforderungen zusammen. Das Team von Franz Hölker ist in Deutschland und international federführend in der Erforschung der sogenannten Lichtverschmutzung. Davon spricht man, wenn künstliches Licht bei Nacht den Menschen und lichtsensitive Lebewesen negativ beeinflusst. Der Leitfaden stützt sich zum großen Teil auf wissenschaftliche Erkenntnisse, die seine Arbeitsgruppe gemeinsam mit Forschenden des BfN und der Universität Münster in jahrelanger Arbeit gewonnen haben.

Mangels expliziter Regelungen für Außenbeleuchtungen werden Industrienormen zur Beleuchtung in der Praxis oft wie Rechtsvorschriften behandelt. Vielfach werden sogar die Mindestanforderungen der technischen Normen weit überschritten, um eventuelle Schadensersatzansprüche – beispielsweise bei Verkehrsunfällen – auszuschließen und dem Vorwurf vorzubeugen, dass die Straßenbeleuchtung nicht dem Stand der Technik genügt. Das führt dazu, dass der Außenraum oft viel stärker beleuchtet wird als nötig, mit möglichen negativen Auswirkungen für Mensch und Natur. Doch es kann gelingen, die ökologischen Beeinträchtigungen durch künstliche Beleuchtung zu minimieren und dabei zugleich gesellschaftlichen Anforderungen wie Sicherheit und Ästhetik gerecht zu werden.

Die Erstautorin Dr. Sibylle Schroer vom IGB nennt Lösungsbeispiele: „Kommunen sollten Leuchten verwenden, welche kein Licht nach oben abstrahlen. Die Beleuchtungsstärke sollte möglichst niedrig sein und kaltweißes Licht mit einem hohen Blaulichtanteil vermieden werden. Denn die innere Uhr, das sogenannte zirkadiane System, von höheren Wirbeltieren und Menschen reagiert auf blaues Licht besonders empfindlich. Die Verwendung von warmweißem Licht kann die negativen Auswirkungen auf viele Organismen abmildern und wird von Menschen oft als angenehmer wahrgenommen.“

“Straßenbeleuchtung ist verwerflich – sie macht die Pferde scheu und die Diebe kühn”. Quelle: BFN

Die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit dem Juristen für Umwelt- und Planungsrecht, Benedikt Huggins von der Universität Münster, deckte Lücken des Umweltrechts auf, um Organismen künftig besser vor der Belastung durch schlecht installiertes, unnötiges oder zu helles künstliches Licht zu schützen. Die Empfehlungen entstanden auf Grundlage der beiden Forschungs- und Entwicklungsvorhaben „Analyse der Auswirkungen künstlichen Lichts auf die Biodiversität, Bestimmung von Indikatoren für die Beeinträchtigung und Ableitung von Handlungsempfehlungen zur Vermeidung negativer Effekte im Rahmen von Eingriffen“ und „Licht und Glas: Rechtsfragen der Gefährdung von Arten durch Licht und Glas“, gefördert mit Mitteln des Bundesumweltministeriums und inhaltlich begleitet durch das BfN.

Die Einschränkung von Lichtverschmutzung bringt weitere Vorteile etwa hinsichtlich Energieeinsparung und damit des Klimaschutzes sowie für die menschliche Gesundheit. Der Leitfaden bietet Verantwortlichen in Kommunen sowie Licht-, Stadt- und Regionalplanenden eine kostenfreie fachliche Entscheidungshilfe, um den bewussten Umgang mit künstlichem Licht aktiv zu fördern.

Das BfN-Skript ist online abrufbar unter: bit.ly/bfn-543

 

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